Gilgamesh.Epos.Nachdichtung von Raoul Schrott, 2001, Hanser-VerlagGilgamesh.Epos.
Nachdichtung von Raoul Schrott (2001, Hanser - Wissenschaftlicher Anhang Robert Rollinger und Manfred Schretter).
Besprechung von Hermann Wallmann aus der Frankfurter Rundschau, 11.10.2001:

Er baute die Mauer um Uruk und um das heilige Eanna
In Raoul Schrotts grandioser doppelter Neuübersetzung des Gilgamesh-Epos wird aus einem Superhelden ein Sisyphos. Es wird auch ein bisschen dazugedichtet.

Das Gilgemesh-Epos, vier Jahrtausende alt, vielleicht das erste "aufgeschriebene" literarische Werk der Welt. Jorge Luis Borges hat es in seine "Persönliche Bibliothek" aufgenommen: "Man könnte sagen, daß in diesem babylonischen Buch bereits alles enthalten ist. Seine Seiten flößen das Grauen vor dem Uralten ein und zwingen uns, das nicht zu errechnende Gewicht der Zeit zu spüren." Johannes Bobrowski "sah nach der großen Tiere / Ferne, im Dunkel der Kaspischen See. / Dahinter Enkidu: // wie er nahte / von der Gazellen Tränke, / finstren Gesichts. Ich bin auf der Steppe geboren, / sagt er, kämpfen werd ich / im Zedernwald." Aber eindrucksvoller als die intertextuelle Wertschätzung und die raumzeitliche Phantasmagorie ist das, was Elias Canetti über seine frühe Begegnung mit Gilgameshs Versuch gesagt hat, zum ewigen Leben zu gelangen. Im zweiten Band seiner Autobiografie - Die Fackel im Ohr (1980) - leitet er von ihr sein ganzes Lebenswerk ab: "Ein Recht auf Glanz, Reichtum, Elend und Verzweiflung aller Erfahrung habe ich mir durch die Empörung gegen den Tod erworben. In diesem endlosen Aufstand habe ich gelebt. Und wenn der Schmerz um meine Nächsten, die ich im Lauf der Zeit verlor, nicht geringer war als der des Gilgemesch um seinen Freund Enkidu, so habe ich doch eines, ein einziges vor dem Löwenmann voraus: daß es mir um das Leben jedes Menschen und nicht nur um das meiner Nächsten geht."

Wenn Raoul Schrotts grandioses Gilgamesh-Projekt nur dazu beitrüge, dieses grandiose Aufbegehren von Elias Canetti zu unterstützen, hätte es sich - heute - bereits verdient gemacht. Allein, Raoul Schrott will nicht nur dieses eine, sondern auch ein anderes. Er legt eine Übersetzung vor - und eine eigene "vollständige" Version, offenbar bestärkt durch Rilke, auf den noch die weiten Text-Lücken "irgendwie konstruktiv" gewirkt haben, "indem sie die herrlich-massiven Bruchflächen auseinanderhalten". Einen Ulysses, der die Odyssee literarisch rezipiert habe, stellt Raoul Schrott fest, gebe es für das Gilgamesh-Epos nicht - abgesehen von Hans Henny Jahnns Fluß ohne Ufer, Guido Bachmanns Gilgamesch und Philip Roths Great American Novel. Die Gründe, die Schrott für das Desideratum verantwortlich macht, sind gleichzeitig die Aufgaben, denen er sich stellt: "Die kulturelle Bühne des Epos und seine mythischen Kulissen stehen, anders als das griechische Erbe, zuwenig vor Augen; auf dem Papier wiederum wirkt der Sprechgesang mündlicher Überlieferung ungewohnt und geht erst allmählich ins Ohr; die sprunghaft geraffte Erzählweise erscheint ohne subjektiv psychologisierendes Kostüm nackt und zu wenig motiviert."

