Geschriebenes Leben von Javier Marías, 2001. Klett-Cotta

1.) - 3.)

Geschriebenes Leben.
Essays von Javier Marías (2001, Klett-Cotta -
Übertragung Carina von Enzenberg).
Besprechung von Martina Meister aus der Frankfurter Rundschau, 21.3.2001:

Wahnsinn überall
Javier Marías beeindruckt auch als Essayist

Es gibt für Javier Marías sieben Gründe, warum man keine Romane schreiben sollte, und einen einzigen, es trotzdem zu tun. Für diesen darf man dankbar sein, nicht nur, weil wir Grund Nummer acht Marías' große Romane wie Morgen in der Schlacht denk an mich und Mein Herz so weiß zu verdanken haben, sondern vermutlich einen Vorteil, den man sich ganz grundsätzlich von der Literatur erhofft. Romane zu schreiben, sagt Marías, ermögliche dem Romancier, einen guten Teil seiner Zeit in der Fiktion zu verbringen, dem "wahrscheinlich einzig erträglichen oder halbwegs erträglichen Ort".

Dem Leser geht es im Grunde nicht anders als dem Romancier. Auch er tauscht Lebenszeit gegen Lesezeit ein, was er nie tun würde, wenn die Wirklichkeit auch nur annähernd so viel zu bieten hätte wie die Fiktion.

Obwohl es gute Gründe gibt, keine Romane zu schreiben - man denke nur an die vielen Bücher, die es schon gibt; an die Beamten, Priester, Ziegenhirten und Journalisten, die glauben, es noch besser zu können als die Beamten, Priester, Ziegenhirten und Journalisten vor ihnen; man denke an das Geld, das dabei nicht rausspringt; an den Ruhm, der anderswo leichter zu haben ist; an die Unsterblichkeit, zu der das Schreiben auch nicht mehr verhilft; an die Eitelkeit, der nicht geschmeichelt wird, weil Leser nun mal nicht applaudieren und der Schreiber sich immer mit abstrakten Verkaufszahlen abfinden muss; und siebtens an all die Unannehmlichkeiten des Schreibens als da wären Einsamkeit, Leiden an den Worten, Ringen mit der Syntax oder die Angst vor der weißen Seite - obwohl es diese guten Gründe gibt, nicht zu schreiben, wiegt Nummer acht schwerer als alle Bedenken.

Der Roman ermögliche seinem Schreiber, im "Königreich dessen, was gewesen sein könnte und nie gewesen ist, zu leben, also auf dem Territorium dessen, was noch möglich ist, was sich jederzeit erfüllen kann, was nicht ausgeschlossen ist, weil es weder bereits geschehen ist noch, weil man weiß, dass es niemals geschehen wird". Es ist der Ort der "möglichen Zukunft der Wirklichkeit", wo die verschwindend kleine Chance besteht, dass in der Fiktion etwas wie Zukunft, also Wirklichkeit, oder soll man sagen, Wahrheit wohnt?

Marías' acht kurze Essays zur Literatur, die er über die Jahre vor allem in El País, 1995 dann in dem Band Vida del fantasma veröffentlichte und die jetzt bei Wagenbach auf Deutsch erschienen sind, sollten Pflichtlektüre für alle Literaturfreunde sein. Der kleine Band, diese Prophezeiung darf man wagen, könnte eine Art Hemdtaschenbibel für all diejenigen werden, die noch an Das Leben der Gespenster der Literatur glauben und im Schreiben etwas am Werk sehen, das existentieller ist als die Frage, wie man Millionär wird. Doch Marías liefert mit diesen Texten nicht nur eine kleine, implizite Literaturtheorie, sondern gibt auch das Geheimnis preis, das den Zauber seiner Bücher ausmacht: "die akute Form des Leidens der Verknüpfung" nämlich, ein Leiden, unter dem der gute alte Freud schon gelitten haben muss. Es ist das genaue Gegenstück zur Tschechow-Devise, wenn am Anfang einer Erzählung ein Nagel vorkomme, dann müsse es der sein, an dem sich der Protagonist am Ende erhängt. Bei Marías sind es ganz im Gegenteil die unverhofften Verbindungen des scheinbar Kontingenten, das Überflüssige und Akzidentielle, die abschweifenden Elemente, mit dem er ein Flechtwerk aus Worten webt, eine Art Spinnennetz, in dem sich am Ende das Wesentliche wie eine Beute verfängt.

