Giganten von Peter Henning, ResidenzGiganten.
Erzählungen von Peter Henning (2002, Residenz).
Besprechung von Daniel Kehlmann in der Frankfurter Rundschau, 28.3.2003:

Schmetterlinge und Vatertod
Peter Hennings Erzählungen widmen sich den dunklen Seiten des Familienlebens

"Nur wer es nicht besser weiß, wird glauben, der Sturm letzte Nacht habe die Falter von ihrer Route abgebracht und an Land getrieben. Ich aber weiß, dass sie in Wahrheit hierher kommen, um uns den Tod zu bringen." So beginnt Peter Hennings Kurzgeschichte "Transatlantische Nächte", eine unheimliche, ins Rätselhaft-Surreale spielende Meditation über einen Sohn und den Selbstmord seines Vaters. Die Geschichte findet sich, wohl nicht zufällig, genau in der Mitte von Hennings Erzählband Giganten, einem Buch, das trotz seiner Kürze mehr erzählerische Substanz haben dürfte als so mancher dicke Roman.

Das Thema des Vaters und des Vatertodes hat Henning bereits vor zwei Jahren in seiner Novelle "Aus der Spur" behandelt, und auch sein erfolgreicher Debütroman Tod eines Eisvogels (1997) hatte sich, anhand der Beziehung eines Bruders zu seiner geistig behinderten Schwester, den dunklen Seiten des Phänomens Familie gewidmet. Die Familie scheint Hennings Hauptthema zu sein; er ist nicht einer der Autoren, die sich mit jeder Arbeit einem neuen Inhalt zuwenden, sondern einer, der versucht, ein und denselben Gegenstand immer von neuem zu umkreisen, immer genauer und passender literarisch zu fassen. Mit der vorliegenden Sammlung, so viel ist sicher, ist ihm hier ein weiterer großer Schritt gelungen.

Der Titel ist ironisch gewählt, natürlich, aber zugleich auf eine merkwürdig buchstäbliche Weise passend: Hennings Figuren müssen sich, ähnlich wie jene Raymond Carvers, den Henning schon lange vor den meisten Literaturkritikern dieses Landes gelesen und in kenntnisreichen Artikeln kommentiert hat, den lautlosen Katastrophen ihres Alltags stellen: Unversehens bekommen sie in ihrer heroischen Mittelmäßigkeit, ihrer Entschlossenheit, den von vorneherein verlorenen Kampf nicht aufzugeben, etwas Überlebensgroßes. Bereits in der ersten Geschichte, "Der Sammler", wird die Hauptfigur durch eine geradezu lächerlich unglückliche Verkettung von Zufällen bei dem Versuch, ein paar Illustrierte für sein krankes Kind zu stehlen, zum Totschläger. Der Mann entkommt, geht mit "zitternden Händen" zu Bett und, so der lakonische Schlusssatz, versucht "sich vorzustellen, wie die Welt wohl morgen für ihn aussehen würde". Es ist schon meisterhaft, wie hier eine ganze Welt der Schuld, Verstörung und Gewissensqualen in der Aussparung eines einzigen Satzes beschworen wird.

In der Erzählung "Bist du glücklich?" kehrt ein Mann nach Jahren der Abwesenheit in seine Geburtsstadt zurück. In einer Bar lässt er sich, unerkannt, vom Barmann das Schicksal verschiedener alter Bekannter und dann der eigenen Familie erzählen und bringt schließlich vorsichtig das Gespräch auf sich selbst: Unwissend, mit wem er redet, erzählt der Barmann ihm seine eigene durch Gerüchte und Hörensagen verzerrte Geschichte. ",Und die Kinder?' fragte Schmidt, wobei er sein Glas auf einen Zug leerte. ‚Was ist aus den Kindern geworden?' ‚Die leben hier nicht mehr', sagte der Barmann. ‚Angeblich beide ziemlich verkrachte Existenzen. Na, bei solchen Eltern. Kein Wunder!' ‚Ja, kein Wunder', sagte Schmidt nachdenklich und fixierte ein letztes Mal sein dösendes Gegenüber."
Mit Peter Henning ist für die Propaganda vom Neuen Deutschen Erzählen kein Staat zu machen: Hier geht es um Existenz und Verzweiflung, um das ganz normale Scheitern und die gelegentlichen Siege des menschlichen Alltags, nicht um echte oder vorgebliche Jugendliche, sondern um die unendlichen Schwierigkeiten des erwachsenen Lebens; auch der Ton dieser Prosa ist bewusst, reif und kontrolliert, mit anderen Worten, es ist der Ton genuiner literarischer Kunst. "Doch wenn ich an die Falter denke", so das Ende von "Transatlantische Nächte", "und das Sirren, mit dem sie über uns kommen, um einen von uns mit in den Tod zu nehmen, dann regt sich etwas in mir, das mir sagt, dass sie es sind, die verhindern, dass ich jemals die Stücke finden werde, die zusammenzufügen wären, um zu verstehen, warum (der Vater) getan hat, was er tat." Zu verstehen, warum Menschen tun, was sie tun; ist das nicht ein Hauptziel guter Literatur? In Peter Hennings Literatur jedenfalls geht es letztlich um nichts anderes, und das ist wohl nicht der schlechteste Grund, diesen leisen und großartigen Erzählband zu lesen.

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