Gespiegelter Himmel.Titanvogeltage.
Roman von Jochen Missfeldt (2001, Alexander Fest).
Besprechung von Jürgen Verdosky in der Frankfurter Rundschau, 24.01.2001:

Flieger sterben auch im Frieden
Jochen Missfeldt kennt sich da aus und erzählt vom Aufstieg, Überflug und Absturz rivalisierender Starfighter-Piloten

Jochen Missfeldt erzählt eine starke Geschichte. Fliegerkönnen, Fliegerglück und Fliegertod der Starfighter-Piloten hat keiner vor ihm so beschrieben. Diese Jagdflieger kommen aus der Kriegskinder-Generation, die Ausfallzeit der Zivilisation hat ihre Familien mit Tätern und Gefallenen gezeichnet. Missfeldt, Jahrgang 1941, war zwanzig Jahre Kampfflieger und weiß, wovon er erzählt. 1989 hatte er mit Solsbüll als ernst zu nehmender Romanautor reüssiert - Lebensgeschichten aus zwei Weltkriegen und zwei Nachkriegszeiten in einem schleswig-holsteinischen Garnisons-Städtchen. Nicht wenige der Erben dieses Kleinstadt-Ensembles treten in dem Fliegerroman Gespiegelter Himmel wieder auf, der Ort der Handlung ist bekannt. Aber anders als in Solsbüll wird das realistische Erzählen durch surreale Einsprengsel durchbrochen, hantiert Missfeldt mit Faust-Motiven. Doch gehen seine Einlassungen nicht soweit, dass das Interesse an der Handlung erlischt.

Am Starfighter werden deutsche Jungoffiziere in Arizona ausgebildet, ihre Fluglehrer enden in Vietnam. Die Deutschen wollen den Kriegsfall verdrängen. Alle bewegen sich, als befänden sie sich in einer rasanter Karriere. Dabei haben mit dem Vietnamkrieg alle etwas verloren, nicht unbedingt den Fliegermut, vielleicht aber ihre Bestimmung. Und gestorben wird mit den "Titanvögeln" auch im Frieden. Einem ist in der Geschwaderbrüderschaft besonders seltsam zumute: Gustav Hasse. Der Großvater fiel im ersten Weltkrieg, der Vater im zweiten, die Mutter starb bei einem Luftangriff auf Hamburg. Hasse wird 1962 Kampfflieger und hat nicht begriffen, was das ist - Krieg. Er kann es auch bei seinen Zielüberflügen nicht verstehen. Nichts existiert als die Flugroute, der leere Raum und der gespiegelte Himmel, alles übrige ist Meinung. Die "Abschreckung" ist abstrakt, der Luftwaffenhorst bleibt eine geschlossene Welt. Der Krieg findet im Fernsehen statt. Eine innere Leere breitet sich aus. Hasse ist in der Karriere so glücklos wie bei den Frauen. Der Mann ist nicht bei sich und das strahlt aus.

Anders der Vorzeige-Offizier Zürndorfer. Schon in der Vorgeschichte dieser Figur versenkt Jochen Missfeldt ein Echolot deutschen Täteralltags. Als illegitimer Nazi-Spross kommt er im "Lebensborn"-Heim zu Kaisersaschern auf die Welt. So teilt er mit Adrian Leverkühn aus Doktor Faustus den Geburtsort und später auch die Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen. Aber mit der guten Herkunft ist es anders. Zürndorfers leiblicher Vater organisiert ein Massaker an der jüdischen Bevölkerung im polnischen Chodow, er wird unbehelligt bleiben. Die Adoption erwirbt der Möchtegern-SS-Mann Hermann Zürndorfer. Mit dem SS-Chef Himmler befreundet ist der eine, verwandt mit ihm der andere. Diese Konstruktion ist überanstrengt, einiges gerät nah ans Klischee.