Dass Marías seine eigenen Erfahrungen als Leser weitergibt ist für einen Romancier ungewöhnlicher, als das eigene Schreiben zu reflektieren. Seiner intellektuellen Neugierde, aber auch seiner Doppelexistenz ist es geschuldet, dass bei ihm der Romancier mit dem Kritiker eine ganz seltene Liaison eingeht. Doch das deutsche Lesepublikum kann letzteren erst jetzt entdecken. Zwar war es auch hierzulande kein Geheimnis, dass der meistgelesene Autor Spaniens, der schon mit zwanzig seinen ersten Roman veröffentlichte, als Literaturwissenschaftler in Oxford, den USA und Madrid an Universitäten gelehrt hat. Doch als man ihn in Deutschland nach langer Ignoranz endlich wahrnahm, war er in Spanien schon so erfolgreich, dass er auf die Arbeit an der Universität nicht mehr angewiesen war. In diesem Bücherfrühling darf man nun gleich zwei mal mit dem Essayisten Marías Bekanntschaft machen. Das Leben der Gespenster wird auf harmonische Weise ergänzt von Geschriebenes Leben, einer Sammlung "ironischer Halbporträts", wie der Untertitel lautet, in denen Marías in kurzen Skizzen Leben und Werk von Autoren nachzeichnet.

Seine Grundidee dabei war, allseits bekannte Literaten wie "fiktive Gestalten" zu behandeln. Doch nicht allein darin liegt die Ironie seiner Annäherung. Der "Gelegenheitsbiograf" Marías beschreibt Existenzen, die alle mehr oder weniger vom Pech verfolgt waren, was die Betroffenen aber selbst nicht ganz ernst genommen zu haben schienen. Vermutlich hatten sie sich schon zu Lebzeiten als Teil ihrer Bücher, also der Fiktion begriffen. Auch hier schafft Marías wieder Verbindungen. Es ist, als versammle er in diesem Buch seine imaginäre Familie um sich herum: eine Ahnengalerie, aber eine aus Postkarten, die er leidenschaftlich sammelt. Die Physiognomien und Selbstinszenierungen der Autoren auf diesen Postkarten beschreibt Marías am Ende in kurzen Wortskizzen: "Bei Sterne besteht kein Zweifel: Seiner ist einer der wachesten Blicke in einem Jahrhundert voller wacher Blicke."

Beide Bücher ergänzen einander glücklich, weil Fragen, die er in seinen Essays abhandelt, in den Dichterporträts von Geschriebenes Leben illustriert werden. So klopft er beispielsweise in "Volle Köpfe" das alte Klischee von Genie und Wahnsinn auf seinen Wahrheitsgehalt hin ab, und der Leser darf sich von der Richtigkeit seiner Gedanken in den Porträts überzeugen. Marías beschreibt einen "offiziellen Wahnsinn" wie man ihn beispielsweise bei Verlaine und Mishima findet, der ihm "zu mustergültig" erscheint: Wahnsinn kann "eine Verfassung oder ein Zustand sein, der von der Person, die davon heimgesucht ist, zwar nicht ausdrücklich gewollt oder angestrebt, aber ,zugelassen' wird". So deutet er, was als Wahnsinn erscheint, als die Inszenierung eines Schriftstellerlebens, das in gewisser Weise auf der Höhe des Werkes sein soll.

Mishimas "chronischen Exhibitionismus" begreift er als "Mittel zum Zweck", "um sich schon im Vorhinein die Aufmerksamkeit für seinen krönenden Auftritt zu sichern, dem vermutlich einzigen, an dem ihm wirklich etwas lag". Nicht Mishimas Tat an sich war das Tragische, sondern die Tatsache, dass dem Freund Morita nach dem Harakiri der Mut für die saubere Enthauptung fehlte. Drei mal schlug er daneben, erwischte Schulter, Rücken und Hals, aber verfehlte den Kopf. Wo sonst doch alles perfekt war. Selbst seinen letzten Roman hatte Mishima zuvor noch zum Verleger gebracht.

