Glasaugenstern von Alec Dreppec, 2015, ChiliverlagGlasaugenstern.
Gedichte von Alec Dreppec (2015,
chiliverlag Franziska Röchter, mit Illustrationen von Nicola Koch, Axel Röthemeyer, Eva Simone Scheuermann und Alec Dreppec).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Januar 2015:

Und so fragt auch ihr nach dem Unding/ der Möglichkeit

Alec Dreppec, Jahrgang 1968, ist nicht nur ein bekannter und berühmter Mann. Er ist ein Visionär, ein Sprachkünstler, Poetryslamer und Dichter, aus dem ernsten ebenso wie aus dem komischen Fach, ein moderner Hofnarr mit lauten Zwischentönen und leisen Untertönen, “ein Tippfehler/ der aus den Seiten sprang.“ Er hat die Fächer Psychologie und Germanistik studiert und über das Verstehen und die Verständlichkeit wissenschaftlicher Texte promoviert. Er hat den Science Slam erfunden und noch ein paar Köstlichkeiten mehr. Er hat dem abschreckenden Beruf des „Sprücheklopfers“ unerschrocken eine neue Bedeutung eingehaucht, Zündpotential, wie es heißt, im Bereich Humor, Witz, Blödelei, Pointe und Gag.

Und in der Tat, wenn man die 101 Gedichte aus seinem im chiliverlag unter dem Titel „Glasaugenstern“ herausgebrachten Band liest, erfreut man sich erstaunt und nachdenklich an der Könnerschaft eines Dichters, der mit dem Wilhelm-Busch-Preis ausgezeichnet, selbstbewusst neben Namen wie Christan Morgenstern, Joachim Ringelnatz oder auch Robert Gernhardt und Fritz Eckenga genannt werden muss.

Skurril und komisch sind seine Texte, Zeugnisse eines bunten Schaffens, das kein Thema auslässt und sich für keines zu schade ist, Alliterationen beherrscht, Schüttelreime und wundersame Zungenbrecher, anspruchsvoll um die Ecke denkend. Als Leser gewinnt man den Eindruck, der Dichter seziere Volks- und Binsenweisheiten, Sprache, Worte, Buchstaben und Silben wie ein Botaniker Staubgefäße von Blumen unterm Mikroskop, gewinne Erkenntnisse und Einblicke, um etwas ganz Eigenes zu schaffen und zu entwickeln, hintersinnige, kuriose, unverblümte und abgefahrene Texte, Gedichte, Wortspiele und Kürzestgeschichten, von denen manche, um die zeichnenden Künstler nicht zu vergessen, von Nicola Koch, Eva Simone Scheuermann, Axel Röthemeyer und dem Autor selbst, kongenial illustriert und interpretiert worden sind, und so das Buch auch optisch zu einem Hingucker machen.

Alex Dreppec durchforstet die Sprache, „bis alle Hüllen fallen, wenn wir fallen wollen“, er hinterfragt sie, bricht mit Gewohnheiten, rüttelt und schüttelt sie, schöpft aus ihr und erfindet sie in Teilen neu: „DIE FRAGE IST“// … Hättest Du mich können wollen sollen/ wenn Du mich mal kannst?“

Man liest, lacht und weint, weint, liest und lacht.

Schon die Überschriften der Gedichte haben es in sich: „QUERULANDSCHAFTSBILD“, heißt es da, „UNTER PINIEN, UNTER GÜRTELLINIEN“, „ENTHULZE MICH“, „DAS OSTEREI IST EIN GEFUNDENES FRESSEN“, „LORELAU“, „ODE DES DOKTORFISCHES AN DEN SCHMACKHAFTEN Fuß“ oder ENTEN SIND DIE BOND-AUTOS DER TIERWELT.

Gnadenlos entlarvend sind die Verse des komischen Dichters, voller Spott und Wut, aber nicht selten auch verhalten, tiefgründig und poetisch, getragen von Verständnis, Toleranz, Liebe und Menschlichkeit.

„Reck dich“, lesen wir, „und zieh dem/ Himmel die Wolken aus.“

Oder: „Sei dein eigener Pfeil und schieß‘/ Dich in den Himmel.“

Alex Dreppec schreibt über Politik, Gesellschaft, Liebe, Sterben und Tod, Tiere und Jauche.

Er schickt einen „Funkspruch an Samuel Beckett und Eugene Ionescu“ und fragt sie: „WISST IHR JETZT MEHR“.

Er macht sich lustig und ist doch voller Ernst: „Fahr in den Kopfbahnhof ein,/ wo man mehrspurig fährt,/ verstreue Fahrkartenschnipsel/ und überschreite die Gleise.“

Die Politik kriegt ihr Fett weg: „Es riecht nach Urin am Eurostandbild.“

Die Banken ebenso: „Der Geldhahn/ krächzt die letzte Note./ Nur Mut: Deshalb verkauft man/ doch den Drittwagen nicht.“

Umwelt wird thematisiert: „Sieh’s als Teil von des Allmächtigen Werken, / in Bangladesh ist ja das Meer auch nicht kalt.“

Oder der Umgang mit den elektronischen Medien: „bremse das Gesimse/ kein Jein, kein Schein, pikfein/ offline sein.“

„Du suchst“, heißt es, „im Privaten nach Delikatem.“

Oder: „Ich erkläre mal eben noch auf die Schnelle/ eins der Gesetze, die heute noch gelten:/ Gummibäume entstammen der Gummizelle/ und mutierten im Jura zu Rechtsanwälten.“

Verrückt sind diese Texte, verrückt wie das Leben selbst und komisch, wie Gedanken nun einmal sein können, unglaublich und abgedreht, aber völlig real wie Alex Dreppecs Liebesgedichte, die mit zu den schönsten deutscher Sprache gehören, wie ich denke.

„Hab‘ ich mal ein Glasauge, werf’s ich nach Dir, / während ich gleich schon das zweite riskier‘.“

Oder: „So löst sich die Nacht langsam/ aus ihrer Schale./ Fingerspitzen ertasten die Stille/ und in zwei Fenstern/ erlischt nur ein Licht.“

Oder: „Verbitte Dir bitte die Abbitte nicht!/ Entgeisterte, komm und enthunze mich!“

Alex Dreppec ist ein Visionär, ein Sprachkünstler, ein Spötter, der mit dem Ernst und der Nachsicht eines Clowns Bewusstsein und Betrachtungsweisen suggestiv beeinflussen und womöglich verändern kann.

Er dichtet: „Ich falle dir ins Auge durch/ diese Pupille.“

Oder: „Es ist zwölf vor fünf und was du auch machst - /säg‘ nie an dem Ast, den du dir lachst./ Bevor im Geiste mal nichts mehr blitzt,/ schreib‘ mit der Tinte, in der du sitzt.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen bis vielleicht noch dieses: „flunderläuft er die Regel, dann knödel ihm Gott.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

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