Geschichte mit Pferden von Petra Morsbach, 2001, Eichborn1. - 3.)

Geschichte mit Pferden.
Roman von Petra Morsbach (2001, Eichborn).
Besprechung von Martin Ebel in Neue Zürcher Zeitung vom 25.10.2001:

Gaunereien auf dem Reiterhof
Petra Morsbachs farcenhafte «Geschichte mit Pferden»

Mancher Schriftsteller beschäftigt sich nur mit sich selbst; im besten Fall gelingt es ihm, seine Leser zu überzeugen, dass die Beschäftigung sich lohnt. Andere finden die Welt um sich herum viel zu aufregend, um lange bei der eigenen Person zu verweilen. Zu ihnen gehört Petra Morsbach. Schwierigkeiten könnten ihr lediglich die grosse Zahl beschreibenswerter Menschen bereiten, die sie auf begrenztem Raum unterbringen muss. Die Bühne ihres letzten, des «Opernromans», betraten nahezu absatzweise immer neue Darsteller, und auch in der jetzt erschienenen «Geschichte mit Pferden» sind es mehrere Dutzend Haupt-, Neben- und Randfiguren, die unser Interesse verlangen - und verdienen... Fortsetzung

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Geschichte mit Pferden von Petra Morsbach, 2001, Eichborn2.)

Geschichte mit Pferden.
Roman von Petra Morsbach (2001, Eichborn).
Besprechung von Verena Auffermann in Süddeutsche Zeitung vom 4.12.2001:

Hart mit sich selbst
Petra Morsbach weiß, wie Frauen funktionieren

Petra Morsbach nimmt keine Rücksicht darauf, was man tut oder besser lässt. Ihr neuer Roman „Geschichte mit Pferden“ benutzt die Kulisse eines schleswig-holsteinischen Reiterhofs. Der schöne Erlhof, Hobbywelt für Erwachsene und Traumwelt für pubertierende Mädchen, die in ihrem Leben vielleicht nie wieder so zufrieden sein werden wie auf dem warmen Rücken der Pferde. Das ist der klassische Stoff unzähliger Jugendbücher.

Aber Petra Morsbach will das Gegenteil. Sie baut ein Denkmal für die alte Nele Hassel, eine unbekannte deutsche Frau, hart mit sich und gut zu den anderen, eine Alltagsikone, die im Erlhof kocht, 70 Pfannekuchen backt, 80 Eier trennt und mit der Hand verquirlt und sich an ihrem freien Tag neue Birkenstocks kauft. Frauen wie Nele Hassel sind total aus der Mode, sie haben keine Ahnung, wie man sich selbst in der schlechten Welt Gutes tut, sie dulden mit Vehemenz. Zwischen 1996 und 1999 schreibt Nele Hassel Tagebuch. Es sind die Jahre vor ihrer Pensionierung und eine kurze Zeit danach. Sie schreibt mit viel wörtlicher Rede, mit klugen knappen Reflexionen zum richtigen oder falschen Leben, mit flapsigen und altmodischen Ausdrücken und Wendungen – und sie hat durchaus Ironie. Neles Beobachtungstalent ist enorm, und man fragt sich, weshalb es eine so luzide Person in ihrem Leben nicht weiter gebracht hat, als zur Dulderin. Aber so was gibt es, jedenfalls behauptet das Petra Morsbach.

