Gesammelte Werke.
in zehn Bänden von Alfred Andersch (2004, Diogenes, hrsg. von Dieter Lamping).
Besprechung von Stephan Reinhardt in der Frankfurter Rundschau, 15.2.2005:

Vergangenheit, oh Schutz vor dir
Zum 25. Todestag von Alfred Andersch erscheinen "Gesammelte Werke" in zehn Bänden

Als Fritz J. Raddatz im Oktober 1979 darauf hinwies, dass 1945 für die deutsche Nachkriegsliteratur keine unschuldige Stunde Null war, sondern Autoren wie Koeppen, Eich und Andersch braune Flecken auf ihrer angeblich blütenweißen Weste hatten, schrieb Andersch in einem Leserbrief geradezu befreit: "Ich stimme vollständig zu." Bis 1976 hatte er die Version aufrecht erhalten, in den Nazijahren weder publiziert noch geschrieben zu haben. In seinem autobiographischen Text "Im Seesack" dann das Eingeständnis, bereits 1943 in der Kölnischen Zeitung veröffentlicht zu haben. Jedoch, in einem Leserbrief zu Raddatz' Artikel fügte er - vier Monate vor seinem Tod am 21. Februar 1980 - hinzu: "Zu den Irrtümern von Schriftstellern muss freilich bemerkt werden, dass auch Schriftsteller Wesen sind, die sich entwickeln."

Verfolgen lässt sich diese Entwicklung in einem heute seltenen editorischen Kraftakt: Anderschs Gesammelten Werken in zehn Bänden, herausgegeben von dem Mainzer Germanisten Dieter Lamping und seinen Mitarbeitern. Ihre erstmals textkritisch durchgesehene und kommentierte Ausgabe enthält alle Bücher, die Andersch veröffentlichte (sie erschienen 1979 in einer 15-bändigen Taschenbuch-Ausgabe), dazu Texte aus dem Nachlass. Neben den ersten drei Bänden - mit den vier Romanen Sansibar, Die Rote, Efraim und Winterspelt - sowie weiteren Bänden mit Erzählungen, Autobiographischen Berichten, Gedichten und Hörspielen, sind in den Bänden acht bis zehn sämtliche Essayistischen Schriften zugänglich. In chronologischer Reihenfolge vereinigen sie erstmals alle Reiseberichte, Schriften zur Literatur, Kunst und Politik sowie Buchrezensionen. Diese Essays zeigen die enorme Bandbreite dieses Autors, und sie bieten ebenso wie die Prosabände ein Leseabenteuer: in der Tat die Entwicklungsgeschichte eines Autors und Intellektuellen, der die deutschen Katastrophen des 20. Jahrhunderts durchmessen hat.

Tabu der Fahnenflucht

Erst relativ spät, 1952 im Alter von 38 Jahren, veröffentlichte Andersch mit Die Kirschen der Freiheit seinen ersten Prosaband. Das Buch machte ihn schlagartig bekannt, mitten im Kalten Krieg - die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik war beschlossene Sache. Generals-Memoiren hatten Konjunktur. Da durchbrach Andersch, damals Leiter des einzigartigen "Abendstudios" im Hessischen Rundfunk und erfolgreicher Feature-Autor, das Tabu der Fahnenflucht. Er bekannte, desertiert zu sein. Die Ehre des Deserteurs stellte er über die des Soldaten.

Andersch gab sich Rechenschaft über Irrtümer. Und beschrieb das Schicksal eines deutschen Intellektuellen, der, 1914 in München geboren, hineinwächst in das deutschnationale, völkisch-antisemitische Milieu des Vaters. Der schwer verletzt aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrte Feldwebelleutnant a. D. Andersch, der in seinem Beruf als Antiquar scheitert, schließt sich in München Erich Ludendorff an und der Thule-Gesellschaft, einer von dem Münchner Verleger Lehmann mitgegründeten Keimzelle der Nationalsozialisten. Andersch geht aus Protest gegen die nationalen Tiraden des Vaters einen anderen Weg: Er wird Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes und in Südbayern dessen "Organisationsleiter". Als Hitler Anfang 1933 Reichskanzler wird, hofft der junge KPD-Funktionär auf einen Putsch von links. Vergeblich. Im geschichtsphilosophischen Determinismus der KPD - in einem angeblich gesetzmäßig, ohne Zutun der Person ablaufenden historischen Prozess - ist kein Platz für spontane Gestaltungsmöglichkeiten des Individuums.

Der Einzelne ist nur Objekt gesellschaftlicher Prozesse. Als Andersch im KZ Dachau für sieben Wochen interniert wird, löst er sich von der KPD. Nicht länger Fremdbestimmung will er, sondern Selbstbestimmung. Lehmann, der in seinem Verlag medizinische und völkische Literatur, darunter die Zeitschriften Deutschlands Erneuerung sowie das rassentheoretische Hauptblatt der NS-Bewegung Volk und Rasse herausgibt, stellt Andersch in der Buchhaltung an. Der Neunzehnjährige - er will Schriftsteller werden - muss Abonnentenlisten führen. "Ich antwortete auf den totalen Staat mit der totalen Introversion.

