Gier von Elfriede Jelinek, 2000, Rowohlt1.) - 3.)

Gier.
Roman von Elfriede Jelinek (2000, Rowohlt).
Besprechung von Ulrich Weinzierl aus Die Welt vom 30.9.2000:

Das Buch der Woche: Wo die Menschenfresser sind
Elfriede Jelineks neuer Roman führt ins tiefste, finsterste Österreich

Willkommen in der Steiermark. Man sollte sie sich nicht zu idyllisch vorstellen. Denn die Steiermark ist Jelinek-Land, und da wohnen die Gierigen und Lüsternen. Der Gierige in Jelineks neuem Roman heißt Kurt Janisch. Kurt ist Gendarm und ein Mann, der den Frauen gefällt. Was er gnadenlos ausnutzt, um seinen Immobilien-Besitz zu erweitern. Und weil er mit einer allein nicht recht ausgelastet ist, treibt sich Kurt Janisch mit einer 16-Jährigen herum, bis er sie dann, weil sie seinem Häusersammeltrieb im Wege stehen könnte, umbringt. Das ist böse, decouvrierend und gemein. Ein angeblicher Unterhaltungsroman, der einem mit seiner in virtuos beherrschte Sprache gebrachten Hass die Nackenhaare aufstellt.

Kein Grund zur Besorgnis: alles wie gehabt. In ihrem jüngsten Opus magnum beschwört die Autorin lauter gute alte Bekannte herauf. Wir kennen die Gegend und die Themen, die Obsessionen und viele Motive aus früheren Werken zur Genüge - von den 1975 veröffentlichten "Liebhaberinnen" über "Die Klavierspielerin" aus dem Jahre 1983 bis zu den "Kindern der Toten" von 1995. Man bewegt sich also auf vertrautem Gelände, einer sehr persönlichen Topographie des Terrors zwischen Tragödie und Farce. Wichtiger scheint freilich: Hier wird ein schon bisher unverwechselbarer Ton auf die artistische Spitze getrieben. Und die Tonkünstlerin hält ihn dort 462 Seiten lang und hält ihn durch - hoch artifiziell, konkurrenzlos schneidend und zugleich unverkrampfter als je zuvor. Sie tut's zudem ohne Rücksicht auf Sympathieverluste....Fortsetzung

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Gier von Elfriede Jelinek, 2000, Rowohlt2.)

Gier.
Roman von Elfriede Jelinek (2000, Rowohlt).
Besprechung Hans Putzer aus Rezensionen-online *Sz*, 04/2000:

Gefangen im Weltekel

Jelineks jüngster Roman ist allgegenwärtig. Kein Feuilleton, keine Literatursendung in Radio oder Fernsehen kommt an diesem Text vorüber, dessen schwere Lesbarkeit so ziemlich der einzige gemeinsame Nenner all dieser Besprechungen ist. Die deutschen Kritiker haben es ja noch leichter: Sie können den Roman als Darstellung einer dann nicht mehr weiter reflektierten "Alpenbestialität" verstehen.

Zu all dem gilt die Jelinek - und das völlig zu Recht - als eine der wichtigsten und herausragenden Autorinnen unserer Zeit:

Dennoch: "Gier" ist kein gutes Buch. Nicht des Inhaltes wegen: Die Geschichte vom skrupellosen, scheingemütlichen Dorfgendarmen Kurt Janisch ist rasch nacherzählt: Janisch nützt seine Position um sich alleinstehenden, vom Leben enttäuschten Frauen anzunähern. In seiner Gier nach Geld, Besitz und sexueller Hörigkeit findet er in diesen Frauen willige Opfer. Der Mord, der am Ende der "Beziehungen" steht, ist nur die letzte Konsequenz dieses Verhaltens. Diese Geschichte eines gierigen Mannes, der sich die Körper und die Häuser der Frauen unter deren zustimmender Mithilfe holt, ist nur die Oberfläche einer - wie in Jelineks Texten üblichen -Analyse der gesellschaftlichen Zustände, die dies erst ermöglicht. Dass hier auch die aktuelle politische Konstellation Österreichs nicht zu kurz kommt, versteht sich ohnehin von selbst.

