Voces Completas/Gesammelte Stimmen von Antonio Porchia, Tropen-Verlag, 2005

Voces completas/Gesammelte Stimmen.
Buch von Antonio Porchia (2005, Tropen - Übertragung Juana und Tobias Burghardt).
Besprechung von Uwe Stolzmann in Neue Züricher Zeitung vom 2.08.2005:

«Und ich, ein Fremder, allein»
Die gesammelten «Stimmen» des Antonio Porchia

Es gibt diese Foto im Buch, schwarzweiss, von leiser Unschärfe: der Dichter gegen Lebensende, ein Mann mit dem Gesicht eines kalabrischen Bauern. Den kahlen Schädel hat er auf eine Hand gestützt, der Blick geht erdwärts ins Bodenlose. Der pensionierte Angestellte trägt Hemd mit Schlips, darüber Pullover und Jackett, es ist ihm kalt geworden in der Gegenwart. Auch seine Stimme hat überdauert, auf einer verrauschten Platte und in den Tiefen des Internets – die Stimme eines weltentrückten Weisen, die in den sechziger Jahren auf Radio Nacional Buenos Aires nächtens Sätze sagte wie: «Fremde, Fremde, Fremde, unendlich viele Fremde. Und ich, ein Fremder, allein.» Oder: «Wenn mir scheint, dass alles ohne mich ist: Wie wunderbar scheint mir alles!» Nichts mehr erwartete dieser Mann. Er hatte alles gesehen, alles durchlitten, mit allem abgeschlossen. 1968 starb er fast unbemerkt. Nur ein paar Kollegen rühmten Namen und Werk.

Das einsamste Buch

«Ihre ‹Stimmen› sind vom Reinsten und Schönsten», befand die argentinische Lyrikerin Alejandra Pizarnik. Und sie berichtete – in einem Brief an den «lieben Don Antonio Porchia», abgeschickt fünf Jahre vor seinem Tod –, wie sie seine Texte «gebraucht und verbraucht» habe, weil sie sie bei sich trage wie eine Art Identitätsnachweis. «Ihr Buch ist das einzelgängerischste, das abgrundtief einsamste Buch, das auf der Welt geschrieben wurde. Und doch fühlte ich mich bei jedem mitternächtlichen Wiederlesen beschützt.»

Jorge Luis Borges notierte 1978, er habe Antonio Porchia nicht persönlich gekannt, doch sei der Landsmann der «Stimmen» wegen nun sein inniger Freund. «Die Aphorismen gehen viel weiter als der geschriebene Text; sie sind kein Ende, sondern ein Anfang. Wir können vermuten, dass der Autor sie für sich schrieb und nicht wusste, dass er für andere das Bild eines einsamen, hellwachen Menschen entwarf, der sich des einzigartigen Geheimnisses eines jeden Augenblickes bewusst war.»

Antonio Porchia, 1885 als Sohn eines Priesters in Neapel geboren, soll in der Kindheit in starkem Masse Ablehnung, Zurückweisung erfahren haben. Nach Vaters Tod emigrierte die Familie nach Buenos Aires. Porchia wurde Schreiner, Docker, Druckereigehilfe, er führte ein asketisches Leben, geschrieben hat er nebenbei. «Me dice que soy ciego, lo que veo.» («Mir sagt, ich sei blind, was ich sehe.») Knappe Beobachtungen warf er aufs Papier, Sentenzen, in ein, zwei vieldeutigen Sätzen kondensierte Erfahrungen.

«Gnomische Dichtungen» nennt der Tropen-Verlag die Kleinkunstwerke, und «Gnome» (der Leser darf nachschlagen) meint genau dies: Denkspruch, Aphorismus. In ihrer Gesamtheit bilden die «Stimmen» ein mögliches Psychogramm des Autors. Das könnte der Argentinier gewesen sein: ein Zweifler, ein Skeptiker, geprügelt, aber ohne Klage. Gläubig, nach dem Verlust der Religion. Ein Mann, der die Spiegelschau, die Selbstbetrachtung liebte, ein Mann ohne Illusionen, doch stets mit einem Rest Hoffnung – worauf?

