Gescheckte Menschen von Hugo Hamiltion, 2004, Knaus1.) - 2.)

Gescheckte Menschen.
Ein Haftbericht von Hugo Hamilton (2004, Knaus - Übertragung Henning Ahrens).
Besprechung von Eva-Maria Vogel aus dem titel-magazin, 15.3.2004:

Zwei Seelen in einer Brust
In einem rührend-schönen Ton und mit einer kraftvoll-direkten Sprache erinnert sich Hugo Hamilton an seine Kindheit in Irland, an das Heranwachsen eines deutsch-irischen Jungen, für den es keine Heimat, keine Muttersprache und damit keine Identität gibt.
 
Als Sohn eines irisch-nationalistischen Vaters und einer deutschen Mutter ist Hugo Hamilton schon von Geburt an eine doppelte Bürde auferlegt. Zum einen erlaubt der Vater nicht, dass, wie überall sonst in Irland während der sechziger Jahre, die englische Sprache und Kultur in sein Haus eindringt. Zum anderen wird ein Kind deutscher Abstammung nicht von den Gleichaltrigen akzeptiert, weil diese davon überzeugt sind, dass alle Deutschen Nazis sind. Hugo und seine Geschwister wachsen abgeschirmt von der Außenwelt unter der Herrschaft eines Vaters auf, der auch nicht vor harten Prügelstrafen zurückschreckt, um innerhalb der Familie das zu verwirklichen, was er sich für sein Land vorstellt – ein durch und durch irisches Irland mit eigener Kultur und eigenen großen Erfindungen.

Selbstbehauptung durch das „Schweigende Nein“

Die liebevolle Mutter tut sich im Umgang mit den verschlossenen Iren schwer, sie „kann einfach nicht irisch sein“ und hat häufig Heimweh nach ihrem Vaterland. Sie vermittelt ihren Kindern durch Geschichten über ihre Vergangenheit in Deutschland die Haltung des „Schweigenden Neins“, eine passive Ablehnung, die ihre Familie während des Dritten Reiches bewahrte und die sich auch für Hugo in vielen Situationen als einziger Ausweg erweist, um sich wenigstens nicht innerlich unterkriegen zu lassen.

Die Mutter schafft es, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, indem sie ihr schlimmes größtes Geheimnis ihrem Tagebuch und damit der Nachwelt anvertraut, während der Vater bis zu seinem Tod versucht, die britische Verstrickung seiner Eltern und damit seine Herkunft zu leugnen.

Überzeugende Einfühlung

Hamilton gelingt es überzeugend, sich in die Erfahrungswelt eines kleinen Jungen zurückzuversetzen. In einem kindlich-naiven Ton beschreibt er alltägliche Eindrücke und Situationen aus einer jugendlichen Perspektive und erzeugt dadurch ganz besondere, neue Einblicke. Durch genaues Beobachten lernt Hugo seine Umwelt kennen. Nach und nach durchschaut er die fehlerhaften, widersprüchlichen Welten seiner Eltern und begreift die Herkunft der gespaltenen Seele in seiner Brust. Das Gefühl, als Täter beschimpft, aber in die Rolle des Opfers gedrängt zu werden, löst bei dem Deutsch-Iren Aggressionen aus, die bis zur Phantasie und Androhung des Vatermordes reichen.

Ein sinnloser Sprachenkrieg

Hamilton macht uns verständlich, was es für ein Kind und dessen Zukunft bedeutet, nicht anerkannt zu werden, weil man anders ist, und nicht zu wissen, wer man ist, weil die Werte, die von verschiedenen Seiten übermittelt werden, widersprüchlicher nicht sein könnten. Er zeigt an seinem eigenen Beispiel, wie tief die Schuld der Deutschen auch noch in den Nachfahren verankert bleibt und wie wenig sie abzustreiten ist. Hamilton erzählt, wie er sich als Kind im Sprachenkrieg der Erwachsenen nicht zurechtfindet, aber er führt den Kampf durch die Einsicht ad absurdum, dass am Ende alle die gleiche Sprache sprechen werden. Die irische Geschichte wird einmal nicht mit Fokus auf den protestantisch-katholischen Religionskrieg erzählt, sondern aus einem neuen Blickwinkel betrachtet: im Zusammenhang mit dem Leben eines deutsch-irischen Autors, der versuchte, seine eigene Geschichte zu finden, indem er sie aufschrieb. Auch wenn Hamilton nicht der erste zeitgenössische irische Autor ist, der die Idee hatte, die Vita seiner Kindertage festzuhalten, so sollte man nicht auf den bereits geplanten Film zum Buch warten, sondern die sorgfältige, gefühlvolle Sprache in stiller Lektüre auf sich wirken lassen und genießen.

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Gescheckte Menschen von Hugo Hamiltion, 2004, Knaus2.)

Gescheckte Menschen.
Ein Haftbericht von Hugo Hamilton (2004, Knaus - Übertragung Henning Ahrens).
Besprechung von Uwe Pralle in Neue Zürcher Zeitung vom 29.04.2004:

Brits und Paddys und Krauts
Hugo Hamiltons Kindheitsroman «Gescheckte Menschen»

Niemals ist die Welt so einfach wie in der Kindheit, sagt die Erinnerung - und niemals kann sie so verwirrend sein wie gerade dann, würde Hugo Hamilton vermutlich hinzufügen. Natürlich lässt sich behaupten, dass ein solcher Doppelblick für Kinder nicht ungewöhnlich ist. Doch behauptet wird in Hamiltons Roman «Gescheckte Menschen» eigentlich gar nichts. Vielmehr wird darin etwas getan, was sehr viel seltener und schwieriger ist. Hamilton sieht noch einmal mit Kinderaugen in eine Welt hinein, die in einem Moment völlig vertraut erscheinen und im nächsten plötzlich eine Seite zeigen kann, die auf manchmal fast schon wieder komische Weise unheimlich ist.

