Geschichte mit drei Namen von Claudia Storz, 1986, Nadel&KimcheGeschichte mit drei Namen.
Roman von Claudi Storz (1986, Nagel&Kimche).
Besprechung von Beatrice Eichmann-Leutenegger in "Vaterland", 25.3.1986:

Neue Erzählungen der Schriftstellerin Claudia Storz
Einzelne Partikel aus der Lebensfülle

Die 1948 geborene, heute in Aarau lebende Schriftstellerin Claudia Storz hat im Verlag Nagel & Kimche einen Band mit sehr knappen und prägnanten Erzählungen herausgegeben.

Einer der Texte, «Geschichte mit drei Namen», leiht dem neuen Erzählband der Aargauerin Claudia Storz auch den Titel, und eigentlich enthält dieser zugleich ein Programm. Diese Schriftstellerin verzweigt ihren Erzählstrang nicht in eine Vielheit von Namen, Orten, Begebenheiten,
Figuren, sondern sie waltet in grosser Ökonomie. Sie reduziert, v/o andere sich Abschweifungen erlauben, sie dämmt ein, wo andere sich fortreissen lassen. Die Knappheit ist ihr Anliegen, die Aussparung ihr Ziel. Sie vertraut der Kraft der Leerräume, wo andere glauben, Wortkaskaden fluten lassen zu müssen, um sich dem Leser verständlich zu nähern.

Als Anglistin mag Claudia Storz eine Prägung durch die englisch-amerikanische shortstory erhalten haben; ihre neuen Erzählungen erhalten auf jeden Fall Prägnanz.

Ihre Handlungen weiss sie straff zu bündeln und sanft, aber bestimmt der Kulmination, der Pointe entgegenzuführen, die oftmals für den Leser eine Überraschung bereithält. Meist berichtet sie in grosser Ruhe, in einem gewissen Gleichmass, auch wenn sie Ungeheuerliches
entrollt. Dennoch gestattet diese Erzählhaltung auch öfters rasante Steigerungen, wie etwa im Text «Bist du Raucher?». Das waltet auch Distanz zu den Dingen und Geschehnissen; man darf sich vielleicht diese Autorin als gemessene Beobachterin denken, nicht kühl
registrierend, sondern immer von Anteilnahme geleitet. Ihr Ton schwebt denn auch eigentlich zwischen Humor und leiser Trauer, vergleichbar am ehesten dem Clown, der versonnen in seiner Ecke das Szenarium überschaut. Kindliches schwingt oft auch mit, wie Claudia Storz überhaupt in manchen Erzählungen den kindhaften Klang, die kindliche Ambiance überzeugend hereinzuholen weiss, so unter anderem in «Fliegtraum».

Die Themen und Motive dieser Erzählungen stammen nicht aus dem Bereich der spektakulären Lebensmomente. Claudia Storz lässt sich eher von Erfahrungsaugenblicken gefangennehmen, die anderswo vielleicht übersehen, überhört werden. Verletzung ist ein Moment, das sie packt und zum Beispiel in drei Erzählungen zu Beginn des Bandes beschäftigt: «Die Marians» spiegeln Familiengeschichte im Zeichen politisch-revolutionärer Umbrüche, aber die neue Freiheit gerät für sie zur einengenden Fessel. «Am Fluss» berichtet von einem ungeliebten Kind, das als glücklichen Umstand einzig das pünktliche Eintreffen der Alimente melden kann. Und in der Erzählung «Auf der Insel» zerstören engherzige Menschen das idyllische Glück einer Familie, die eine eigene «Moral» entwickelt. Diese Engherzigkeit schlägt den Bogen zur eindrücklichen Erzählung «Fränzi», der Biografie eines Kindes, das nicht ins herkömmliche Schulsystem passt und von den Pfarrerseltern einem Heim anvertraut wird. Die Entmündigung des Kindes, später der Tochter, vollzieht sich bis in die letzte Konsequenz; die Eltern handeln sich dafür den Frieden, einen Scheinfrieden, ein.

Ihre Ängstlichkeit aber beschneidet g die Tochter um ihre elementaren Lebensmöglichkeiten. Die Einstellung dieser Eltern erinnert von Fern an Claudia Storz' 1984 erschienenen Roman «Die Wale kommen an Land». Auch dort bemassen die Eltern den Lebensraum ihrer Kinder wie nach dem Heckenschnitt französischer Gärten. Engherzigkeit - Enge: Für die Erfahrung von Claudia Storz weitere Bilder in den Erzählungen «Schacht» und «Zürich, am Dienstag» gefunden. Es sind beklemmende Erlebnisse, die sie mitteilt - angesiedelt in der Zone zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Alptraum und Schockerfahrung. Gerade in «Zürich, am Dienstag», einer Erzählung, die ganz harmlos einsetzt, breitet sich unaufhaltsam das BeBeatrice fremdliche aus, bis die Irritation perfekt ist. Ähnlich nehmen solche Störungen auch in den Erzählungen «Die Puppe» und «Anrufe und Karten» überhand. bis das Schaudern nicht mehr wegzuleugnen ist. Vorerst könnte man zwar dem Verlaufe noch einige Spleenigkeit zubilligen und damit die Tatsache beschönigen, aber in einem gewissen Moment fallen diese Verkleidungen
ab.

Und zuletzt darf man auch noch an Claudia Storz' resonanzreichen Erstling zurückdenken, ihren Roman «Jessica mit Konstruktionsfehlern» (1977), die autobiografisch eingefärbte Geschichte einer belastenden Krankheit und Behinderung. Die Krankheitserfahrung zeichnet auch in diesem Band nochmals zwei der Erzählungen, «Hodgkins» und «Spieltod». Beide weisen ein wehleidiges Pathos weit von sich; schon eher versuchen sie, dem «Spielleben» all der anrüchig Gesunden ein Schnippchen zu schlagen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter "Vaterland"]

Leseprobe I Buchbestellung 0707 LYRIKwelt © Vaterland/Beatrice Eichmann-Leutenegger