Vor Alice Schwarzer

Der „Erlhof“ wird von einem Höllenpaar geleitet. Hemjö Crove ist ein „Leuteschinder“, ein Chef, den Frauen dennoch lieben, und ein Reitlehrer, dem die Sehnsüchte sicher sind. Er ist mit der viel jüngeren Gesine, „unserer Schönen“, verheiratet, eine Art Barbiepuppe, die alles tut, was in den Katalogen steht. Fremdgehen, Shoppen und auch, wenn es drauf ankommt, versagen. Gesine ist ein wundervolles Weibchen, man wird beim Zusehen richtig neidisch, selbst ihre kleptomanischen Ausbrüche sind, wie ihre ganze Verkommenheit, schön wie im Fernsehen. Wenn es auch nicht viel gibt, was das Ehepaar zusammenhält und nach Eskapaden wieder zusammenbringt – das Geld lieben beide über die Maßen und betrügen, wo sie können, auch mit Kleingeld. Petra Morsbach lässt in ihrem Zwei-Welten-Modell uraltes, wackeres Frauenleben gegen Gesines Illustrierten-Existenz kein Klischee aus.

Aber Hand aufs Herz, Klischees sind schön, sie sind unser Leben, wir haben sie gemacht, sie rühren uns. Nele Hassel ist niemals zimperlich mit sich umgegangen, aber Träume hatte sie auch, in ihr Tagebuch schreibt sie, dass all ihre Träume gescheitert sind, „lag das an den Träumen, oder war ich ungeeignet?“ Sie war nicht ungeeignet, aber vor Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer dazu erzogen, als „Mutter und Hausfrau zu dienen“. Am Schluss ist nicht ganz sicher, welches Modell das bessere ist: Gesines Nummer als verwöhnte Barbiefrau oder die nüchterne Nele, Jahrgang 32, die irgendwann in ihrem Leben festgestellt hat, dass Wünschen viel aufwändiger ist als Tun. Die Tagebuchschreiberin Nele lässt das Datum weg, die Eintragungen sind fortlaufend, und Petra Morsbach behauptet, einen Roman geschrieben zu haben. Manchmal im Stakkato-Stil, „Gesine ist weg“, dann wieder schildert die Erlhof- Köchin nüchtern und klatschsüchtig und in der subjektiven Sicht, vom radikalen Präsens in Vergangenheitsformen wechselnd, die nichtigen Aufregungen des Pferdehof-Alltags und reflektiert ihr zurückliegendes Leben. Auch die Ehe mit einem Karpfen- und Forellenzüchter, der sagte, er sei ein Verdammter, was vielleicht auch stimmte. Nele will wissen, „warum, warum habe ich das hingenommen?“

Ernst gegen Spiel

Petra Morsbach lässt Nele tiefe Fragen („was ist ein Gewissen ?“) stellen und Rechenschaft über eine verklemmte sexuelle Hörigkeit und über Minderwertigkeitskomplexe ablegen. „Ich wollte lieber leiden als vor mir selbst schlecht da stehen, na schön.“ Solche Erkenntnisse sind nicht sensationell, aber viel billiger als eine Psychoanalyse. Die vierundvierzigjährige Petra Morsbach, die als Operndramaturgin gearbeitet hat und mit ihrem „Opernroman“ 1998 beachtet wurde, setzt mit diesem „Frauenbuch“ auf die Differenz zweier Lebensentwürfe, Ernst gegen Spiel, bodenständige ehrliche Haut gegen kapriziöse Gaunerin, wer gewinnt, und wem gehört die Zukunft? Die „Geschichte mit Pferden“ endet mit dem Satz: „Wer sein wahres Leben in Worte zu fassen vermag, dem kann nichts mehr passieren. Der ist wirklich frei.“ Der Lebensbericht der Frau, bis zur Idiotie gehorsam, ist furchterregend eindrucksvoll, von solchen Menschen will kaum jemand etwas wissen. „Geschichte mit Pferden“ schillert wie eine Vorabendserie, das hat Petra Morsbach gut gemacht. Und man denkt darüber nach, ob Pfannekuchen backen nicht zufriedener macht als der Kauf neuer Schuhe. Die Beichte der Nele H. besteht weniger aus Bekenntnissen als aus Fragen. „Warum“, heißt der zentrale Satz, „habe ich mir von Männern so viel Unsinn eintrichtern lassen?“ Sie wird nicht die Einzige sein, die vor einer solchen Kapitulation steht. Das Buch sollen Frauen lesen. Vor diesen Gefahren ist auch die emanzipierte Frau nicht sicher.

