Gewäsch und Gewimmel von Brigitte Kronauer, 2013, KlettGewäsch und Gewimmel.
Roman von Brigtte Kronauer (2013, Klett-Cotta)
Besprechung von Jens Dirksen aus NRZ vom 02.01.2014:

Brigitte Kronauers neuer Roman "Gewäsch und Gewimmel"
Brigitte Kronauers Roman „Gewäsch und Gewimmel“ spiegelt, dass wir mehr erfahren und wissen, als wir einordnen können. Dabei schreitet sie zugleich Kernfragen unserer Gegenwart ab: die nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit.

So einen Roman wie „Gewäsch und Gewimmel“ hat selbst die vor 73 Jahren in Essen geborene, in Bochum aufgewachsene und mit aber vielen Literaturpreisen dekorierte Brigitte Kronauer noch nicht geschrieben: Hunderte von Episoden, Anekdoten und Geschichten, die zusammengenommen ein Universum ergeben, wie es sich über wahrscheinlich jeden Zeitgenossen spannt, der mit offenen Augen durch das 21. Jahrhundert geht.

Dass es so viele Storys und merkwürdige Begebenheiten sind, die zusammengenommen das „Gewimmel“ und auch das „Gewäsch“ des Titels ergeben, spiegelt in diesem Roman ein Zeitalter, in dem so viele Informationen, Details und Ereignisse durch die Lüfte schwirren wie nie zuvor. Es sind die Massenmedien, die uns ein Tausend- und Abertausendfaches von dem wissen lassen, was unseren Vorfahren zu Ohren und vor die Augen kam. Mit Folgen.

Kernfragen unserer Gegenwart

Denn verarbeiten, sinnvoll ordnen oder gar deuten lässt sich die Welt um uns herum aber nicht einmal dann, wenn man sich auf einen kleinen Ausschnitt konzentriert. Wie beispielsweise die Praxis einer Krankentherapeutin. Hier nämlich lässt Brigitte Kronauer alle Fäden und Fasern ihres Wimmelromans zusammenlaufen. Im Wartezimmer und auf den Pritschen der rothaarigen Elsa landet irgendwann fast jeder, der den Horizont dieses Buches kreuzt – und sei es als Geschichtenkern.

Luise Wäns vor allen anderen, die ältere und doch verliebenswillige Dame, aber auch ein humaner Bio-Metzger und ein Priester, ein Umweltschützer, der sich um die Renaturierung verzivilisierter Landschaften verdient macht, ein Dichter dazu, Studenten, Hausfrauen und Kammerjäger, um nur einige zu nennen. Ständig schwenkt die Perspektive, oft mehrmals pro Seite, was die Erzählweise anfangs sehr nervös wirken lässt, bevor sich dann ein rauschender Grundsound einstellt. Den wiederum wird man vermissen, sobald man den Roman beiseite legt.

Brigitte Kronauer schreitet auch mit diesem kunstvoll-unabsichtlichen Roman Kernfragen unserer Gegenwart ab: die nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit, nach dem, was jenseits des entfremdeten, simulierten Lebens den Kern eines „echten“ oder gar „wahren“ abgeben könnte. Selbstverständlich ist in der Physiotherapie, bei der unablässigen Wiederherstellung von Lebens- und Arbeitskraft mitunter auch viel Gewäsch zu hören – am Ende aber stellt selbst das noch stets der Ausschnitt eines Lebens dar, das nicht nur einmalig, sondern auch individuell ist. Und allemal wissenswert, im Gelingen wie im Scheitern.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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