«Wenn du klein bist, weisst du nichts», lautet der erste Satz des Romans und gibt damit sofort den literarischen Schwierigkeitsgrad an. Tatsächlich verlangt es viel Fingerspitzengefühl, dem Blick eines Knaben in der Zeitspanne zwischen Vorschulalter und etwa dem vierzehnten Lebensjahr eine Sprache zu geben, ohne sie entweder ins Kindische abgleiten zu lassen oder in die Altklugheit eines nachträglich einfliessenden Erwachsenenblicks. Um dem zu entgehen, muss die eigene Kindheitswelt noch stark nachglühen, und das ist bei Hamilton offenbar der Fall. Bruchstücke seiner gescheckten Vita sind schon in einige der bisher fünf Romane des 51-jährigen Dubliners eingegangen, in «Surrogate City» etwa, den ersten von 1990, und in die beiden folgenden, «The Last Shot» und «The Love Test».

So direkt wie in «Gescheckte Menschen» hat er von seiner Familiengeschichte bisher aber noch nicht erzählt. Hamiltons Mutter ist eine Deutsche aus dem Rheinland, sein Vater ein Ire aus Cork, wo Dublin mit seiner englisch geprägten Kultur oft noch als ein Aussenposten Londons gilt. Acht Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Dublin geboren zu sein, ist für ein Kind schon schwierig, wenn es morgens in Deutschland zu erwachen glaubt, sich beim ersten Schritt aus der Haustür aber plötzlich in Irland befindet - und besonders schwierig ist es, wenn andere Kinder ihm und den Geschwistern ständig «Sieg Heil» oder «Achtung. Schnell schnell. Donner und Blitzen» nachrufen, so dass er eines Tages nach Hause kommt und zur Mutter sagt: «Ich bin Adolf Eichmann, und ich kaufe mir jetzt ein Eis. Dann gehe ich runter zum Meer, um den Wellen zuzusehen.»

Familiensprachkrieg

Auch der von ultranationalistischem Furor erfüllte Vater trägt zu den Verwirrungen bei, indem er alles daransetzt, seine Familie zu einem Bollwerk der irischen Sprache mitten in Dublin auszubauen. Kein Wort des verhassten Englisch soll in seinem Haus ertönen, und der Familie trichtert er ein, den anglisierten Namen Hamilton zu ignorieren und nur auf das gälische Ó hUrmoltaigh zu hören. Früher hatte er in der O'Connell Street zuweilen Reden gehalten, in Konkurrenz zu bekannten Politikern wie de Valera oder Larkin. Doch der Zuhörerkreis seiner feurigen Tiraden, die von Irlands Auferstehung durch Erfindergeist und die Sprache schwärmten, verringerte sich, als er sie auf Irisch zu halten begann. Schliesslich verstehen es in Dublin nicht allzu viele.

Seitdem er eine Familie hat, streitet dieser tragikomische Erneuerer Irlands nicht mehr in Dublins Hyde Park. Nun ist die Familie sein Agitationsfeld, die er als Keimzelle des neuen Irland ansieht. Öffentlich setzt er sich nur noch für die Gälisierung der Dubliner Strassennamen ein, und neben seinem Beruf als Ingenieur versucht er mit wenig Erfolg, eine Firma auf die Beine zu bringen, die Produkte aus Deutschland, dem bewunderten Feind der Engländer in zwei Weltkriegen, importieren soll, wie etwa Kruzifixe aus Oberammergau oder Karnevalshüte aus dem Rheinland. Hamilton versteht es glänzend, die Komik dieses Familienlebens im Blick des kleinen Buben mit seinen Bitterkeiten zu verschmelzen.

Die Familie lebt so eng wie auf einer einsamen Insel zusammen, aber der Sprachkrieg trägt die ferne Welt doch wieder in sie hinein. So müssen alle vor jedem Wort immer genau aufpassen:

Die Wörter des Polizisten oder der Arbeiter dürfen wir nicht in den Mund nehmen, denn das ist Englisch. Wir nehmen Áines Wörter aus Connemara, denn das ist Irisch, oder Mutters Wörter, denn das ist Deutsch. Ich kann nicht Deutsch mit Áine reden, und mit Mutter kann ich nicht Irisch reden, weil sie sonst bloss lacht und mich kitzelt. Mit Vater kann ich Deutsch oder Irisch reden, und er kann an unserer Stelle mit dem Polizisten und den Arbeitern sprechen. Und auch draussen muss man sich vorsehen, denn ein Eis kann man weder auf Deutsch noch auf Irisch kaufen . . .

Aufpassen mit den Wörtern muss der kleine Bub vor allem beim Vater, weil der sonst die Stöcke aus dem Gewächshaus holt und im Namen der Jungfrau Maria und Irlands mit Züchtigungsritualen beginnt, die in jedes englische Internat passen würden. Früher oder später muss der Vater den Sprachkrieg allerdings verlieren, den er angezettelt hat. Gegen das Leben draussen auf den Strassen oder drinnen am Radio, wo «Sugar is sweet, my love» oder «I heard it through the Grapevine» aus dem Lautsprecher tönt, bevor er es verhindern kann, ist nichts gewachsen, weder ein Kraut noch ein Paddy. Allerdings weiss der Bub genauso, was es heisst zu verlieren, und er weiss es sogar doppelt, «denn ich bin Ire, und ich bin Deutscher». Dass Hamilton dem Knaben auch solche Sätze auf die Zunge legen kann, ohne die kindliche Perspektive zu sprengen, ist die grosse Kunst dieses Romans....Fortsetzung

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