Positiv formuliert, schafft die Hanser-Ausgabe so allseitig wie arbeitsteilig Abhilfe: Zu Raoul Schrotts bruchstücküberwindendem Gilgamesh. Epos und seiner philologisch peniblen Übersetzung der (späten) ninivitischen Fassung - beide Arbeiten werden überlieferungsgeschichtlich bzw. poetologisch reflektiert - treten in einem Appendix hilfreiche Aufsätze von Robert Rollinger über den "kulturellen Kontext" und den Weg von der Tontafel zur Übersetzung und von Manfred Schretter über den "literarischen Kontext des Epos". Ein Literaturverzeichnis, eine Chronologie und ein Glossar erhöhen den Gebrauchswert des Buches.

Und so - oral redundant - fängt die Geschichte an (in Schrotts Übersetzung): "Er, der den abgrund sah, die grundfeste unseres landes, / der das meer kannte und wußte, was zu wissen ist, / Gilgamesh, der den abgrund sah, die grundfeste unseres landes, / der das meer kannte und wußte, was zu wissen ist; // Er, der den umkreis der erde sah, land um land, / er, dem sich der tiefste grund aller dinge offenbarte, / er, der die geheimnisse entdeckte und die mysterien erfuhr, / er brachte eine legende zurück aus der zeit vor der sintflut. // Er kam von weit her, war müde, aber fand frieden / und meißelte all seine mühsal auf eine tafel aus stein. / Er baute die mauer um Uruk - den schafpferch, / und um das heilige Eanna, das geweihte schatzhaus." Schon in den ersten Zeilen wird sichtbar, dass es dem Epos nicht um die äußere Handlung einer abenteuerlichen Welt-Reise geht. Tatsächlich gibt es kaum einen Handlungsschritt, der nicht von Träumen und Traumdeutungen - frühen Möglichkeiten eines psychologischen Erzählens - begleitet wird; Raum und Zeit korrelieren nicht logisch, sondern "phantastisch" miteinander, und selbst das Prinzip der epischen Wiederholung, wie es in der ersten Strophe anklingt, hat nicht nur eine mnemotechnische Funktion, sondern steht im Dienst der emanzipatorischen Bewusstseinsveränderung, die das Epos befördert.

Gilgamesh - zu zwei Dritteln Gott, zu einem Drittel Mensch - ist der Herrscher von Uruk. Als seine Untertanen sich bei den Göttern über seine Strenge beklagen, stellen diese ihm Enkidu entgegen, einen mächtigen Tier-Menschen. Der Kampf zwischen Gilgamesh und Enkidu endet unentschieden. Die beiden Männer schließen Freundschaft und überwinden gemeinsam den dämonischen Riesen Humbaba, Wächter über einen Zedernwald. Nach der Rückkehr begehrt die Liebesgöttin Ishtar Gilgamesh zum Mann, der aber weist sie hämisch ab. Wütend schickt sie Gilgamesh den himmlischen Stier auf den Hals. Aber zusammen mit Enkidu kann er auch ihn überwinden. Die Götter schlagen zurück, aber da sie nicht Gilgamesh - der ja, zu zwei Dritteln, einer von ihnen ist - den Tod ankündigen können, verhängen sie die Strafe über Enkidu. Der erkrankt - und stirbt. Weil der verzweifelte Gilgamesh ihn wieder ins Leben zurückrufen will, lässt er sieben Tage lang nicht zu, dass er bestattet wird. Todesfurcht ergreift schließlich auch ihn, und er macht sich auf die panische Suche nach dem ewigen Leben. Er will zu dem Mann, der als einziger die Sinflut überlebt hat. Er gelangt an das Ende der Welt, wo ihn ein Fährmann über die Gewässer des Todes bringt, zu Ut-napishti, der ihm die Geschichte seiner Errettung vor der Sintflut erzählt. Später bekommt Gilgamesh von ihm tatsächlich zwei Unsterblichkeitsrezepte. Das eine verfällt, weil "menschliche" Müdigkeit ihn übermannt, das andere, eine Verjüngungspflanze, verliert er leichtsinnig an eine Schlange. Zusammen mit dem Fährmann kehrt er nach Uruk zurück, mit einer Einsicht, die so modern ist, dass man sie mit Gottfried Benns Worten zusammenfassen möchte: "Ach, vergeblich das Fahren / spät erst erfahren Sie sich." Mit melancholischem Stolz zeigt Gilgamesh seinem Begleiter die Mauer. Die "ewige" Pointe des Epos aber kennen wir bereits aus der dritten Strophe: Gilgamesh findet Frieden und kompensiert seine Sterblichkeit, er "meißelt all seine mühsal auf eine tafel aus stein" - eine Formulierung, die nicht nur die Mühsal der Erlebnisse meint, sondern auch die des Schreibens, nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form. (Welche elektronischen Speichersysteme werden die Keilschrift überdauern?)