Wahnsinn ist überall, nur dem Schriftsteller kann er schneller entgleiten. Bei ihm kann er leicht schlimmere Ausmaße annehmen, einfach weil sein Material und Werkzeug "ständig in aller Munde ist". Aber das Gefühl des Wahnsinns beschleicht den Schreiber auch, weil sein Kopf voll ist mit Verbindungen, die er zu sehen glaubt oder herstellt: "Der Welt auf diese Weise zu begegnen - das heißt, sie als Einheit ohne Hintertürchen und Fluchtwege aufzufassen -, das, was gesagt und gehört wird, unablässig zu bewerten, das Pech zu haben, die richtigen Ideen ständig miteinander verknüpfen zu müssen, in allem seine schaurige Ergänzung sehen zu müssen, kann in manchen Momenten eine Versuchung sein zu schweigen, sich die Ohren zuzuhalten, die Augen zu schließen und zu wünschen, der eigene Kopf wäre ganz leer, so leer, als wären wir nie geboren."

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Geschriebenes Leben von Javier Marías, 2001. Klett-Cotta2.)

Geschriebenes Leben.
Essays von Javier Marías (2001, Klett-Cotta -
Übertragung Carina von Enzenberg).
Besprechung von Katharina Döbler in DIE ZEIT, 28.2001:

Kleine Garstigkeiten
Wie man niedere Instinkte stilvoll befriedigt: Javier Marías adelt die Petitesse

Javier Marías kann James Joyce nicht leiden. Er hält ihn für einen spleenigen Fanatiker, dem die Literaturgeschichte völlig zu Unrecht huldigt. Diese nicht ganz originelle Meinung - Marías teilt sie mit einigen Berufskollegen - kann man nun gleich zweimal nachlesen, in zwei verschiedenen, fast zeitgleich in Deutschland erschienenen Büchern: Das eine ist eine gehaltvolle Sammlung von Schriftstellerporträts (Geschriebenes Leben) und das andere ein Essayband, in dem es, außer um James Joyce, um Marías' Lieblingsthema, die Gespenster, geht; außerdem um ein geisterhaftes Etwas bei Dashiell Hammett, um das Schaudern und dessen Erzeugung beim Leser, um sprachliche Idiosynkrasien sowie das existenzielle Befinden des Schriftstellers.

Ein Nazi namens Putzi

Wer die Romane und Erzählungen von Marías kennt, wird in diesem Buch nicht viel Neues, aber eine Menge Ergänzendes finden: Erklärungen der erzählerischen Methode und Anmerkungen zu den skurrilen und anglophilen Vorlieben dieses in Spanien als sehr unspanisch geltenden Autors. Es könnte ein eleganter kleiner Band sein; denn Javier Marías ist ein Autor, der mit Eleganz zu denken versteht und der seine Thesen nicht groß untermauert, sondern mit leichtfüßigen Wendungen skizziert. Dazu passen das stilvolle rote Leinengewand des Buches und das hohe Format der Wagenbachschen Salto-Reihe hervorragend. Doch es ist kein wirklich elegantes Buch geworden, da die recht ungelenke Übersetzung von Renata Zuniga den Genuss der Lektüre und gelegentlich auch deren Verständlichkeit sehr mindert. "Wäre es nicht natürlich, Romane nicht zu lesen, so wie wir uns Träume sparen könnten, die Figuren oder der Erfinder von Dichtung erzählen?" Das klingt wie höherer Blödsinn, ist aber nur deutsch. Zudem fehlt hie und da ein Wort, und wenn man schließlich im "Lande Dicken's" mit Apostroph vor dem s gelandet ist, möchte man sich des Buche's am liebsten entledigen.