Heinrich Zürndorfer wächst unter dem Glanz der Sekundärtugenden auf - "Flieger soll er werden". Das trägt auch in der Nachkriegszeit. Nur einmal kommt er aus dem Tritt und hält als Student aufmüpfige Reden im Auerbachs Keller zu Leipzig. Nach Haft und Gefangenenfreikauf in den Westen wird der Volljurist Zürndorfer ein beispielhafter Jagdflieger. Sein Aufstieg bliebe ungebremst, käme beim Manöverspiel ihm nicht Gustav Hasse in die Quere. Ein Männerduell. Hasse hat zwei Frauen an Zürndorfer verloren und auch als mustergültiger Flieger nervt dieser Leitwolf. Aus der Übung wird der rituelle Ernstfall, eine Gleichzeitigkeit von High Tech und archaischem Rivalenkampf. Hasses Maschine reißt Zürndorfers Starfighter das Höhenruder weg. Zürndorfer hängt schon am Fallschirm, da schlägt ihm der nachfolgende Schleudersitz eine Kopfwunde, die alles verändert. Er wird nicht nur flugunfähig, seine Hirnschädigung macht ihn zum Pflegefall. Bei der Luftwaffe zählt das als Flugunfall. In einer moralischen Improvisation des Kommodores wird Hasse die Betreuung Zürndorfers übertragen. Beide sind fortan aufeinander angewiesen. Und während die Starfighter weiter abstürzen, mancher Pilot stirbt, fällt Hasse beim Ausästen vom Baum. Die Verletzung des ersten Lendenwirbels geht glimpflich ab, aber auch seine Fliegerlaufbahn hat ein Ende.

Missfeldt ist ein umsichtiger Epiker. Er weiß, wie oft man den Faden verlieren muss, um an das Wesentliche der Lebensgeschichten zu kommen. Die Bilder werden eher abgerufen als herbeigeschrieben. Im Rückblick gibt Missfeldt Szenen so wieder, dass reflektierbare Zusammenhänge sich Stück für Stück zusammensetzen. Bei der flugmedizinischen Behandlung des abgestürzten Zürndorfer werden die Menschenversuche des KZ-Arztes Rascher zum düsteren Hintergrund. Gleiches gilt für das bündnishafte Schweigen des handelnden Ensembles über das KZ-Nebenlager Solsbüll, über das Schuldvolumen eines der Honoratioren an Massakern, über die eugenische Zuchtanstalt für das "gesunde, rassisch wohlgeratene Kind", genannt Lebensborn. Das Einrichten in die Zeiten schont die Charaktere nicht, aber für die Laufbahnordnung mit Pensionsanspruch reicht es immer. Oder für das Arrangement im Alltag. So können sich auch Lebensbornzögling Zürndorfer und Eltern begegnen, ohne sich erkennen zu müssen. Die Trümmer der Kindheit bleiben.

Missfeldts Kunst ruht in einfachen Sätzen, die schnell das Konditionale einer Szene herstellen können. Nur wenn das Leben zu mächtig wird, ist seine Sprache wie aufgewühlt. Dann wird einiges auch Affekt. Das Fliegerduell Hasse / Zürndorfer ist schnell entworfen. "Die beiden Flugzeuge nahten einander in blutiger Hast. Nutze den Himmel. Wozu ist er sonst da? Der Himmel ist hoch und tief und breit. Im Himmel ist viel Platz. Dieses eine Mal musste Hasse seinen Zürndorfer schaffen." An dem sechsmal variantenreich beschriebenen Absturz eines Starfighters erkennt man den Erzähler Missfeldt ebenso, wie an dem seitenlangen Fallen des Piloten Hasse von einem Baum. Der Aufstieg und der Fall von Fliegern, ihr Himmelsglück, ihre Angst und ihr Tod werden zu hellklarer Prosa jenseits aller Mythen. Auch gibt es das Aufflackern von schwarzer Ironie: "Seit Stalingrad" sind alle deutschen Kasernen überheizt.

Das große erzählerische Können des Jochen Missfeldt befreit sich auch von Anregern, die Arno Schmidt oder Alexander Kluge heißen könnten. Etwas anderes gelingt durch Unbestimmtheit weniger. Durch verschiedene Motive soll ein Faust-Mephisto-Schatten auf diese Geschichte fallen, dieser Schatten soll sie interessanter machen. Tastende Ausflüge von Auerbachs Keller bis zu Adrian Leverkühn und Bulgakows Voland. Eine Frau von Zago mit einem Oberheizer an der Seite geben Tod und Teufel, ein Schwan übernimmt Lohengrin, Katzen sprechen wie bei Voland. Die surrealen Ebenen bleiben Teil der Handlung, brechen sie aber zu wenig. Wenn Hasse mit seinem Jugendfreund Siemsen am Weihnachtsabend in einer Holzspankiste Solsbüll überfliegt, die Fliegergattinnen sich auf Hexenbesen zum Ausflug sammeln, dann ist schon etwas von "Nimbus 2000" in der Luft. Das finale Treffen der ehemaligen Kampfflieger mit Begleitung wird trotz auffliegender Kiesgrube zu keiner Walpurgisnacht. Ein Fauststoff ist etwas anderes.

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