Geständnisse eines ungeübten Sünders.
Roman von Charles Simmons (2005, Beck - Übertragung Klaus Modick).
Besprechung von Michael Schmitt in Neue Zürcher Zeitung vom 19.04.2005:

Auch Ausrutschen will gelernt sein
Charles Simmons' «Geständnisse eines ungeübten Sünders»

Ist es eine armselige Aussicht, mit Anfang zwanzig einen sicheren Job in einer grossen Firma zu suchen, so wie es die Mutter rät? Gibt es eine gelassene Antwort, wenn die obligatorischen Bedenkenträger die Suchbewegungen eines jungen Mannes, der nach seinem Platz im Leben fahndet, mit der Frage kommentieren: Was tust du dir an? «Powdered Eggs», der 1964 erschienene erste Roman von Charles Simmons, handelte genau davon, wurde umgehend mit dem Faulkner Award ausgezeichnet - und liegt nun in einer neuen Übersetzung von Klaus Modick wieder auf Deutsch vor. Der Titel, «Geständnisse eines ungeübten Sünders», verrät ziemlich viel von dem, worum es auf rund 250 Seiten geht: um die seinerzeit ziemlich freimütig beschriebenen Eskapaden eines jungen Mannes, der in einem katholischen Milieu aufwächst und die Anfänge jener Befreiungen durchleidet, für welche die sechziger Jahre dann später so gerühmt wurden.

Zwischen zwei Frauen

Kenner von Charles Simmons' Werk werden in diesem Début alle Themen finden, die er später bald raffinierter, bald schlichter weiter ausgearbeitet hat. Wer dagegen mit Simmons' Büchern nicht auf vertrautem Fuss steht, wer also beim Lesen nicht an einem Netz von Querverweisen knüpfen kann oder will, wird sich mit einer gewissen Sperrigkeit auseinandersetzen müssen. Denn die «Geständnisse» sind genauso ein Kind wie ein Gefangener ihrer Zeit. Das Buch liest sich, ungeachtet von Klaus Modicks Bemühung um eine gegenwartsnahe Sprache, wie ein Dokument aus einer Übergangszeit. Das spricht nicht gegen den Roman, aber nur fünf Jahre später, 1969, schlägt Philip Roth in «Portnoys Beschwerden» weitaus hemmungslosere und drastischere Töne an - und aus diesem Schatten kommen die «Geständnisse» nicht heraus.

Im Kern erzählt Simmons eine traditionelle Entwicklungsgeschichte, in deren Verlauf ein junger Mensch sich - zumindest teilweise - «die Hörner abstösst». Der Ich-Erzähler, gerade zwanzig, einundzwanzig Jahre alt, muss sich nach dem Tod seines Vaters und nachdem die Mutter ihn aus dem Nest geworfen hat, auf die eigenen Beine stellen. Er arbeitet in einem dubiosen Lexikonverlag zunächst als Texter, dann als Bildredaktor und zuletzt als Marketing-Mitarbeiter und wird mehrmals gefeuert, weil er weder das Produkt noch die Verkaufsmethoden akzeptieren will.

Zwei Frauen bestimmen sein Leben: zum einen Mary, die irisch-katholische Verlobte, an deren Seite er ein normales Leben als ambitionsloser «Versager» anvisieren könnte. Und zum anderen Prudence, eine Arbeitskollegin, die in ihrer persönlichen Souveränität und in ihrer Klarsicht auf das Leben alles das verkörpert, wovon er fürchtet, dass er es selbst niemals wird erreichen können. Ihn quälen nämlich nicht nur seine Vorstellung von Sexualität und die Schwierigkeiten, sie zu leben. Er kollidiert auch mit den Konventionen und Körperbildern, die ihm das katholische Milieu vermittelt hat, und mit der Kaltblütigkeit, die reifere Erwachsene beim Arrangieren ihrer Seitensprünge an den Tag legen, während er selbst durchaus romantischen Vorstellungen nachhängt. Er pendelt zwischen Selbstmarginalisierung und Grossmäuligkeit und kompensiert seine Unsicherheit in einem Roman-Projekt - denn er will eigentlich Schriftsteller werden. Aber auch seiner literarischen Phantasie haften lange die Herkunft und die Gehemmtheiten an, sie verleiten ihn zu einer bizarren, eigentlich traurigen Geschichte, die auf die uralte katholische Tradition des karnevalistischen, grotesken Körperbildes zurückverweist.

Von alldem erfährt man aus Briefen, die dieser Antiheld an einen Studienfreund schickt; und diese Form des Romans gestattet es Simmons, Textebene um Textebene übereinander zu legen und damit die «Geständnisse» zu einem Experiment in Sachen postmoderne Literatur, zu einem amüsanten Spiel zu machen. Leider aber zündet das nicht in jeder Passage gleichermassen gut. Manches wirkt aus der Distanz heraus leicht angestaubt, manches auch ein bisschen schwül. Am stärksten ist der Roman daher in den Passagen, in denen der junge Mann unmittelbar mit dem konfrontiert wird, was das Leben in Gestalt von Prudence für ihn bereithält, immer dann, wenn sie ihm eine gewisse Reife abverlangt und er zu spät und zu zögerlich darauf reagiert - so lange, bis er sie verliert und kapiert, dass er kein Recht hat, ihr deshalb Vorwürfe zu machen....Fortsetzung

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