Geständnisse eines Touristen von Christoph Ransmayr, 2004, S. Fischer

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Geständnisse eines Touristen.
Ein Verhör von Christoph Ransmayr (2004, S. Fischer).
Besprechung von Dorothea Dieckmann in Die Zeit, 25.3.2004:

Buhrufe und Fürze
Christoph Ransmayrs heitere und aufschlussreiche Selbstverhöre

Worin besteht die Freiheit eines freien Schriftstellers? Nicht zuletzt darin, dass er seine Produkte unmittelbar, ohne festen Arbeit- oder Auftraggeber, zu Markte trägt. Doch auf dem Weg zum Marktplatz filtern Grenzposten und Straßensperren den Zustrom der kleinen Werke zum großen Publikum. Sie lassen sich das ganze Papier zeigen und entscheiden – Daumen hoch, Daumen runter – mit ihrem Urteil über die Existenz des Autors und das Schicksal seiner Geschichten. Wer glücklich mit einer Zugangsgenehmigung von Agenten, Lektoren, Kritikern und Juroren in der Stadt angekommen ist, wird Befragungen unterzogen, in denen seine gesellschaftliche Tauglichkeit geprüft wird. Worin sehen Sie die Bestimmung des Dichters? Wie ist Ihre Meinung zur aktuellen Politik? Was gehört in einen literarischen Kanon? Welche Vorbilder haben Sie? Wie verdienen Sie Ihr Geld? Wie, wo, warum überhaupt leben und schreiben Sie?

Christoph Ransmayr hat beschwerliche Wege zurückgelegt, als Weltreisender wie als zuerst ignorierter, dann gefeierter und verrissener, schließlich weltweit gelesener Schriftsteller. Er hat das Glück, von der Höhe dessen, was man Anerkennung und Erfolg nennt, auf diese Wege zurück- und auf die Verhörspezialisten hinunterzuschauen, die von fern wie (Gift-)Zwerge aussehen. „Journalistisches Meinungskasino“ nennt er den Verhörraum, für den er immer wieder seinen „Erzählraum“ verlassen musste, um zu reden statt zu schreiben und – als Geste der Anpassung – seinerseits zu urteilen. Nun gibt er freiwillig Antwort. Sein fiktives Geständnis beginnt mit der Weigerung, sich die dem Schriftsteller aufgezwungene Rolle des Richters anzumaßen, indem er den Titel des Dichters zurückweist und sich als Tourist vorstellt, „denn Ahnungslosigkeit, leichtes Gepäck, Neugier oder zumindest die Bereitschaft, über die Welt nicht bloß zu urteilen, sondern sie zu erfahren, zu durchwandern…, notfalls zu erleiden, gehören wohl mit zu den Voraussetzungen des Erzählens“.

Den Schreibenden als Reiseführer und Trostbuch zu empfehlen

Vielleicht kann Ransmayrs Selbstverhör den Grenzbeamten und Gesinnungsprüfern ein wenig Selbsterkenntnis beibringen; den Schreibenden aber ist es als Reiseführer und Trostbuch zu empfehlen. Denn der hier „spricht“, hat auf seinem Weg als „streunender Erzähler“ gelernt, die Zumutungen des Literaturbetriebs mit ebenso viel Bescheidenheit wie Selbstbewusstsein von seiner Arbeit fern zu halten, indem er die eigentliche, existenzielle Zumutung dieser Arbeit erkennt und anerkennt. So, wie das Unterwegssein dem Reisenden Verzicht, Ver-schwinden, Einübung in Verlust und Abschied abverlangt, fordert das Erzählen stets ein Bewusstsein vom Ende, mithin die Zurückweisung jeder vordergründigen Aktualität: „Eine Geschichte, die von ihrem Ende nichts wissen will, verdient diesen Namen nicht, bleibt gebannt von den Dimensionen des Augenblicks und daher starr, hineingenagelt in die Sekunde.“ Der Bergsteiger weiß, dass der Abstieg in die vertrauten Niederungen gefährlicher ist als der Aufstieg, der Halbnomade fürchtet den Rückweg in die Sesshaftigkeit, und der Schriftsteller muss den Erzählraum verlassen, den er so lange bewohnt hat, und die Geschichte einer Öffentlichkeit überantworten, die in dem Moment ihre Stimme erhebt, in dem der Autor verstummt.