Aber das wäre schade, denn der originellste und schönste Text ist der vorletzte, eine Art Exegese des Films Der Geist und Mrs Muir, dessen metaphysische Qualität dem oberflächlichen Betrachter ohne Marías' Hilfe leicht entgehen könnte. Essays von Literaten über Literatur enthalten oft geheimes Material, verschlüsselte Nachrichten über die Entstehung von Texten; und in dieser Hinsicht enttäuscht Marías nicht. Die Rezeptur zur Herstellung des Grauens beispielsweise hat in vielen Varianten und auf durchtriebenste Weise in fast allen seinen Romanen Anwendung gefunden. Die "Sieben Gründe, warum man keine Romane schreiben sollte" dagegen darf man getrost beiseite fegen: Die kennt man zur Genüge.

Wäre noch zu bemerken, dass die Kritiker wegen ihrer notorischen Ignoranz ein wenig Prügel beziehen und die Schrifstellerkollegen, allerdings nur die bereits verblichenen, einer oberflächlichen Untersuchung nach Genie und Wahnsinn unterzogen werden. Das romantische Bergriffspaar - als pathologisches Erscheinungsbild des normalen Talents einst Lieblingsthema im Deutschunterricht der Abiturklassen - wird hier als eher harmlose Verknüpfungsneurose diagnostiziert, obwohl die exzentrischen Gepflogenheiten besagter Kollegen nicht dafür zu stehen scheinen. Joseph Conrad, Henry James, Madame du Deffand, Turgenjew, William Faulkner, Yukio Mishima, Malcolm Lowry, Arthur Rimbaud et alii begegnen uns mit ebendiesen Gepflogenheiten etwas ausführlicher wieder in der Sammlung von zwanzig Ironischen Halbporträts, die keinerlei Anspruch auf Originaltreue erheben. Es sind eher Karikaturen als Porträts, die manche Züge der Persönlichkeit grotesk überhöhen und niemals jemandem schmeicheln.

Marías folgt in diesen Texten seinen Sympathien und Antipathien völlig unverhüllt und mit offenkundigem Vergnügen. Keines seiner Bücher habe ihm solchen Spaß gemacht wie dieses, bekennt er im Vorwort. Und man glaubt es ihm aufs Wort: Über die Schwächen und Marotten Thomas Manns hat sich schon seit Jahrzehnten keiner mehr mit solch schwelgerischem Spott hergemacht. Wenn Mishima und Joyce ihr Fett bekommen, Rilkes Hang zu adligen Frauen abgehandelt wird oder das Geschlechtsleben des Henry James zur Debatte steht, dann rührt der Genuss beim Lesens hauptsächlich daher, dass die niedrigsten Instinkte des Publikums auf recht stilvolle Weise befriedigt werden. Das ist Klatsch in Hochkultur. Es tauchen auch andere Facetten in diesen überaus persönlichen biografischen Abhandlungen auf: Bewunderung manchmal, im Falle von Laurence Sterne sogar unverhüllte Hochachtung, und ein Hauch von Mitleid, der die Gestalt Oscar Wildes zart umflort.

Aber das bleibt eher die Ausnahme. Es ist Marías in erster Linie um die Demontage der großen Namen zu tun und darum, den zarten Staub der Mystifikation, der sich seit Jahrzehnten auf den illustren Herstellern von Literatur gesammelt hat, munter aufzuwirbeln. Tiefschürfende Erkenntnisse darf man nicht erwarten von diesen kleinen Garstigkeiten, eher pikante Enthüllungen, wie man sie in einschlägigen Gazetten über die zeitgenössische Prominenz lesen kann. Wussten Sie schon, dass Isak Dinesen alias Tania Blixen sich nicht ausschließlich von Austern und Champagner ernährte, sondern auch ab und an ein wenig Spargel und Garnele aß? Dass Malcolm Lowry vor lauter Suff nicht wusste, ob er mit einer schwulen Kurzbekanntschaft Sex gehabt hatte? Dass Carson McCullers sich nach Djuna Barnes verzehrte? Welche ihrerseits mit einem Nazi namens Putzi liiert war? Als Material für gehobene Konversation eignet sich dergleichen allemal. Und ebenso als geistreiches Vergnügen der niederen Art.

