Gestern noch von Kathrin Groß-Striffler, 2007, AufbauGestern noch.
Roman von Kathrin Groß-Striffler (2007, Aufbau).
Besprechung von Dorothea Dieckmann aus Die Zeit, 22.3.2007:

Da lachen die Hirsche
Kathrin Groß-Striffler hat Erfolg mit den morschen Klischees von vorgestern.

Kommen wir am Anfang zum Ende. Eben ist ein Kuss getauscht worden. Lesen wir: »In diesem Augenblick wusste ich, dass ich sie verloren hatte. Kälte kroch mir den Rücken hinauf. Ich wandte mich ab. Sie nahm meine Hand, doch ich entzog sie ihr. ›Jetzt weißt du es‹, sagte ich mühsam. … ›Ich habe dich sehr lieb‹, sagte sie. ›Weißt du das?‹ Ich nickte stumm.« Noch eine halbe Seite, und es heißt: »Das ist die ganze Geschichte.« Endlich. Es ist die Geschichte einer jungen, schlanken Frau mit langen, schlanken Fingern und langem, im Nacken zusammengebundenem Haar, aus dem sich ab und zu eine freche Strähne löst. Sie hat »etwas Natürliches, Frisches«, anders als die Mädchen, »die sich schminkten und in ihren Miniröcken über den Pausenhof stolzierten«, und ist trotzdem »irgendwie einsam und verletzlich«.

Aus der feinen Oberstadt kommt Maria zum Reiten auf den Bauernhof und verliebt sich bei der Pflege eines verletzten Kätzchens in den Jungbauern und großen Bruder des Erzählers, Johann, der längst an einer einschlägigen Halsentzündung leidet – ist doch seine Stimme in ihrer Gegenwart stets »rau« oder »heiser«. Bald darf er mehr als nur schützend den Arm um sie legen, denn man heiratet gegen den Willen von Marias reichen Eltern, doch zur Freude der guten al- ten Bäuerin, die bei jeder Gelegenheit »Vergelt’s Gott« sagt. Nur ach, Johann ist zwar »groß und muskulös und hatte ein breites, freundliches Gesicht«, ist aber doch etwas zu bescheiden für ein Mädchen, das sich auch mal nach dem Lichtermeer der Großstadt namens W. sehnt – offenbar Würzburg, Geburtsort der Autorin (man rate, für welche Stadt dieses Kürzel steht: »›B.!‹ flüsterte meine Mutter ehrfürchtig«). Aber auch der Erzähler Nikolas, fünfzehn und hochbegabt (daher sein Talent zum Dichten), verliebt sich in die Schwägerin, die im Lauf der Ehe nicht nur »weicher und fraulicher«, sondern auch immer unglücklicher wird… und so weiter und so weiter.

Kein Zweifel, Gestern noch ist die ideale Lektüre für den Pauschalurlaub in Fuerteventura, wenn man früh mit dem Handtuch den Platz am Pool belegt hat und beim Sonnenbad die deutsche Reiterhofidylle genießen will, inklusive ihrer tragischen Schattenseiten und ihres holzgeschnitzten Vokabulars – »hingegen« und »indes«, »Brauch« und »Behaglichkeit«, »bitterlich« und »bang«, »pulsierendes Leben« und »zarter Schmelz«.

Kathrin Groß-Striffler debütierte als 45-Jährige, nach einem Sprachenstudium und einigen Auslandsjahren, darunter ein Jahr auf einer Pferdefarm im amerikanischen Mittelwesten, im Jahr 2000 mit einem Kurzgeschichtenband. Das Buch ist vergriffen, doch vermittelt eine Kurzgeschichte in der Onlinezeitschrift Wandler (Heft 27/2001, Wintertraurigkeit und wie man darüber hinwegkommen kann) einen Eindruck. Beginnend mit dem Satz »Wenn eine leichte Brise durch die alten Pappeln unten am Parcoursplatz weht, fangen die Blätter an zu flüstern«, behandelt sie das Hauptthema der Autorin.