Borges hat schon recht, in diesem Buch ist alles schon enthalten, die "künftige" Weltliteratur ebenso wie die Entzauberung der Welt, Motive, die bei Homer, in der Bibel, in den Märchen aus 1001 Nacht "wiederkehren", ebenso wie eine existentialistische Diesseitigkeit, das Leben und die Kunst, die ihm Dauer verleiht.

Und letztlich ist in ihm schon angelegt, was Raoul Schrott - "mimisch frei und doch mimetisch" - aus ihm gemacht hat. Ohne gegen Geist und Buchstaben des (seinerseits ja aus vielen, zeitlich weit auseinanderliegenden Quellen zusammengesetzten) Originals grundsätzlich zu verstoßen, kann er den archaisch auktorialen Sprechgesang an Figuren festmachen und die sprunghaft geraffte Erzählweise überwinden, "indem er gewissermaßen die prosaischen Elemente der Poesie wie die dramaturgischen Seiten des Epos akzentuiert: sie ebenso mittels Wechselreden wie durch Botenberichte der Figuren vorführt: als Totenreden in der Unterwelt." Eine Regieanweisung bestimmt als den Ort der Handlung Irkalla, die von sieben Mauern ringförmig umgebene Totenstadt, aus deren Dunkel die Personen hervortreten, in 30 kompakten Szenen (statt der 11 bzw. 12 Tafeln).

Und trotzdem ist das nicht nur ein Gewinn. Wer zuerst Raoul Schrotts Gilgamesh in seiner noch im Schweren schwerelosen Sprache liest, wird im "Zweiten Buch" seine Schwierigkeiten bekommen mit der Übersetzung; wer zuerst diese (kompilierte) Übersetzung liest, sehnt sich im "Ersten Buch" bisweilen zurück nach den "herrlich-massiven Bruchflächen", die bei Raoul Schrott noch ahnbar bleiben, obwohl die Übersetzung den Anspruch erhebt, dass sie "auf einem Querschnitt durch die gegenwärtige europäische Assyrologie" basiert und sich bemüht, "die einzelnen Ergebnisse synthetisch in eine Gestalt zu bringen". (Wenn Schrotts Urteil, die deutschen Publikumsausgaben von Schott / von Soden und Schmökel seien hoffnungslos veraltet, mehr meint als den Forschungsstand, der ihnen zu Grunde liegt, sind freilich ein paar faire Zweifel angebracht; Canetti verdankt seine Ergriffenheit der Übersetzung von Albert Schott, die bei Reclam vorliegt.)