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3.)
Geschichte mit Pferden von Petra Morsbach, 2001, EichbornGeschichte mit Pferden.
Roman von Petra Morsbach (2001, Eichborn).
Besprechung von Martin Luchsinger in Frankfurter Rundschau vom 23.11.2002:

Die Träume der Köchin
Von menschlicher Weisheit und Einsamkeit erzählt Petra Morsbachs "Geschichte mit Pferden"

Man lasse sich vom Titel nicht täuschen! Petra Morsbachs dritter Roman ist keineswegs nur etwas für Pferdenarren, so wie ihr Opernroman keineswegs nur etwas für Opernliebhaber war. Wer ihren kenntnisreichen, nüchternen und liebevollen Blick hinter die Kulissen kennen und schätzen gelernt hat, wird auch dieses Mal nicht enttäuscht.

Ort der Handlung ist ein Reiterhof irgendwo zwischen Hamburg und Lübeck. Drei Jahre vor der Rente tritt hier die verwitwete Köchin Nele Hassel ihre letzte Stelle an. Nach und nach wird sie mit den Abläufen und den Menschen vertraut, durchschaut die Machtverhältnisse und verstrickt sich in ihnen; nach und nach wird sie Teil des Alltags und der kleinen Ereignisse - und der Leser oder die Leserin mit ihr. Im Mittelpunkt stehen der rund 60-jährige Besitzer Hemjö Crove und seine 30 Jahre jüngere Ehefrau Gesine. Was die beiden verbindet, ist Hassliebe, Geldgier und die Lust, den Staat, die Gäste und die Angestellten übers Ohr zu hauen. Was die beiden nach über zehn Jahren Ehe trennt, ist ihr Drang, sich gegenseitig zu betrügen - für ihre Angestellten ein Schauspiel mit einigem Unterhaltungswert und eine willkommene Entschädigung für die materielle Ausbeutung.

Eine ebenso abgründige wie banale Situation also, und wiederholt drängt sich die Frage auf, worin der eigentümliche Reiz dieser Geschichte liege. Unexotischer könnte der Schauplatz kaum sein, vergleicht man ihn beispielsweise mit Morsbachs Erstling Plötzlich ist es Abend, dessen Handlungsbögen sich von Leningrad bis Sibirien spannten. Ähnlich wie dort gilt Morsbachs Aufmerksamkeit aber erneut den "kleinen Leuten". Denn Crove und Gesine mögen im Mittelpunkt stehen, die Aufmerksamkeit der Erzählerin gilt jedoch nicht nur ihnen, sondern ebenso den Menschen, die in dieser Gesellschaft nur eine Nebenrolle spielen: den verzogenen Kindern des Ehepaars, den Putzfrauen, die sich nicht wehren gegen Lohnabbau, weil sie weder lesen noch schreiben können, den wechselnden Lehrlingen, den Urlaubskindern oder den skurilen Reitgästen.

Wie in ihrem Opernroman gelingt es Morsbach auch dieses Mal, einen Mikrokosmos so detailgenau und lebensnah zu schildern, dass man sich mitten im Geschehen wähnt. Erzähltechnisch erreicht sie dies interessanter Weise mit ganz anderen Mitteln: Statt eines rhythmisierten, von einer Erzählerfigur moderierten Wechsels der Perspektiven wird alles aus einem einzigen Blickwinkel aus geschildert; die Geschichte mit Pferden ist formal nichts anderes als das Tagebuch von Nele Hassel in den Jahren 1996 bis 1999.

