Geschichte eines Lebens.
Portrait über Marcel Reich-Ranicki (2005, Blessing, hrsg. von Uwe Wittstock).
Besprechung von Oliver Fink in der Frankfurter Rundschau, 1.6.2005:

Mein Literaturchef
Herzlichen Glückwunsch zum 85. Geburtstag: Uwe Wittstock porträtiert Marcel Reich-Ranicki

Die Reich-Ranicki-Philologie hat es mit dem Biographischen. Und jeder darf mal ran: Briefe, Gespräche, Stimmen, Dokumente, Erinnerungen, Fotos - in schöner Regelmäßigkeit versorgen Schüler und ehemalige Kollegen des Meisters den Buchhandel seit Jahren mit solchen Devotionalien. Daran änderte sich auch nichts, als dieser mit seiner Autobiographie Mein Leben (1999) selbst ins Geschehen eingriff. Im Gegenteil, jetzt kam die gewaltige MRR-Vermarktungs-Maschinerie erst so richtig in Gang. Zum 85. Geburtstag am morgigen Donnerstag ist nun Uwe Wittstock, FAZ-Redakteur unter Reich-Ranicki zwischen 1980 und 1988, an der Reihe. Er wartet gar mit einer kompletten Biographie des Literaturkritikers auf. Das ist mutig. Zumal bereits im vergangenen Jahr Thomas Anz, FAZ-Redakteur unter Reich-Ranicki zwischen 1981 und 1982, auf die gleiche Idee gekommen war (erschienen bei dtv).

Lücken bleiben

Bei Wittstock kann man es also noch einmal nachlesen, das in seinen ersten Dekaden stets gefährdete Leben des Marcel Reich: seine Kindheit in Wloclawek an der Weichsel, seine Jugend in Berlin. Die Deportation nach Warschau und die Überlebenskünste im Getto, wo er seine Frau Tosia kennen gelernt und geheiratet hat. Dem folgte die Flucht der beiden unter abenteuerlichen Umständen. Und schließlich die Rettung. Erst in den 1990er Jahren für Wirbel sorgte seine Arbeit für den polnischen Auslandsnachrichtendienst in London in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Nach seinem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei wirkte er als Lektor für deutsche Literatur und als Journalist in Warschau.

Die erstaunliche Karriere des Marcel Reich-Ranicki im bundesrepublikanischen Literaturbetrieb begann mit seiner Übersiedlung nach Deutschland im Jahr 1958. Fortan wirkte er als Kritiker, Buchautor, Literaturchef der FAZ, als Quasselstrippe (so sinngemäß der Vorwurf mancher Autoren) bei der Gruppe 47, als Juror beim Klagenfurter Wettlesen und schließlich - immer öffentlicher - als erste Geige beim "Literarischen Quartett". Die Lebensbeschreibung Uwe Wittstocks aber endet ganz privat, mit einer kleinen Feier, gewissermaßen einem Konklave zum 84. Geburtstag des "Literaturpapstes", bei der der Biograph offenbar die Ehre hatte, dabei sein zu dürfen. Wir haben verstanden: Happy Birthday - auch jetzt wieder.

Es ist ja nicht so, dass Autobiographien keine nachfolgenden Biographien mehr zuließen. Im Gegenteil. Mein Leben enthält genug Leerstellen, die noch zu füllen wären - auch Ansatzpunkte für kritisches Hinterfragen. Doch Uwe Wittstock, der seinen ehemaligen Vorgesetzten erwartungsgemäß mit Samthandschuhen anpackt, bietet in seiner "Geschichte eines Lebens" keine wirklichen Überraschungen. Zwar hat er für sein Buch den einen oder anderen Augenzeugen und Weggefährten befragt, doch wirklich Neues und Aufschlussreiches zur Person haben die ihm offenbar nicht erzählt: Allenfalls kleine Detailkorrekturen in der Sache werden registriert, nicht der Rede wert. Und selbst da, wo Wittstock (zumindest im räumlichen Sinne) selbst ganz nahe dran war - etwa beim so genannten Historikerstreit, der das Verhältnis Reich-Ranickis zu Joachim Fest (nicht nur innerhalb der FAZ-Redaktion) nachhaltig beschädigte -, verharrt er in einer diskreten Protokollantenrolle. Gerade bei solchen Wegmarken wird die Chance vertan, das ständig behauptete Exemplarische dieser deutsch-jüdischen Vita im 20. Jahrhundert analytisch zu durchdringen, zu vertiefen und es in größere Kontexte einzubinden. Auch andere heiße Eisen - die Walser-Bubis-Debatte etwa oder die Affäre um Walsers Roman Tod eines Kritikers - werden ähnlich abgebügelt. Und noch dazu neigt dieser Biograph allzu schnell zum Harmonisieren.

Das Meister-Schüler-Ding

Ein scheinbar nebensächlicher Satz von Wittstock aber offenbart die Crux seines ganzen Unternehmens mit einem Schlag: "Eine Deutung, die sich mit Reich-Ranickis Selbsteinschätzung weitgehend deckt". Mit der Deutung gemeint ist das erwähnte Buch von Thomas Anz, die Selbsteinschätzung bezieht sich auf Mein Leben. Auch Anz hat im vergangenen Jahr in seinem Referat über Reich-Ranickis Autobiographie auf Überraschungen verzichtet (sich immerhin als guter Philologe aber noch ein bisschen mit dessen Literaturbegriff auseinandersetzt). Wittstock folgt nun lediglich diesen ausgetretenen Pfaden. Allein die Kapitelüberschriften verraten es: "Kritik, nichts als Kritik" (Wittstock) - "Kritik als Beruf" (Anz); "Der Literaturchef" (Wittstock) - "Literaturchef in Frankfurt" (Anz); "Freundschaften, Feindschaften" (Wittstock) - "Freunde und Feinde" (Anz); "Popstar der Kritik" (Wittstock) - "Star im Fernsehen" (Anz). Das Durchdeklinieren der immergleichen Begriffe, es lebe das Klischee. Nicht sehr originell das Ganze.

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