Die «Stimmen» dienten der Selbstermunterung («Wo du nichts bist, bleibe bei dir, und du bist alles») und gewährten Einblick in die Innenwelt des Verfassers («Mein Erwachen zwischen Traum und Traum unterbricht meinen Traum nicht»). Sie zeugen von Witz («Ich liebe dich, wie du bist, aber sage mir nicht, wie du bist»), auch von Verbitterung («Die Welt verzeiht deine Unzulänglichkeiten, nicht deine Fähigkeiten»). Köstlich: der gelegentlich aufblitzende Sarkasmus. «Alle Seelen brauchen ein Bad im Ungesunden», heisst es einmal, oder: «Das dem Menschen innewohnende Biest ist immer zwanzigjährig.» Viele Sprüche enden so im Ungefähren, dass der Leser sie mit Sinn aufladen und sich zu eigen machen kann. Manche trösten ihn – weil er eigenes Leid gespiegelt sieht.

Neben philosophischen Kleinodien stehen plötzlich jedoch Allerweltssätze: «Wer von Feuer zu Feuer geht, stirbt an Kälte.» Bisweilen zeigte Porchia sich allzu pathetisch, bisweilen allzu sprachverliebt, etwa wenn er – ein trauriger Ritter der steten Revision – in Varianten älterer Aphorismen gerade einen Punkt, ein Komma verschob. Einiges aus der Sammlung wirkt gedreht und gewunden. Anderes scheint vollkommen. «Sprich nicht zu mir. Ich möchte bei dir sein.» Das ist schlicht und schön.

Prominente Bewunderer

Über tausend «Stimmen» hat Antonio Porchia in die Welt gesetzt. Viele hundert liess er ab 1943 publizieren, den Rest verschenkte, vergass oder verwarf er. Nach seinem Tod seien die Denkfiguren anonym, zu Volkes Stimme geworden, erfahren wir, von Erbauung Suchenden weitergereicht und zitiert in den Kerkern der Diktatur. Noch später mussten die Splitter mit Mühe wieder zusammengetragen werden.

Längst gilt Porchia als bedeutender Dichter. Das deutsche Verlagshaus stellt die Namen prominenter Bewunderer heraus (Breton, Queneau und Henry Miller, Handke und Strauss), als wolle es Enttäuschungen bei der Lektüre vorbeugen. Bereits zwei Anläufe unternahm der Berliner Tropen-Verlag seit 1999, die «Stimmen» schubweise ins Deutsche zu bringen. Nun liegt das Gesamtwerk vor, wieder zweisprachig und weltweit zum ersten Mal vollständig, ergänzt um erst jüngst entdeckte Bonmots, um Gedichte von Weggefährten, Essays und Erläuterungen. Die Perfektion der Übertragungen zu bemängeln, wäre müssig: Derart zugespitzte Sentenzen ergründet man stets besser im Original.

Kein Lesebuch ist dieser Band, eher Nachschlagewerk, in Handhabung und Wirkung vergleichbar mit den Spruchsammlungen antiker Denker. Nach den ersten Tropen-Editionen fällte so mancher Kritiker bei uns ein apodiktisches Urteil: «Unbedingt» zu studieren sei das Konvolut der «Voces», weil «ganz einfach grosse Literatur». – Gemach. Man möge sich nicht einschüchtern lassen und lausche den zwei Dutzend «Stimmen», die heute eben klingen (morgen mögen es andere sein). Den Rest, etwa die mystisch verdrehten Maximen, die Moralstandpauken und Allgemeinplätze, schiebe man vorerst beiseite – ganz so, wie der Autor es tat: «Ich werde weiterhin die schlechten Wörter ausmerzen, die ich in mein Ganzes hineinbrachte, wenn auch mein Ganzes ohne Wörter bliebe.»

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0805 LYRIKwelt © NZZ