Geschichte einer Liebe.
Marianne von Willemer und Johann Wolfgang Goethe (2003, Insel, hrsg. von Dagmar von Gersdorff).
Besprechung von Manfred Koch aus Neue Zürcher Zeitung vom 14.04.2004:

Suleikas Werke
Die Geschichte einer späten Liebe - Goethe und Marianne von Willemer

Ahmt die Kunst das Leben nach, wie die meisten glauben, oder nicht viel eher das Leben die Kunst? Kluge Beobachter des Literaturbetriebs im 18. Jahrhundert hätten vielleicht schon, wie später Oscar Wilde, für Letzteres votiert. Zur «Lesewut» um 1800 gehörte die glühende Identifikation mit Romanfiguren und ihren Schicksalen, bis hin zu dem Versuch, das eigene Leben, die eigene Gefühlswelt und Sprache an literarischen Vorbildern auszurichten. So verwandelte sich für den reichen Frankfurter Bankier Johann Jakob Willemer Literatur in Leben, als er 1799 im städtischen Theater eine fünfzehnjährige Tänzerin namens Marianne Jung entdeckte. In dem Mädchen schienen ihm gleich zwei Figuren aus seinem Lieblingsroman, «Wilhelm Meisters Lehrjahre» von Goethe, zu begegnen: die unglückliche Schauspielerin Mariane und das rätselhafte Kind Mignon. 1800 nahm Willemer Marianne Jung in sein Haus auf, 1814 heiratete er die um fünfundzwanzig Jahre jüngere Frau. Ihren Vornamen schrieb er weiterhin «Mariane» und nannte sie gegenüber Dritten bisweilen zärtlich «Mignon».

Kompliziert wurde das Widerspiel von Literatur und Leben in der Beziehung dieses ungleichen Paares, als der Autor des «Wilhelm Meister» selbst die Szene betrat. 1814, kurz vor der Hochzeit, lernte Goethe, der mit Willemer schon seit Ende der siebziger Jahre in Verbindung stand, «Demoiselle Jung» kennen und war höchst angetan von dem «allerliebsten» Wesen. Auch Marianne war leidenschaftliche Goethe-Leserin, die ganze Partien des Werks, darunter natürlich auch die berühmten Mignon-Lieder, auswendig kannte und betörend vorzutragen verstand. Ein Jahr später kommt es dann zu der legendären Liaison: Goethe verbringt im August und September 1815 mehrere Wochen mit Marianne auf dem Landsitz der Willemers, der Gerbermühle am Main. Dass dieses Beisammensein eine Liebesbegegnung, der amour fou eines öffentlichen Greises und einer verheirateten Frau von einunddreissig Jahren war, steht ausser Frage. Was genau zwischen den beiden geschah, weiss niemand. Sicher ist nur, dass diese emotionale «Verjüngung», wie häufig bei Goethe, zu einem Ausbruch poetischer Produktivität führte. In wenigen Wochen entstanden mehr als dreissig Liebesgedichte. Sie bildeten den Kernbestand des «Buchs Suleika» in jenem umfangreichsten seiner lyrischen Werke, dem «West-östlichen Divan», an dem er seit 1814 arbeitete.

Dagmar von Gersdorff hat die Geschichte dieser Liebe nachgezeichnet: Mit spürbarer Anteilnahme, die immer wieder auf Vergegenwärtigung - ein Erzählen, als sei man dabei gewesen - drängt, aber auch mit dem nötigen Takt, wo es um die Vermeidung voyeuristischer Fallstricke geht (die Frage, wie platonisch oder nicht platonisch diese Beziehung war, wird zu Recht nicht diskutiert, der Leser kann sich selbst seinen Reim auf die sublimen Sexualitäts- und Sündenfall-Anspielungen in den zitierten Dokumenten machen). Mariannes mysteriöse Herkunft wird aufgeklärt (sie war das uneheliche Kind einer österreichischen Schauspielerin und eines holländischen Tanzlehrers), man erfährt viel über den sonderbaren Bund mit Willemer, dessen vielschichtiger Charakter - genialer Financier, ehrgeiziger, aber erfolgloser Literat und aufrichtig liebender Ehemann - mit einiger Sympathie geschildert wird. Vor allem aber erhält man das Porträt einer nach wie vor zu wenig beachteten Autorin des 19. Jahrhunderts: Marianne von Willemer. Geehrt wurde Marianne traditionell als geheime Co-Autorin des «Divans» (nach eigener Aussage im Alter hatte sie vier Gedichte «auf dem Gewissen»). Dass das bei weitem nicht alles war im Leben einer hochbegabten Frau, die über 80 Gedichte, Tagebücher und eine Fülle wunderbarer Briefe hinterlassen hat, führt Gersdorffs Buch nachdrücklich vor Augen. Darin liegt sein wichtigstes Verdienst....Fortsetzung

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