Innerlich wird ihm übel

Diese Haltung, gern innere Emigration genannt, bedeutete hier auch Kollaboration. Wie weit das ging und bis wann es dauerte? In Die Kirschen der Freiheit gibt Andersch zu, 1935 habe er Hitler in München "zugejubelt" und "Heil!" geschrieen - und 1940, als Soldat am Oberrhein: "Ich war derart auf den Hund gekommen, dass ich einen deutschen Sieg für möglich hielt... Jedesmal, wenn ich daran denke, spucke ich innerlich vor mir auf." Ein moralisches Desaster war und bleibt, dass sich Andersch von seiner Frau Angelika, einer so genannten "Halbjüdin", im März 1943 scheiden ließ - zu einem Zeitpunkt, als in der dritten Berliner Konferenz "Endlösung der Judenfrage" (27. Oktober 1942) der Plan der Zwangstrennung und Sterilisierung aller "Mischlinge" beraten wird. (Das Schicksal der "Halbjuden" war schließlich abhängig von der Willkür der örtlichen Behörden. Angelika und ihre Tochter Susanne überlebten.)

Aus dieser von Andersch offenbar selbst so empfundenen Schuldverstrickung hat W. G. Sebald (zuerst 1993 in Lettre) den Schluss gezogen, dass Andersch sich damit ein für allemal auch als Schriftsteller diskreditiert habe. Nach 1945 habe er nur eines bewerkstelligt: "die Transsubstantiation von Schuld bzw. Mitschuld in Schuldfreiheit", die Schönung seiner Biographie.

"Wer einmal einen Fehler begangen hat, ist auf Dauer moralisch beschädigt, und wer als Person gefehlt hat, kann kein guter Schriftsteller sein" - dieser "schlichten wie strengen Überzeugung" widerspricht der Herausgeber Lamping nun in seiner glänzenden Gesamtwürdigung. Sie leitet einen umsichtigen Werk- und Zeilen-Kommentar zu jedem Band ein. Etliche Texte dieser Edition zeigen: Andersch wäscht sich nicht rein, sondern er korrigiert in der Fiktion, was er und so viele andere falsch gemacht haben. "Das Vergangene ist nie tot; es ist nicht einmal vergangen."

Dieses Motto des Romans Winterspelt durchzieht das nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Werk. Unsinnig ist der Versuch, antisemitische Spuren im Werk Anderschs nach 1945 entdecken zu wollen. Ob es sich um die Jüdin Judith in Sansibar oder den jüdischen Journalisten Efraim im gleichnamigen Roman handelt, immer geht es um Korrektur und Ursachenforschung von Ausgrenzung. Sartres Existentialismus verpflichtet, steht bei dem philosophisch bewanderten Andersch im Mittelpunkt "die Freiheit des Individuums, vor allem als Selbstbestimmung des einzelnen inmitten politischer und gesellschaftlicher Zwänge" (Lamping).

Diese Entwicklung von Fremd- zu Selbstbestimmung ist eindrucksvoll zu verfolgen auch in den drei Bänden der essayistischen Schriften (herausgegeben von Axel Dunker): Sie zeigen den Kriegsgefangenen, der in den USA Grundbegriffe der Demokratie lernt; den politischen Publizisten, der sie zu ungeduldig im Ruf, in den Frankfurter Heften für die noch weithin im Alten verhafteten deutschen Verhältnisse einfordert; den bedeutenden Vermittler und öffentlich-rechtlichen Mäzen, der als Rundfunkredakteur und Zeitschriftenherausgeber demokratische Streitkultur einübt und mit der ästhetischen Avantgarde bekanntmacht; den für Fragen des Stils, der Formpflicht und der wagemutigen Komposition besonders offenen Ästheten, der sich zum Romaneschreiben in das schweizerische Bergdorf Berzona zurückzieht; schließlich den schwer zuckerkranken homo politicus, der sich wieder einmischt und der dem sich ankündigenden Tod die eindringliche politische Novelle "Der Vater eines Mörders" abringt. Sie ist heute neben Sansibar und Die Kirschen der Freiheit Schullektüre.

Andersch ist ein Beispiel dafür, dass ästhetische und politische sowie soziale Sensibilität einander nicht ausschließen. Im Gegenteil. Denn, so Andersch im Porträt des ihm seelenverwandten italienischen Schriftstellers Elio Vittorini, "jegliche Beziehung des Künstlers zur Gesellschaft und zu seinem Gewissen" ist geradezu produktivitätssteigernd. Für Andersch besteht die Würde des Schriftstellers wie des Intellektuellen sowohl in ästhetischer Radikalisierung als auch in sorgender Teilhabe am Ganzen: zum Beispiel im Mitgefühl für Marginalisierte.

Wenn Mensch und Geschichte verstanden werden als bloße Entfaltung von Strukturen, droht Geschichte dann nicht zu einem Prozess ohne Subjekt zu werden? Andersch stellt Fragen, die nichts von ihrer Brisanz verloren haben.

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