Der Textsorte Tagebuch ist bekanntlich eine Tendenz zur Gleichförmigkeit eigen, doch Morsbach begegnet dieser Gefahr mit einem Kniff. Die Schilderung der Gegenwart auf dem Reiterhof wird ergänzt und kontrastiert durch die Erinnerungen von Nele an ihr langes und ereignisreiches Leben. Diese im Prinzip simple Vertiefung des Erzählstoffes ist im Einzelnen stimmig motiviert und wohl dosiert. Nie sind die Exkurse in die Vergangenheit zufällig, vielmehr fühlt sich Nele durch ihre Beobachtungen und Erfahrungen auf dem Reiterhof veranlasst, sich mit ihrer Herkunft und ihrem Lebensweg auseinanderzusetzen. Ausgangspunkt bleibt der Ehekrieg der Croves, der Nele an ihre eigenen Eheszenen mit Cornelius erinnert, dem verarmten Sohn eines schlesischen Großgrundbesitzers. Was in diesen Rückblenden aufscheint, ist ein Nachkriegsschicksal, das in seinen Hoffnungen und Träumen für eine ganze Generation steht: "Heute frage ich mich: Hatten wir bettelarme, junge Frauen in dem vom Krieg zerstörten Land wirklich nichts anders im Kopf als die so genannte Liebe? Und muss antworten: Nein."

Brisanter noch sind die Abschnitte, die den Blick in eine andere Richtung lenken, weg von der Wahrnehmung des Allgemeinen im Einzelnen hin zu einer Individualisierung des Typisierten. Das gilt insbesondere für die verschiedenen Täterfiguren in Neles Vätergeneration. Schärfer noch als ihren eigenen Vater, zu dem sie nicht genug Distanz hat, vermag sie den Vater von Cornelius in seiner Vielgestaltigkeit zu fassen. Das Porträt dieses ehemaligen Grossgrundbesitzers und frühen NSDAP-Mitglieds, der nach 1945 verwitwet und mausarm in einem Forsthaus lebt, seine Schuld anerkennt und doch bis zu seinem Tode lügt, lässt sich nicht anders als atemlos lesen.

Das Herzstück des Tagebuchs bleibt jedoch Nele selbst mit ihren liebenswerten, fürsorglichen Charakterzügen und mit ihren dunklen Seiten, ihrer unterdrückten Aggressivität gegen Crove, die sich in sadistischen Phantasien äußert, ihrer Ohnmacht und ihrer Desillusionierung: "Meine Träume sind alle gescheitert." Daraus folgt jedoch nicht Bitterkeit, sondern eine ungewöhnlich offene und nüchterne Selbstbetrachtung, die weit über das übliche Maß an Altersweisheit hinausgeht. Sie gipfelt in der Anerkennung eigener Schuld im Scheitern der Ehe: "Warum habe zum Beispiel ich mich jahrelang betrogen gefühlt, obwohl der einzige Mensch, der mich betrog, ich selber war?"

Auf solch unbequeme Fragen kann es keine Antworten geben, schon wer die Fragen ertragen will, muss festen Boden unter den Füssen haben. Nele findet diesen in einer romantisch angehauchten Naturnähe und - im Tagebuchschreiben: "Wer sein wahres Leben in Worte zu fassen vermag, dem kann nichts mehr passieren. Der ist wirklich frei", lauten die letzten Worte des Romans. Anders als es der Klappentext behauptet, drücken sich in diesen Worten nicht einfach Neles Gelassenheit und innere Freiheit aus, vielmehr sind sie auch Ausdruck einer untergründigen Verzweiflung. Denn Neles bescheidene Existenz als angehende Rentnerin mag friedliche und heitere Züge haben, unverkennbar ist auch, dass sie ein äußerst einsames Leben führt. Morsbach scheut sich nicht, dies ganz konkret deutlich zu machen: Das einzige Wesen, das Nele in all den Jahren freundlich berührt, ist ein alter Gaul namens Fritz.

Ihre Geschichte mit Pferden ist Petra Morsbachs bisher radikalstes Buch, inhaltlich nur vordergründig unspektakulär, formal von konsequenter Schlichtheit und im Grundton von bodenlosem Pessimismus.

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