Geschichte von nichts von Peter Glaser, 2003, KiWi

Geschichte von Nichts.
Erzählungen von Peter Glaser (2003, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Olaf Selg aus dem titel-magazin, 7.12.2003:

Leben am Rande des Nichts
Peter Glaser, einstiger Mitarbeiter des Magazins vom Chaos Computer Club, Journalist, Kolumnist und Gewinner des Bachmann-Preises 2002, lädt ein zu einer nicht ganz nichtigen Reise durch das phantastische „Nichts“.

Der ebenso lapidare wie schwer philosophieverdächtige Titel des Erzählbands von Peter Glaser kann gut und gerne in den Plural gesetzt als „Geschichten von Nichts“ stellvertretend und zugleich richtungsweisend für alle fünf versammelten Erzählungen beim Wort „Nichts“ genommen werden. Nein, dies ist kein Abgesang auf das Buch, sondern das wird eher ein Versuch, das Gegenteil festzustellen. So geht es zwar, aufgemerkt, um Nichts, jedoch wird mehr als nichts darüber geschrieben. Schlussendlich können wir erkennen: das alltägliche Sein bestimmt das „Nichts“, wobei nichts geschieht ohne das implizite Quäntchen „Nichts“. Am Ende des Buches angekommen kann man den bekannten Kurzsatz „Nichts geht mehr“, der einem unwillkürlich durch den Kopf geht, in seiner Vieldeutigkeit kaum mehr ertragen, geschweige denn fassen.

Dingverlust – Selbstverlust – Weltverlust

Auch den Figuren seiner fünf Erzählungen gibt Peter Glaser selten die Gelegenheit, etwas zu fassen. Dingverlust – Selbstverlust – Weltverlust, das ist anscheinend das lebensweltliche Bermudadreieck, in dem die Figuren durch den Tag torkeln und immer wieder drohen, verloren zu gehen. Ihnen zur Seite steht aber Glaser mit seiner gelungenen leichten, poetisch-feingliedrigen Sprache und seinen wiederum dazu im Kontrast eingestreuten Pointen. Diese scheinen oftmals ein Eigenleben zu führen und aus dem Nichts zu kommen, wo sie allerdings in ihrer gelegentlichen Gequältheit manchmal auch besser geblieben wären.

Leerstellen und Links

Stilistisch merkt man Glaser eine enge Verbindung zum Medien- und Computerzeitalter an mit seiner aussparenden Erzählweise, die sich – keineswegs aufdringlich – an Leerstellen und Links, Bildsprüngen und Zapping orientiert.

Die verschlungenen Wege des Protagonisten in der Titel gebenden Erzählung, die schon 2002 nach der Preisverleihung in allen Feuilletons begierig auf ihre Sinnstiftung durchdekliniert wurde, führen diesen, getrieben vom Verlust einer geliebten Person, hin zum vermeintlichen Liebesverlust unter den Lebenden. Dieses Thema kehrt ebenso wie einige der Personen leicht versch(r)oben auch in anderen Texten des Bandes wieder und unterlegt die fünf Texte mit einer gemeinsamen, nicht allzu optimistischen Grundstimmung, aufreizend beiläufig um das erste Drittel des Septembers 2001 platziert. Jedoch: es führt ein Weg nach Nirgendwo, die Space-Odyssee findet im Cabrio statt „durch die Unendlichkeit, das Zarte und Offene der Atmosphäre über uns, und unser Haar wehte hinaus in die kalte Weite des Weltraums“.

Textauszug:
Meine Oberlippe war angeschwollen.
„Da ist irgendwas“, sagte Stella.
„Da isch überall etwasch“, sagte ich und ließ meine Oberlippe los. „Das ist das Schöne an der Realität. Stell dir vor, an einer Stelle wäre nichts. Du hättest sofort die Wohnung voller Philosophen.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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