Eines aber vermag nach der Lektüre der "beiden" Epen in der Tat zu verblüffen. In dem Abschnitt "Das Exemplarische und das Individuelle" reflektiert Schrott die "crux" seiner Aufarbeitung des Stoffs: "Wie diesen Figuren, von denen durch die ungeheure zeitliche und kulturelle Distanz nur mehr ein Skelett erkennbar ist, Gestalt schenken, wie ihnen Fleisch und Blut geben? Und wie ihnen, denen einem antiken Epos gemäß vor allem exemplarische Emotionen in den Mund gelegt waren, zu einem individuellen Innenleben verhelfen?" Mag diese Frage hermeneutisch naheliegen - ästhetisch ist sie so "notwendig" nicht, wenn man daran denkt, dass sich ein Skelett ja im Kopf des Lesers wieder mit Fleisch und Blut füllen kann. Aber ausgerechnet da, wo sozusagen die Vorlage hoffnungslos veraltet zu sein scheint ("das Göttliche als erste Instanz"), macht Schrott die Beobachtung, dass sich Aktualität wie von selbst einstelle: "Das Fatalistische wie das Vergnügungssüchtige (...), die egoistische Begierde nach Transzendenz, das eitle Aufbegehren gegen die Götter und das Scheitern an ihnen, all das kann einem scheinbar atheistischen Zeitgenossentum kaum näher sein, ja ließe sich leichter in einem Barrio, an der Frankfurter Börse oder im Kosovo inszenieren, als es in ferner Vergangenheit zu betrachten."

Was Raoul Schrott - ohne Poesie zu erfinden - hinzugefügt hat, sind in seiner Fassung der Prolog und der Epilog in der Unterwelt. Im Prolog reden die Götter über die Bedingungen, die Gilgamesh gestellt hat, ehe er in die Unterwelt geht, er will seinen eigenen Himmel. Im Epilog wird die Verhandlung fortgesetzt. Gilgamesh hält ein Plädoyer in eigener Sache, er wirft den Göttern die Inkonsequenz vor, von den Menschen Verehrung zu erwarten, sie aber als Sterbliche zu schaffen: "Stirbt mit den menschen nicht auch eure welt?"

Die Antwort gibt Shamash, der Gott der Sonne. Gilgamesh solle sich seinem Tod ergeben, sich in sein Sterben schicken: "Du wolltest dein leben lang unsterblichkeit - / und hast dich dafür an den göttern versucht: dafür / zahlst du jetzt / Der einzige himmel / der dich erwartet ist der in dem du geschichten erzählen / darfst - hier kannst du gern ein gott sein - ein gott aber der toten". Shamash gesteht ihm zu, er möge jetzt an seiner Statt Satzungen verkünden, Urteile über den Tod sprechen. Und Raoul Schrott ist so klug, dass er den Epilog offen enden lässt. In seinem Vorwort hatte der Übersetzer / Nachdichter die "Neuigkeit" des mesopotamischen Epos darin gesehen, dass aus dem übergroßen Helden nun "ein tragischer Protagonist mit sisyphosähnlichen Zügen" geworden sei, "der tagtäglich an seiner Stadtmauer baut und dem auf die Frage nach dem Leben und dem Überleben bloß die Antwort eines Ergreife den Tag und Erkenne Dich Selbst beschieden wird."

Durchaus in diesem Sinne hat in seiner Münchener Rede "Der Beruf des Dichters" (1976) Elias Canetti Gilgameshs "ungeheure" Konfrontation mit dem Tod als die einzige bezeichnet, die den modernen Menschen nicht mit dem bitteren Nachgeschmack des Selbstbetrugs entlasse: "Hier möchte ich mich als Zeugen für einen beinahe unglaubwürdigen Vorgang anbieten: kein Werk der Literatur, buchstäblich keines hat mein Leben so entscheidend bestimmt wie dieses Epos, das viertausend Jahre alt ist und bis vor hundert Jahren niemand bekannt war." Wem es bis heute nicht bekannt ist, der hat jetzt eine vorzügliche Gelegenheit, es - nebst archäologischer Vorgeschichte und poetologischer Nachgeschichte - kennenzulernen und Canetti für äußerst glaubwürdig zu halten.

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