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Geschriebenes Leben von Javier Marías, 2001. Klett-Cotta3.)

Geschriebenes Leben.
Essays von Javier Marías (2001, Klett-Cotta -
Übertragung Carina von Enzenberg).
Besprechung von Martin Krumbholz in der Neue Zürcher Zeitung, 2001:

Dies eiskalte Wörtchen
Javier Marías' Glossen und Halbporträts

Auf der Foto aus Javier Marías' imposanter privater Dichterporträtsammlung, abgedruckt in dem Band «Geschriebenes Leben» , sieht Rainer Maria Rilke, den der Spanier (deswegen?) für den zweifellos grössten Dichter des Jahrhunderts hält, mit seinem länglichen Profil, den dunklen Augen und dem dünnen Schnauzbart ausgesprochen spanisch aus. Marías nennt den Gesamteindruck «mongolenhaft» und fasst zusammen: «Er könnte ein visionärer Arzt sein, der in seinem Labor auf das Ergebnis eines infamen Experiments wartet.» (Stimmt. Oder eben ein Matador beim Meditationstraining.) Der Aufsatz «Vollendete Künstler» – damit sind tote gemeint –, in dem der Autor die schönen Porträts seiner geliebtesten (oder gehasstesten) Kollegen interpretiert, gehört zum Besten des Bandes. Mit dem Instrumentarium einer ausgefuchsten Photographologie rückt Marías den Idolen nicht nur auf die Pelle, sondern auch unter dieselbe und stülpt das Innerste erbarmungslos nach aussen.

Über den jungen André Gide «mit Bart, Cape und Hut»: «eine ordentliche Portion Imponiergehabe . . . er sieht beinahe aus wie ein professioneller Duellant.» Über Oscar Wilde: Er «sehnt sich sichtlich danach, ein gut aussehender Mann zu sein, und blickt so drein, als wäre er es tatsächlich». Über Nietzsche: «Es ist, als wäre seine ganze Haltung nur notdürftig mit Nadeln festgesteckt.» Nabokov: «ein Komiker, der dies nicht offen zugeben will». Über T. S. Eliot: «Es macht ihm überhaupt nichts aus, dass seine Segelohren durch das plattgedrückte Haar noch betont werden, denn er ist sich darüber im Klaren, dass sie es sind, die seinen Kopf einzigartig machen.»

Dass Schriftsteller so eitel sind wie andere Menschen auch, ist nur ein Topos; aber der Photographologe Marías arbeitet die Nuancen der Selbstdarstellung heraus, die deutlich machen, dass es selbst auf dem Olymp nicht anders zugeht als auf dem Schulhof: Die einen haben es nötiger als die anderen. Die einen drängeln und schubsen sich in der ersten Reihe herum, die anderen warten gelassen ab, dass man ihnen freundlich sein Ohr leiht. Marías' Sympathie gehört Letzteren; also nicht dem sich effekthascherisch in kurzen Hosen auf einen Schmetterling stürzenden Nabokov (obwohl er ihn als Schriftsteller weit mehr schätzt als etwa Thomas Mann), sondern dem fast «hilflos» wirkenden Borges, dem intelligent dreinblickenden Henry James, dessen Gesicht «aus einem Guss» ist, oder Laurence Sterne mit seinem «Lächeln von boshafter Liebenswürdigkeit» – «einer der wachsten Blicke in einem Jahrhundert voll wacher Blicke». (Hier handelt es sich natürlich um ein photographiertes Gemälde.)

