Gesammelte Werke von Vladimir Holan, 2003, Mutabene

1.) - 2.)

Gesammelte Werke.
in 14 Bänden von Vladimir Holan (2003, Mutabene, hrsg. von
Urs Heftrich/Heidelberg und Michael Špirit/Prag).
Besprechung von Paul Alfred Kleinert, Berlin-Kreuzberg, 01/2006:

Waren jahrelang die Texte Holans einer deutschsprachigen Rezeption nur begrenzt zugängig (bibliographische Anmerkungen siehe unter Autoren: Holan auf dieser web-site), so erfüllt der Kölner Verlag Mutabene mit seiner auf 14 Bände angelegten, ambitionierten zweisprachigen Ausgabe der Gesammelten Werke ein bestehendes Desiderat.

Zum 100sten Geburtstag Holans erschien 2005 der erste Band der Lyrik (gleichzeitig der numerisch erste Band) der Gesammelten Werke in einer profunden Übertragung des Heidelberger Slawisten Urs Heftrich, der in einer gelungenen Veranstaltung am 13.01.2006 im Tschechischen Zentrum zu Berlin den Band vorstellte.

Die im Band  enthaltenen frühen  Lyrikbände Holans Das Wehen von 1932, Der Bogen (1934) und Stein kommst du…(1937) erscheinen allesamt zum ersten Mal im Deutschen (zudem in einer Fremdsprache überhaupt) und bilden den Auftakt zu der Ausgabe des Lyrischen Werkes Holans in neun Bänden innerhalb der Gesammelten Werke.

Die ersten beiden Bände, die Holan veröffentlichte (Der schwärmerische Fächer von 1926 und Triumph des Todes von 1931), fallen Holans eigener Zensur zum Opfer und wurden, dieser folgend, in die Ausgabe der Gesammelten Werke  nicht aufgenommen, ein Umstand, den der unterzeichnete Rezensent im Blick auf das Wachsen des Werkes Holans durchaus kritisch anmerkt, da sie das Spiel mit der Sprache l’art pour l’art, den einzigen „Ismus“, den die Tschechen im 20sten Jahrhundert beigesteuert haben, den „Poetismus“, in besonderer Form bereicherten.

Hingegen haben sich die 16 Jahre, die Heftrich auf den im Vorab genannten ersten Band der vorliegenden Gesammelten Werke verwandte, ausgezahlt, das bemerkt die Leserin/ der Leser bei einer intensiveren Wahrnehmung der Gedichte: ein philologisch genauer Blick für die Eigenheiten der Diktion Holans, die Art der Wiedergabe dieser im Deutschen und die seitens des Übersetzers fein wiedergegebenen Sprachspiele Holans zeichnen die Übertragung aus.

Auch Holans viel besprochene und bereits im Frühwerk zu Teilen aufscheinende düstere Bildlichkeit, seine „Apokalyptik“, sowie der ausgerechnet in der Zeit des beginnenden tschechischen  Surrealismus auf Mallarmé, Rilke und Valéry fußende Symbolismus seiner Sprache werden  an den hier vorliegenden Werken des Autors deutlich.

Der Dichter, den Jaroslav Seifert (1901-86, Nobelpreisträger von 1984) mit „von uns damals der beste Dichter“ apostrophierte und den Jiří Gruša (geb. 1938) „zu den wenigen, für die es selbst in der Weltliteratur kein Pendant gibt“ rechnet, hat in der verdienstvollen Ausgabe des Mutabene Verlages, der in den heutigen Zeitläuften Glück zu wünschen bleibt, eine gute Heimat in der Fremde gefunden.

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Gesammelte Werke von Vladimir Holan, 2003, Mutabene2.)

Gesammelte Werke.
in 14 Bänden von Vladimir Holan (2003, Mutabene, hrsg. von
Urs Heftrich/Heidelberg und Michael Špirit/Prag).
Besprechung von U.Sm. in Neue Zürcher Zeitung vom 15.04.2006:

Radikal modern
Vladimír Holans frühe Lyrik

Einen «schwarzen Engel» nannte der tschechische Nobelpreisträger Jaroslav Seifert seinen Dichterkollegen Vladimír Holan (1905–1980) und bescheinigte ihm gleichzeitig, dass er in der Zwischenkriegszeit der bessere Lyriker war. Dieses Kompliment verdankte Holan seinem unbedingten Streben nach poetischer Strenge, seiner Kompromisslosigkeit gegenüber dem Zeitgeist und seiner genau dosierten Sprachgewalt. Zwar hatte Holan mit seinem Débutband «Schwärmerischer Fächer» von 1926 noch dem dominanten Poetismus literarischen Tribut gezollt, aber bereits zu Beginn der dreissiger Jahre erhielten Holans Gedichte eine ganz neue Tonalität, die an Mallarmé, Rilke und Valéry geschult war. Holans Selbsterfindung als Dichter war so radikal, dass er später seinen Erstling nur noch als «Schwachsinnigen Fächer» bezeichnete. Im Zentrum der Poetik stand nicht mehr das einzelne Wort mit seiner ihm genau zugewiesenen Bedeutung, sondern das Relationale, die Beziehung, das Verhältnis der Wörter zueinander.

Holans Kombinierlust ging so weit, dass er mit Zusammenstellungen wie «den Wald schweigen» oder «wohin bleicht das Wachen» experimentierte. Allerdings erkannte er bald, dass eine solch hermetische Kunstkonzeption im Zeichen des heraufziehenden Faschismus keine Zukunft mehr hatte. Im Gedichtband «Stein, kommst du . . .» (1937) finden sich bereits deutliche Stellungnahmen gegen die deutsche Barbarei in Hitlerdeutschland und Francos Putsch in Spanien.

Der Slawist Urs Heftrich hat Holans schwierige frühe Lyrik in ein makelloses Deutsch übertragen und damit eine wichtige Vermittlungsarbeit geleistet: Viel zu lange hat sich Westeuropa in der Illusion gewiegt, dass radikal moderne Lyrik nur in den vertrauten Kulturzentren Paris, Berlin und London geschrieben worden sei. Die Schätze der osteuropäischen Literatur liegen offen zutage, sie müssen nur gehoben werden.

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