Gezählte Tage von Julian Schutting, 2002, ResidenzGezählte Tage.
Notizen von Julian Schutting (2002, Residenz).
Besprechung von Gerhard Zeillinger aus Rezensionen-online *LuK*:

Julian Schutting: Gezählte Tage
Poetik des Alltäglichen

Es gibt einen Gedichtband von Peter Huchel, der heißt "Gezählte Tage" und meint natürlich das Vergängliche. Julian Schutting, der in diesem Herbst 65 geworden ist, hat sich erst in fortgeschrittenem Alter darauf eingelassen, Tagebuch zu schreiben, vorübergehend wenigstens, und was hier reflektiert wird, überwiegend abstrakte Außen- und Innenwelten, trägt wohl eine stille Ahnung vom Vergehen, aber Vergänglichkeitsdichtung, gar im elegischen Sinne, ist das nicht, es ist vielmehr das formale Moment, das Zählung impliziert, die Tagebuchform, mit der der Autor, eigenem Bekenntnis zufolge, Neuland betreten hat.

Gut vier Jahre hindurch, vom April 1997 bis zum September 2000, hat Schutting ganz bewußt Tagebuch geführt, nicht mit einem privaten Anspruch, auch nicht mit dem Hintergedanken, es werde dereinst aus seinem Nachlaß den Weg an die Öffentlichkeit finden, wie das bei Dichtertagebüchern die Regel ist. Nein, Schutting zeichnete auf, um mit diesen Notaten ein literarisches Werk zu formen: "Die Tagebuchform hat mir nie zuvor Erprobtes gestattet, vielerlei von dem, was mir der Tag oder die Nacht so zuträgt, nicht verwehen zu lassen". In der offenen Form des Tagebuchs hat die Literatur um nichts weniger zu leisten als im geschlossen Fortlaufenden einer Erzählung, eines Romans. Schutting sind die kleinen Betrachtungen nicht ein Ausschnitt, sondern das Ganze, nicht ein Fragment, sondern ein Gesamtwerk. Ungeachtet vorgeblicher Erwartungshaltungen zwingt uns Schutting, seine Notizen genauso zu lesen wie ein Gedicht, und in der Tat, es gibt da keinen qualitativen Unterschied, die dargestellte Wirklichkeit erscheint hier nicht minder verdichtet und poetisiert. Wenn Schutting, ein Meister der Beobachtung und Deskription, zu präzisen Beschreibungen alltäglicher Naturvorgänge ansetzt, was sollte daran weniger interessieren, wenn nicht von den großen Dingen der Welt, sondern "bloß" vom Flüggewerden junger Vögel oder dem Reifen von Zucchinipflanzen die Rede ist? Schutting beschreibt dies mit ebensolcher Hingabe, wie er nachttraumartige Sinneswahrnehmungen wiedergibt oder Kunstobjekte in ihrer Schönheit erahnbar macht.

Journale, Tage- und Notizbücher sind auf dem österreichischen Büchermarkt in diesem Jahr kein seltenes Textgenre, doch ist Schuttings Prosa dort gewiß nicht einzureihen, genausogut könnte sein Buch "Gezählte Bilder" heißen, und das macht deutlich, daß es hier nicht um chronologische politische Reflexion, um Tagespublizistik geht, sondern um eine Ästhetik des Alltäglichen, die freilich nicht unpolitisch ist.

Aber es ist nun einmal das Wesen von Tagebüchern, daß sie sich durch die zeitliche Begrenzung definieren, und natürlich erfährt der, der da schreibt, ebenso eine Zählung. Das wird dem Ich dieser Notizen begreiflich, wenn es seine prekäre Beziehung zur Lebenspartnerin reflektiert: "ginge es mir mit R. nicht sehr gut? was doch noch oft sein wird, notiere und photographiere ich, wie in gezählten Tagen", und wenn es bloß ein Moment alltäglicher Irritation ist, die in ein symbolisches Bild mündet: "zu vieles von dem, was geschlossen sein sollte, sehe ich offenstehen." Immerhin, da geht es um die Vergänglichkeit der Dinge, die der registriert, der in ihr Wesen eintaucht, sich ihnen gegenüber und doch als Teil von ihnen reflektieren muß, auch wenn der Schreibende vorweg einschränkt: "daß es mir, bei aller […] Hingabe an die Außenwelt, nicht gelungen ist, von meiner Schriftstellerexistenz Abstand zu nehmen".

Dabei ist genau das, eine noch größere Distanz sich selbst gegenüber aufzuerlegen, über weite Strecken mit unübersehbarer Disziplinierung durchgehalten worden. Einzig der Schluß - statt der üblichen Datierung steht "Endtage" - will ein Gegensatz sein; er widerspricht nicht nur der Form der tagebuchartigen Verknappung und Präzision, die letzten Seiten sind vielmehr ein Text für sich, ein Stilbruch eigentlich, denn hier wird auf einmal, was im ganzen Buch nicht geschieht, erzählt, hier liegt das Fragment einer (Liebes-)Geschichte vor, die etwas ganz anderes zu beschließen scheint: die Narratio einer offenbar komplizierten Beziehung, die in all den Tagebuchnotaten davor geradezu merkwürdig unterdrückt wird, als dürfte gerade das Private des Dichters kein Anschauungsmaterial sein.

In einem Fernsehinterview kurz vor Erscheinen seiner "Gezählten Tage" nannte Schutting es langweilig, wenn Schriftsteller ihre Seelenlandschaften beschrieben. War das der Abschied von der Ich-Bezogenheit in der Literatur, unter die doch auch frühere Werke Schuttings zu zählen sind? Ist hier ein Perspektiven-, mehr noch, ein Paradigmenwechsel benannt? Es gilt wohl auch der Blick auf das fortschreitende Alter: der Schreibende nimmt sich zurück, wird abgeklärter. In der Tat übermittelt uns Schutting zunehmend Außenwelten, so objektiviert, daß auch, wenn dann doch Innenwelt reflektiert wird, diese wieder zur Außenwelt wird - distanziert, sachlich, nüchtern. Schutting versteht es nicht nur, er hat es sich zur Maxime gemacht, Gefühlsregungen zu dämpfen, eine innere Ruhe über alles Konfliktträchtige zu legen. Auch darin, nicht nur in der peniblen Beschreibung kleiner Dinge - ein untrügliches Reifezeichen -, gleicht er Adalbert Stifter.

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