Die Autorin scheitert nicht am Thema, sondern an der literarischen Verfahrensweise. Wo die Welt nur mehr schlecht ist, haben auch politisch intendierte Texte ihr Recht verloren. Wozu gegen eine Welt anschreiben, die keine Hoffnung verspricht? Jelinek, die in ihren früheren Texten, insbesondere bei den "Liebhaberinnen" und der "Klavierspielerin" ihre ganz persönliche und unverwechselbare epische Distanz entwickelt hat, wird zur Gefangenen ihres eigenen Weltekels. Dass sich eine Erzählerin ständig in den Erzählfluss einbringt, ist legitim, wenn der Plot allerdings nur mehr als Vorwand für diese Reflexionen dient, wird der Text fragwürdig. Früher war oft metaphorisch vom Skalpell die Rede, mit dem Jelinek ihre Stoffe sprachlich sezierte, doch die Gier - wohl mehr mit dem Herzblut der Autorin verfasst - kommt mit einer barock-marxistischen Sprachwalze daher, die bestenfalls mit einigen, wenig gelungenen Sprachspielen zum mühsamen Weiterlesen verlockt.

Das vielleicht gelungenste Beispiel dafür, das allerdings bereits auf Seite 29 zu finden ist: "Raiffeisen hält also auch die Hand auf, nein, beide Hände, und dazwischen unser Hals."

Schade, man wird nun wieder mehr Energie aufbringen müssen, die Jelinek gegen die tumben Zeitgeistrabauken, die schon immer gegen sie waren, zu verteidigen. Nach dem Roman "Lust" und dessen von Jelinek selbst eingestandenen literarischen Scheitern hätte es die Autorin besser wissen können.

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3.)

Gier von Elfriede Jelinek, 2000, RowohltGier.
Roman von Elfriede Jelinek (2000, Rowohlt).
aus der Lisbeth Legat, Amazon.at-Redaktion:

In diesem "Unterhaltungsroman", der niemanden unterhalten kann oder soll, geht es um den obersteirischen Gendarm Kurt Janisch, der "besessen" von Gier ist -- der Gier nach Frauen, der Gier nach Besitz, der Gier nach Häusern. Seine Realität besteht aus drei Ebenen: seiner Ehefrau, seinem Opfer Gerti, der Städterin, die aufs Land gezogen ist, und deren Haus er unbedingt besitzen möchte und der 16-jährigen Gabi, die zwar kein Haus, aber ungenutzte Räume in sich birgt. Da diese "Dreigleisigkeit" auf Dauer nicht gut gehen kann, greift er zur brutalsten aller Möglichkeiten: Er bringt die junge Gabi um und versenkt sie im Baggerteich.
Ineinander und miteinander verwoben sind die Erzählstränge -- die erzählenden Personen wechseln ständig oder die Erzählerin greift ein -- ohne Rücksicht auf den Leser. Erzählt wird eine Geschichte der Brutalität, der "Gier", der Vereinnahmung bis zum Tod. Wobei sich diese beiden Begriffe -- Frauen und Häuser -- derart ineinander verweben und zu austauschbaren "Objekten" werden, dass die Erzählerin oft selbst nicht mehr unterscheiden kann, von welchem der beiden Begriffe sie eben erzählt. Der Mann als besitzergreifender Eindringling in Häuser und Frauen, der Mann aber letztlich auch als Opfer seiner Umgebung, des -- kaum angedeuteten -- politischen Umfeldes, der neuen Gesellschaft, in der Besitz wichtiger ist als alles andere. Nicht zuletzt dokumentiert Jelinek mit der Beschreibung des Baggersees, in dem die Leiche der 16-jährigen Gabi liegt -- einer der eindringlichsten Teile des Romans -- den Zustand der Gesellschaft dieses Landes.

Ein schwer lesbarer Roman, ein "stilloser" Roman, der dem Leser einiges abverlangt, der jegliche humane Einstellung bewusst im Keim erstickt, der die Menschen als Täter und Opfer zeigt, und der letztlich dem Leser keinerlei Spielraum lässt -- zu eindringlich und despotisch zeichnet er die Wirklichkeit. 

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