Um Pferde geht es auch im ersten Roman Das Gut; hier heiratet ein kleiner Mann in eine adlige Gutsbesitzerfamilie ein – in Umkehrung des jüngsten Romans, aber, trotz aufwendiger Perspektiv- und Zeitwechsel, in ebenso klischierter Sprache: »Erst als sich die Gäste verabschiedet hatten, war er aus dem Dunkel des Hofes auf sie zugetreten… Und dann hatte er sie, die mit einem Mal gänzlich willenlos war, …ins Schlafzimmer geführt. Aus dieser Nacht war Malte hervorgegangen.«

Im zweiten Roman Die Hütte, im selben Jahr erschienen, wandelt sich der Stil um 180 Grad. Diesmal befinden wir uns unter Pferden in den USA und in einer monoton treibenden, aufzählend-beschreibenden Erzählung von beachtlicher Sogkraft, die allmählich – leider – ein kläglich melodramatisches Frauenopfer mit allen Missbrauchsschikanen enthüllt. Ein weiterer Erzählungsband von 2004 experimentiert mit allerlei Schreibweisen und zielt, ganz in der Tradition der Short Story mit ihrer Tendenz zur Entlarvung, auf die Denunziation dessen, was der Titel – Herr M. und der Glaube ans Glück – verspricht. »Am Abend klopft die Nachbarin an meine Tür. Dass dem Jakob im Forst die Kettensäge ausgerutscht und in den Bauch gefahren sei, hat sie zu vermelden.«

Mal Schmus, mal Splatter, mal butterweich, mal beinhart: Groß-Strifflers Schreiben hat die Konstanz eines Chamäleons. Auf der anderen Seite überrascht die Reaktion der literarischen Instanzen. Für die »harten« Produkte gewann die Autorin Preise und Wettbewerbe, wurde aber von der Kritik weitgehend ignoriert beziehungsweise höchst skeptisch beurteilt; im Feuilleton erklang gar, wie ein nachträglicher Rückzieher, Ablehnung aus Jurykreisen. Das verhinderte nicht einmal der Durchbruch mit dem Alfred-Döblin-Preis für einen Auszug aus der Hütte. Chamäleonhafte Verwirrung also auch in der professionellen Rezeption.

Bleibt als größtes Rätsel der Offenbarungseid des neuen Buchs, das die Klischees und die in kommerziellen Mustern von vorgestern erstarrte Sprache von Das Gut wieder aufnimmt und zu einem Trivialroman erster Güte verbindet – diesmal zudem ohne jede erzählerische Eigenheit, sondern im braven Wechsel von Situation und erläuterndem Exkurs. Da röhrt der Hirsch, da kalbt die Kuh, da springen die Eichhörnchen behände von Ast zu Ast, und in der Stube knistert alleweil das Herdfeuer. Das Mädchen umschließt mit beiden Händen die warme bauchige Tasse, der Junge kauert fröstelnd mit um die Knie geschlungenen Armen. Kein Ironiesignal, keine Stilbrechung deutet auf eine Parodie- oder Kolportageabsicht.

Wenn literarische Kunst, wie unterhaltsam auch immer, der Betäubung und Automatisierung unserer Wahrnehmung entgegenwirkt – gehört dann dieser versteinerte Kitsch in einen Autorenverlag beziehungsweise in die Spalten der Feuilletons? Die Antwort ist billig, die Realität aber spricht eine eigene Sprache. Das Phänomen Kathrin Groß-Striffler konnte nur in einer Umgebung entstehen, die sich indifferent gegenüber dem fundamentalen Unterschied zwischen poetischer und abgenutzter Sprache zeigt.

Damit kommen wir am Ende zum Anfang zurück. Lesen wir: »Deutlich glitzerte das Kollier der Plejaden. Er schaute sich nach Asia um und bemerkte, daß sie ihn betrachtete. Sie öffnete die Lippen…, doch nicht, um etwas zu sagen. Ihre Finger glitten ineinander.« Das Zitat stammt aus einem Roman von ungleich höherem Anspruch, der sich jüngst auf der SWR-Bestenliste und der Shortlist des Deutschen Buchpreises befand – Woraus wir gemacht sind von Thomas Hettche. Und nun? Tja, und nun – wer hätte das gedacht –, nun küssen sie sich.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.die zeit.de]

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