Gespräche von Julien Gracq, 2007, Droschl

Gespräche.
Buch von Julien Gracq (2007, Droschl
- Übertragung Dieter Hornig)
Besprechung von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 1.11.2007:

Geograph der Seele
Der große alte Einzelgänger Julien Gracq in seinen "Gesprächen"

Ein Genuss, die Unabhängigen zu hören. Zu ihnen zählt der heute 97 Jahre alte Julien Gracq fraglos. Vor wenigen Wochen sind die Gespräche in deutscher Übersetzung erschienen, die der zurückgezogen Lebende in den letzten 30 Jahren gab; die Jury der SWR-Bestenliste setzte den Band auf Platz 2 der Oktober-Liste, eine äußerst erfreuliche Wahl.

Surrealismus, unausweichlich

Seit er 1951 den Prix Goncourt ablehnte, ist die Sache klar: Das ist einer, der nicht zu profitieren gedenkt von der literarischen Pariser Feudalkultur, einer, der sich entzieht, fast so, als wolle er dem alten Rousseau auf seinen einsamen Spaziergängen nachfolgen, um zu sich selbst zu finden. Der Vergleich ist so abwegig nicht, obwohl Julien Gracq - geboren wurde er unter dem Namen Louis Poirier - andere literarische Referenzen nennt, allen voran André Breton und den Surrealismus; von letzterem sagt Gracq 1986 im Gespräch mit Jean Carrière, er sei "unausweichlich" gewesen.

"Ich habe den Surrealismus ziemlich spät entdeckt, vermutlich am Ende meiner Vorbereitungsklassen oder am Beginn meiner Jahre in der Ecole Normale, sagen wir gegen 1930-31 ... Die tragende Welle für die Poesie war im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts die Romantik gewesen, und dann hat es keine andere mehr gegeben. Im Jahr 1930 war dies der Surrealismus; er hatte sein Erschütterungsvermögen noch nicht aufgebraucht."

Erschütterungsvermögen, das ist eine verblüffende Kategorie für einen Autor, dessen Werke - "Das Ufer der Syrten", "Der große Weg", "Witterungen I und II" - durch eine glasklare innere Ruhe betören. Diese innere Ruhe korrespondiert bei Gracq, der als einer der ersten das damals neue Fach Geographie studierte, mit dem Blick nach außen, auf die Landschaften vor allem und deren Durchdrungensein von Geschichte.

Und so sind, neben den hinreißenden Ausführungen zur Literatur - Jules Verne, die Leseleidenschaft aus Kindertagen, nimmt einigen Platz ein, daneben der geschätzte Ernst Jünger und der bewunderte Rimbaud -, so sind es ganz besonders Gracqs Ausführungen über sein Verhältnis zur Geographie, die seine ganz eigenwillige Sicht dokumentieren.

"Ich bin", sagt er 1981 im Gespräch mit Jean Roudaut, "recht oft verblüfft darüber, wie wenig Raum im französischen Roman Außenwelt einnimmt, vor allem diejenige, die nicht von Menschenhand gemacht ist." In genau diese Lücke hat Gracq seine langsam entstehenden Texte gedrängt. Im Gespräch mit Jean-Louis Tissier von 1978 redet Gracq, ganz der Wissenschaftler, über Gebirgszüge, den Saum, Vegetation und die Wasserscheide; über das, was ihn abstößt am Landschaftlichen und das, was ihn anzieht.

Landschaften, die langweilen

"Ich glaube, dass die Ausbildung als Geograph sehr mithilft, sich Landschaften einzuprägen, weil sie ermöglicht, von der Struktur her zu begreifen und somit die Elemente zu rekonstruieren, die man womöglich vergessen hat... Landschaften wirken bei mir auf die Stimmung, auf das Verhalten. Es gibt düstere, traurig stimmende oder langweilige Landschaften. Und dann gibt es Landschaften, in denen man sich gern aufhält. Alle Trümmerformationen, die den Gebirgen vorgelagert sind, langweilen mich. Ich mag das Dauphiné zwischen Isère und Rhône nicht, ich mag das Plateau von Lannemaezan am Fuß der Pyrenäen nicht oder die Moränenlandstriche wie La Dombes unweit von Lyon."

Wer hingegen wissen will, welche Landstriche vor Gracqs originellem Temperament Bestand haben, lese diese außergewöhnlichen Gespräche. Auf persönliche Bekenntnisse, gar Liebesdinge betreffend, wird man aber vergeblich warten bei einem, der die Landschaftswirkung für wichtiger erachtet als die Leistungsschau des narzisstischen Ich.

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