Geschichten vom Herrn Keuner von Bertolt Brecht, 2004, SuhrkampGeschichten vom Herrn Keuner.
Zürcher Fassung von Bertolt Brecht (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Yaak Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 29.12.2004:

Na, immer noch unverändert?
Bert Brechts "Geschichten vom Herrn Keuner", hübsch präsentiert, wirken etwas verblichen

Als Bertolt Brecht 1930 die ersten seiner Geschichten vom Herrn Keuner veröffentlichte, deklarierte er sie als "einen Versuch (…), Gesten zitierbar zu machen": der Autor als Platzanweiser, der seine Figur nicht in die Öffentlichkeit entlassen kann, ohne ihr zugleich Funktion und Stellung im Gesamtwerk vorzuschreiben. In der Folge fungierte Keuner denn auch vornehmlich als Demonstrations-Marionette seines Erfinders, an der dieser seinen Lesern exemplarische Haltungen und Überlegungen vorexerzierte. Dass die vorgebliche Denk-Figur dabei mehr als einmal zum Hampelmann der Selbststilisierung degradiert wurde, scheint der Verfasser nicht bemerkt (oder in Kauf genommen) zu haben.

Eine späte Wiederauferstehung erlebte der Herr Keuner vor drei Jahren, als im Nachlass einer im Dezember 2000 verstorbenen Schweizer Dokumentarfilmerin ein Koffer mit Skripten entdeckt wurde, die Brecht bei seinem Umzug nach Ostberlin 1949 bei seinen Züricher Quartiergebern zurückgelassen hatte. Dieses inzwischen als "Brecht-Sammlung Renata Mertens-Bertozzi" firmierende Konvolut enthielt auch eine Mappe "geschichten vom h k"; darunter auch 15 Texte, die Brecht selbst nicht in eine zur Veröffentlichung 1949 zusammengestellte Auswahl aufgenommen hatte. Der in der Mehrfachverwertung von Brecht-Arbeiten unschlagbare Suhrkamp Verlag hat es sich dennoch nicht nehmen lassen, die Devotionalie in einer aufwendigen Ausgabe herauszubringen, wobei mehrheitlich nur halb gefüllte Seiten sowie mehrfarbige Typoskript-Faksimiles (plus Transkriptionen) den dünnen Fund auf knapp 130 Seiten aufplustern. Auf Seite 108 findet der Leser zudem den uneigennützigen Hinweis: "Zur Ergänzung ist Band 18 der ‚Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe' der Werke Brechts (GBA) oder der als Bibliothek Suhrkamp 1366 erschienene Band Geschichten vom Herrn Keuner heranzuziehen."

Dem Rezensenten erscheint es jedoch zweifelhaft, dass viele Leser diesen weiterführenden Hinweisen folgen werden. Von ein paar Ausnahmen abgesehen - so dem bezaubernden Text über die Katzen oder der hübschen Hommage an Keuners Lieblingstier, den Elefanten - haben die meisten der hier in pädagogischer Absicht versammelten Parabeln und Sequenzen den unangenehmen Beigeschmack von Schulungstexten. Der unausgesetzt belehrte Leser fühlt sich bald bevormundet oder für dumm verkauft. Dass der besserwisserische Titelheld vom Autor auch als "Der Denkende" oder "Träger des Wissens" vorgeführt wird, scheint kaum mehr als eine unbewiesene Behauptung. Eher beobachtet man einen kommunistischen Intellektuellen bei seinen Versuchen, die eigenen Zweifel zu zerstreuen und das eigene Verhalten spitzfindig zu rechtfertigen (oder unumwunden schönzureden).

Keuner verlautbart sich mit Vorliebe sentenziös, so wenn er zum Beispiel dekretiert: "Wer das Wissen trägt, der darf nicht kämpfen; noch die Wahrheit sagen; noch einen Dienst erweisen; noch nicht essen; noch die Ehrungen ausschlagen; noch kenntlich sein. Wer das Wissen trägt, hat von allen Tugenden nur eine: dass er das Wissen trägt." Wenn man diese Ordensregel ins Kenntliche übersetzt, erweist sie sich als Opportunismus-Programm: Man gehe Auseinandersetzungen aus dem Wege, lüge sich so durch, helfe niemandem, schlage sich den Wanst voll und nehme Preise und Orden huldvoll entgegen - alles natürlich im Interesse der Tarnung und eines "Wissens", das völlig abstrakt und rein innerlich bleibt.

Achtundvierzig Jahre nach dem Tod seines Erfinders und 15 Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erscheint Keuner nurmehr als erziehungsdiktatorischer Wanderprediger, der selbst Diktatur und Polizeistaat rechtfertigt, wenn beide nur von den "richtigen" Leuten eingeführt und betrieben werden. Brecht mag seine diesbezüglichen Beweisführungen für dialektisch gehalten haben: Heute wirken sie wie Etüden in gebrochenem und gewundenem Denken. Dem Herrn Keuner begegnete um 1930 ein Mann, der ihn lange nicht gesehen hatte und nun mit den Worten ",Sie haben sich gar nicht verändert' begrüßte. ,Oh!', sagte Herr Keuner und erbleichte." Beim Wiedersehen im Jahre 2004 allerdings sind die Veränderungen unübersehbar: Herr K. wirkt ziemlich verblichen.

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