Gesellschaft mit beschränkter Haftung von Nora Bossong, 2012, HanserGesellschaft mit beschränkter Haftung.
Roman von Nora Bossong (2012, Hanser).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 25.10.2012:

Das Ruhrgebiet von oben
Im neuen Roman "Gesellschaft mit beschränkter Haftung" erzählt die Berliner Lyrikerin und Autorin Nora Bossong von Aufstieg und Fall einer Essener Textil-Dynastie. Stammsitz der Familie ist nicht die Villa Hügel, aber eine schicke Stadtwald-Villa.

"Essen“, so lautet das erste Wort dieses Romans, „Essen lag 6000 Kilometer entfernt, gefühlt neun Stunden, zwei Lufthansa-Menüs, drei Tageszeitungen.“ Essen ist der Stammsitz der Frottee-Dynastie Tietjen, und so aufregend es ist, dass eine junge Literatin sich dem Ruhrgebiet zuwendet – die Distanz zur Region bleibt bestehen. Widmet sich die Berliner Autorin und Lyrikerin Nora Bossong (30) im Roman „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ doch den abgehobenen Sphären eines Familienunternehmens, dem jede Bodenhaftung abhanden kam.

Nicht die Villa Hügel, aber doch eine schicke Stadtwald-Villa beherbergt den Stammsitz der Familie. Luise Tietjen, erst 27 Jahre alt, steht vor einem schwierigen Erbe. Der Großvater hat die Firma aufgebaut, der Vater Kurt sie nur unwillig weitergeführt, bis er schließlich das Handtuch wirft – und sich nach New York absetzt. Vater und Tochter sind die zwei Pole, zwischen denen sich das Spannungsfeld des Unternehmerseins – die Verantwortung, die Verführungen, die Verirrungen – ausbreitet.

So steht für Kurt Tietjen das Privatleben im Dienst der Firma. Er heiratet, weil es sich so gehört, vorher pflegte er Affären, weil sich das auch so gehört: Die Frauen „begehrten ihn nicht. Sie wollten ihn haben. Und natürlich begehrte auch er sie nicht, denn um begehren zu können, hätte er bedürftig sein müssen.“ Dass er am Ende mit der New Yorker Kellnerin Fanny zusammen lebt, ist allerdings ein wenig dick aufgetragen.

Auf den ersten Blick hat seine Tochter Luise mehr Freiheiten, aber auch sie tritt ihr Erbe zögernd an. Die Wandlung des zarten Mädchens zum Machtmenschen, der kalt lächelnd Mitarbeiter entlässt, gelingt Bossong trefflich und auf eine Art, die Mitleid noch immer zulässt. Bei aller Verblendung und Selbstüberschätzung muss das Firmen-Kind am Ende in den Brunnen fallen. Und kein Frotteetuch der Welt, scheint’s, wird es wieder trockenrubbeln können.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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