Ansichten sind unwichtig, nur brauchbar als Stützen im Gespräch

Deshalb handelt jeder Schritt, jeder Satz vom Verschwinden und spendet zugleich, als Erfahrung und Sprache, Trost über die Vergänglichkeit. „Auf und davon!“ lautet Ransmayrs Flucht- und Schlachtruf, sein Lebens- und Sterbensmotto, das Signum von Verlust, Aufbruch und Veränderung. Er gilt fürs Schreiben und fürs Wandern. Und er illustriert eine große Kunst: zu relativieren, ohne zynisch zu werden – ob es nun darum geht, Kröten zu schlucken und die primitivsten, aggressivsten Kritiker(-Anfeindungen) auf ihr lächerliches, ja niedliches Maß zurückzustutzen, oder darum, die Menschheitsgeschichte, in der und von der das Erzählen handelt, als vorläufige zu betrachten. Zwischen diesen Polen, ausgelassener Albernheit und umsichtiger Weisheit, bewegt sich der Text dieser heiteren, bösen, souveränen Selbstaussage. Ransmayrs Landsmännin Ingeborg Bachmann entgegnete einem Interviewer, der sie über ihre Haltung zur Gesellschaft befragen wollte: „Ansichten sind unwichtig, sie sind nur brauchbar als Stützen im Gespräch… Die Schriftsteller werden erst abdanken müssen, wenn sie nur noch Phrasen im Mund haben, die die anderen auch haben.“

Kein offizielles, mündlich geführtes Interview hätte die Freiheit erzwingen können, mit der Christoph Ransmayr über die Verbindung von Buhrufen und Fürzen oder über den Gegensatz zwischen langsamen österreichischen Erzählern und schnellen österreichischen Skifahrern ebenso reflektiert wie über die Vergeblichkeit dessen, was man engagierte Literatur nennt. So öffnet sich einer der Wege, Menschenfreundlichkeit zu lernen, und das – nicht zufällig – durch einen Dichter, der sich Tourist nennt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

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Geständnisse eines Touristen von Christoph Ransmayr, 2004, S. Fischer2.)

Geständnisse eines Touristen.
Ein Verhör von Christoph Ransmayr (2004, S. Fischer).
Besprechung von Franz Holztrattner bei Rezensionen-online *bn*:

Der Rechenschaftsbericht eines Erzählers. (DR)

Das würde man sich von vielen Erzählern wünschen: In einem fiktiven Gespräch legt der österreichische Autor Christoph Ransmayr Rechenschaft über sein Schreiben und, darüber hinaus, sein Leben ab. Er benützt dazu Gespräche, die in den letzten Jahren mit Zeitungen und Journalen geführt wurden, und verwandelt sie in einen als Verhör getarnten Monolog. Dabei werden viele für das Verständnis des Erzählers Ransmayr bedeutende Themen berührt; auch für den Kenner seiner Werke findet sich vielleicht Überraschendes, so als er sich gegen den Vorwurf, seine Romane seien düster und apokalyptisch, zur Wehr setzt. Auch sein Verhältnis zu den Kritikern (Stichwort: Zwergenkalender!) und zu Österreich, zu dessen Vergangenheit und gegenwärtigem Kulturverständnis werden thematisiert. Im Mittelpunkt aber steht Ransmayrs Erzählen: Voraussetzungslos solle es sein, möglichst viel Zeit möchte er haben, seine Geschichten zu entwickeln, und für diese Entwicklung sei ein Erzählraum zu konstituieren, eine Art Universum des Möglichen. Das ist wohl der Zentralbegriff: der Erzählraum. Ransmayr definiert auch, was nicht in diesen Raum gehört: etwa Stellungnahmen zum tagespolitischen Geschehen. Dazu nämlich müsste man wohl stehen bleiben. Ransmayr aber empfindet sich als Touristen, als Reisenden durch reale und durch Kopfwelten. So entsteht eine Art Erzähltheorie - "die erschöpfende und freie Selbstaussage eines Dichters", wie Dorothea Dieckmann in der "Zeit" schreibt - , und nochmals: Einen derartigen Rechenschaftsbericht würde ich mir von vielen Autoren wünschen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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