Die ironischen Halbporträts, die der Hauptteil des Bandes versammelt, kommen nicht ohne das Element des Anekdotischen und Klatschhaften aus, das auch jede Künstlerbiographie würzt; nur würzt Marías extrascharf, denn seine Halbporträts verhalten sich zu herkömmlichen Monographien wie Kurzgeschichten zu Romanen, die verwendete Menge Salz, Pfeffer und Paprika ist aber die gleiche. Recht so, und ebenso recht, dass er seine Porträts nach besonderen Vorkommnissen sortiert; denn wer sich keine Liebschaften, keine Prügeleien, keine Delirien und auch kein Harakiri leistet – was in Teufels Namen sollte man über so einen verzweifelten Langweiler zu Papier bringen? Umgekehrt proportional zu ihrer Wertschätzung werden dem Autor also diejenigen Exemplare der Gattung spürbar interessanter, die sich durch ihre Eskapaden hervortun, wie z. B. Yukio Mishima, der das Harakiri als die «definitive Masturbation» bezeichnet, zu ihrer Ausführung aber gleichwohl eines oder gar zweier Assistenten bedarf. Oder natürlich Oscar Wilde, dessen luxuriöse Arbeitsmoral – morgens «ein Komma» zu entfernen, um es nachmittags wieder einzufügen – der hochproduktive Marías offensichtlich für lausig hält. Wildes spätes Schicksal (das Zuchthaus und die Folgen) kommentiert der strenge Spanier denn auch mit ziemlich kaltem Herzen.

Wen oder was aber bewundert er? Er bewundert Nabokov, der als Torwart in Cambridge allem Anschein nach «sogar unhaltbare Tore» hielt (gemeint sind sicher Torschüsse); Turgenjews aristokratische Traurigkeit; Stevensons heroischen Verzicht auf Tabak, Wein und Freunde, denn der Schotte war mit einer Frau verheiratet, deren «herrische, ja sauertöpfische Miene offen gestanden etwas Unsympathisches hat». (Marías besitzt nicht nur eine erklärte Abneigung gegen das Adjektiv «tödlich» oder das Verb «frönen», sondern auch eine Vorliebe für die Wendung «offen gestanden», selbst dann, wenn es gar nicht um Geständnisse geht.) Und er bewundert die correctness eines Henry James, der es partout nicht ausstehen konnte, wenn ihn jemand in schlampigem Outfit empfing, und von Flauberts Büchern deswegen allein «Madame Bovary» gelten liess, die der Kollege «vermutlich im Jackett geschrieben hatte».

Den Poetologen Javier Marías näher kennen zu lernen, gibt auch das Bändchen «Das Leben der Gespenster» Gelegenheit, in dessen acht Aufsätzen der Romancier eine Lanze bricht wider den Utilitarismus in der Literatur. Nicht auf die stringente Verknüpfung der einzelnen Teile der Fabel komme es an, vielmehr bevorzugten die Schöpfer des modernen Romans (Rabelais, Cervantes, Sterne) üppig wuchernde Nebenhandlungen. «Das Wichtige bei einem Roman ist sein Verlauf und nicht sein Ende.» Selbst bei einem Kriminalschriftsteller wie Dashiell Hammett werde die Auflösung «zu etwas vollkommen Zweitrangigem»; und da Marías die Kritiker für ausgemachte Utilitaristen und Lustfeinde hält, merkt er noch an, genau das, was viele Rezensenten für entbehrlich hielten, bleibe ihm stets nachhaltig in Erinnerung: «die Atmosphäre, die Charakterisierung der Figuren, der schnelle und geschliffene Dialog, das ungewöhnliche, eisig präzise Adjektiv, das Detail . . .»

Javier Marías kennt übrigens sieben Gründe gegen das Romanschreiben und nur einen dafür. Unter ersteren sticht das Argument, man könne damit nur «unerhebliche Beträge» verdienen, «die nicht ausreichen, um sich damit zur Ruhe zu setzen», gerade in seinem Fall eher unangenehm kokett hervor; an sämtlichen Haaren herbeigezogen sind aber auch die übrigen sechs. Nein, richtig ist – und der passionierte Leser Javier Marías wird das bestätigen: Es gibt mindestens sieben gute Gründe dafür, Romane zu lesen, und nur einen dagegen. (Der dagegen liegt auf der Hand: Es kostet Zeit, sogar dann, wenn der Roman kurz ist.) Um gelesen werden zu können, müssen sie aber erst einmal geschrieben werden.

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