Gesammelte Werke. Auf Reisen 1 und 2.
Essays von Cees Nooteboom (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Raoul Löbbert in Rheinischer Merkur, 17.06.2004:

Cees Nootebooms Deutschland-Essays erstmals in der Werkausgabe
„Mach die Augen zu und schau!“
Der niederländische Erfolgsautor betrachtet unser Land mit fremdem Blick. Die Kunst der Poeten ist es, sich diesen fremden Blick zu bewahren.

Reisen bildet, das wusste schon Goethe. Das Notizbuch stets griffbereit, ließ es sich der Dichterfürst in der italienischen Sonne wohl ergehen. Im Handstreich läutete der wohl prominenteste deutsche Rucksacktourist mit seiner hymnischen Reisebeschreibung die Literaturepoche der Klassik ein. Auch der Niederländer Cees Nooteboom ist ein dichtender Weltenbummler. Ein Nomade im Leben und Lesen, wie er über sich selbst sagt, der das Sehen zu seinem Spezialgebiet gemacht hat.

Doch ganz anders als Goethe zieht es ihn nicht zu den efeuumrankten Ruinen römischer Pracht, sondern in die Weiten Spaniens und, immer wieder, in die pulsierende Großstadt Berlin. Nooteboom reist nicht, um anzukommen. Ziellos umherstreifend verarbeitet der Berufs-Sehende seine Eindrücke zu einem literarischen Fremdenführer. Als Reisender ist er stets ein Außenseiter, der aus der Distanz seine Umwelt beschreibt.

Sein Nomadentum wird zur berufsbedingten Flucht vor menschlicher Nähe, denn – so Nooteboom in dem Roman „Allerseelen“ – „wer Abschied nimmt, ist immer im Vorteil. Der andere ist es, der zurückbleibt.“

Berliner Grenzgänger

Die Umgebung degradiert der Niederländer zum Untersuchungsobjekt, das er literarisch seziert. Eine Statue, ein Foto, eine flüchtige Rast in einer Provinzkneipe münden in philosophische und historische Exkurse. Stückwerk scheinbar, das Nooteboom kunstvoll zum Motivteppich einer Stadt, zum Protokoll der Sinnsuche verwebt.

Ihn interessiert nicht das allzu Offensichtliche, sondern die Wahrheit hinter den Bildern. „Mach die Augen zu und schau!“, heißt es tief schürfend in der Erzählung „Der Buddha hinter dem Bretterzaun“. Derart vorbereitet, nimmt Nooteboom den Leser mit auf seinem Streifzug durch das Berlin zu Zeiten der Maueröffnung. Seine „Berliner Notizen“, 1991 erstmals publiziert, gehören zu den eindringlichsten Zeugnissen dieser bewegten Epoche deutsch-deutscher Geschichte. Täglich pendelte Nooteboom in jenen Tagen zwischen dem Ost- und Westteil hin und her. Den Alltag im Arbeiter-und- Bauern-Staat beschreibt er genauso wie das Leben in der westdeutschen Enklave des Kapitalismus. Zwei Systeme, festgefahren, gefangen scheinbar in ihrer Gegensätzlichkeit. Doch es knarrt und knarzt bereits im Gebälk des SED-Systems.

Den Schaden am Grundgerüst der DDR wird keiner mehr richten können – schon gar nicht der ehemalige Dachdecker Erich Honecker. Alles verschiebt sich, ist im Fluss. Das Dunkel der ideologischen Erstarrung auf beiden Seiten der Mauer weicht dem Morgengrauen des politischen Neuanfangs.

So wird der sozialistische Bruderkuss zwischen dem Reformer Gorbatschow und dem greisen Staatsratsvorsitzenden für Nooteboom zum Kuss der politischen Philosophien: die eine dem Untergang geweiht, ohne es zu wissen.

Kurz darauf begehen frustrierte Arbeiter und Bauern kollektiv Republikflucht. Die Berliner Mauer, Sinnbild der Teilung, fällt den Vorschlaghämmern der Mauerspechte zum Opfer. „Der Abriss einer Welt, der einzigen, die sie kannten“, so Nooteboom. Währenddessen verkündet die „Aktuelle Kamera“, das Fernsehsprachrohr der DDR, noch die alten Parolen: Nachrichten eines sterbenden Staates – Anachronismen bereits zum Zeitpunkt der Sendung.

Erwachsen werden

Doch die „Berliner Notizen“ sind mehr als eine Chronik des Mauerfalls. Der historische Moment ist nur eine Facette deutscher Wirklichkeit. Seine Wurzeln liegen tiefer, in Kunst und Literatur, in Philosophie und Wissenschaft, kurz: in der deutschen Seele. Präzise leuchtet Nooteboom das typisch deutsche Nebeneinander von Vergangenheitsbewältigung und Aufbruch in die Zukunft, von Geschichte und ihrem Fortwirken in der Gegenwart aus. „Der Reisende will“, so der Autor, „immer das Damals seines Heute wissen.“

Und das Morgen? Schon der Reime schmiedende Italientourist Goethe wusste: „Liegt dir gestern klar und offen, wirkst du heute kräftig frei.“ Das vereinigte Deutschland, jenes „schmelzende Land“, so Nooteboom 1997 in einer Rede, ist auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft – hin- und hergerissen zwischen den Schrecknissen der Geschichte und den Anforderungen des Morgen. Als Land steckt es, anders als Frankreich und England, noch in den Kinderschuhen. Es muss erst erwachsen werden, eine Persönlichkeit herausbilden. „Kennen wir Deutschland?“, fragt Cees Nooteboom aus Sicht des unbeteiligten Beobachters. „Kennt es sich selbst? Weiß es, was es werden will, wenn es groß ist?“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0704 LYRIKwelt © Rheinischer Merkur