Gesammelte Aufsätze I von Andreas Okopenko, 2000, Ritter-Verlag

Gesammelte Aufsätze und andere Meinungsausbrüche aus fünf Jahrzehnten.
Band 1 von Andreas Okopenko (2000, Ritter).
Besprechung von Max Blaeulich aus Rezensionen-online *LuK*:

Bewegt von Wirklichkeiten
Okopenkos Gesammelte Aufsätze

Wer Andreas Okopenko kennt, weiß, wie akkurat er Fragen beantwortet, mit Fingerzeigen behilflich ist und – fast möchte ich sagen, einem, der die österreichische Literatur nach 1945 kennen lernen will, zur Hand geht. Und genau das tun die beiden Bände, die nun als »Gesammelte Aufsätze und andere Meinungsausbrüche aus fünf Jahrzehnten« vorliegen. Grosso modo ist damit eigentlich schon alles gesagt – ein »hier nimm und lies!« würde genügen.

Für den Ungenügsamen noch einige weitere Bemerkungen. Die beiden Bände beinhalten wesentlich mehr als Literaturgeschichte, Aphorismen, Aperçus, Notate zur Politik und Analysen zur Literatur. Es ist eine Literaturatmosphäre, die nicht nur die Spannungsfelder der damaligen Konstellationen literarischer, politischer und persönlicher Auseinandersetzung abzirkelt, Konfrontationen durchmisst, sondern auch Beziehungen von Menschen und ihren Verhältnissen kundtut, ihre Position beschreibt und ihren Einfluss auf die Moderne ins richtige Licht rückt, sowohl von lebenden Dichtern und Schriftstellern als auch von jenen, die schon längst den Weg alles Irdischen gegangen sind.

Ausgehend von dem Aufsatz »Die schwierigen Anfänge«, der sich mit den kulturellen und den literarischen Bedingungen im Nachkriegs-Österreich beschäftigt, beschreibt Okopenko eingehend die bis heute nur von ihm entsprechend gewürdigte, aber auch kritisierte Zeitschrift »Neue Wege«, die neben dem »Plan«, dem »Silberboot« eigentlich das wichtigste Forum, bei aller Einmischung von »oben«, d. h. der politischen Einflussnahme war. Nicht nur in diesem Aufsatz, sondern auch in anderen, z. B. in der Grundvorlesung »Wiens junge Dichter der 50er Jahre« verweist er explizit und sympathisch auf alle jene Namen, deren Klang heute schon längst verklungen ist, deren Bemühen in der Aufgabe, im Schweigen, in der Resignation, in der Enttäuschung, in der Distanz, in der Antriebslosigkeit wie auch immer im Scheitern oder gar im frühzeitigen Tod endete. Ich erlaube mir für den Ungenügsamen einige Namen wahllos untereinander zu stellen, ohne mit der Reihung oder der Weglassung irgendetwas zu meinen:

Carl Armandola / Hanns Weissenborn / René Altmann / Helene Diem / Friedrich Polakovics / Hertha Kräftner / Ernst Kein / Leopold Pötzlberger / Ingomar Leitner / Elfriede Hauer / Traude Dienel...

Und diese Reihe könnte fortgesetzt werden. Von einigen der oben genannten liegen heute Bücher vor, H. C. Artmanns Wiener Keller schließt eine Lücke, dann Armandola, Altmann und Hertha Kräftner. Okopenko hat die einstigen Mitläufer nicht vergessen, so wie manche, die ihre Anfänge bewusst vergessen, weil jener nicht so recht ins Licht des Ruhmes und Glanzes passt. Abgesehen von diesen Umständlichkeiten, die ein allzu Berühmter machen könnte – als Herausgeber weiß ich wovon ich spreche –, erfährt der Leser wie auch Mayröcker, Jandl, Celan, Artmann, Rühm, Fried, Bachmann, Aichinger, Busta, Lebert, Weigel u.v.a. sich formierten, in Anthologien sich sammelten und ihre ersten Entwürfe in die Welt schickten. Dies betrifft die Jahre 1950–1954. Neben diesen literarhistorischen Studien lässt uns Okopenko erneut teilhaben an seinen verstreut erschienenen, zum Teil verschollenen Buchrezensionen, Geleitworten, Porträts und Erinnerungen. Herausgegriffen aus den Studien über Konrad Bayer, Elfriede Gerstl, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker sei jene über Theodor Kramer und Franz B. Steiner. Okopenko, der sich als Lyriker ja selbst dem Realismus zugehörig fühlt (»ich bin defintionsgemäß REALIST«) überschreibt seine Kritik (nicht Rezension) mit »Facetten der Wirklichkeit«. Okopenko geht sogar in seiner Definition so weit, dass er die Dichtung Kramers und Steiners, wie verschieden sie auch sind, als konkrete Poesie bezeichnen würde, hätten nicht Gomringer und Bense diesen Begriff für eine ganz andere Spielart einer spezifischen Poesie besetzt, die realiter gar nicht so konkret ist wie jene von Kramer und Steiner. Daher bezeichnet er die beiden als »Schöpfer der protokollarischen Poesie«, ein durchaus zu diskutierender Beitrag. Als Ahnherrn der protokollarischen Poesie nennt Okopenko Stifter, Kafka, Trakl, Leifhelm, Weinheber, nicht nennt er Handke, es wäre eine Nachfrage wert. Und dann lese ich in seiner Kritik Folgendes: »Theodor Kramer war … kein Virtuos. Seine Form ist simpel. Kramers Gedichte sind durchwegs gereimt, mit starren Strophen, manchmal mit Refrain. Das Schema bewältigt er oft nur durch Umstülpen der Syntax, wie es in der altväterlich-epigonalen Lyrik gang und gäbe war… oder durch das ebenso berüchtigte Enjambement, das Hinüberziehen des untrennbaren Satzes in den nächsten Vers. Auch die Wortwahl trifft er gelegentlich schlecht«. Von dieser Feststellung ausgehend spricht er dann über die Stärken Kramers, warum er den Weg von Innen nach Außen gegangen ist und sich der Wirklichkeit (Landschaft, Dinge, konkrete Lebenssituationen) zugewandt hat, die in einem protokollarischen »Hier und Nun« münden. Anders, vielleicht sogar diametral erscheinen ihm die Gedichte Steiners, dessen Verschollenheit zu bedauern ist. Okopenko sieht bei Steiner die mitgeteilte Innenwelt und Außenwelt in einem hohen Maße vielschichtiger und komplizierter in seinem Aufbau, vielfältiger im Benutzen verschiedener Textsorten als bei Kramer. Obwohl diese Gedichte bei oberflächlicher Betrachtung hermetisch erscheinen, sind sie es nicht, ganz im Gegenteil, sie sind konkret. Und dann dieser Satz: »Im Gegensatz zu Kramer war Steiner Artist. Bei Steiner findet man keine formale Unzulänglichkeit, wie sie dem naiven Poeten unterläuft, kein Verlegenheitswort, kein Raufen mit dem Metrum. Seine Sprache ist von hoher Einheit.« Okopenko zergliedert genau, inwiefern Steiners Lyrik konkret ist, wie sein Blick genauso protokollarisch seine Innenwelt im Verhältnis nach außen beschreibt und Wirklichkeit benennt. Hier kann nachvollzogen werden, wie Kritik funktioniert und was sie leisten kann. Solche Art der Betrachtung erhellt aber auch Okopenkos eigene Arbeit. Zwei ausführliche Aufsätze im zweiten Band, zum einen über den von ihm gebrauchten und eingeführten Begriff »Fluidum« und zum anderen über »Konkretionismus« geben Auskunft über Okopenkos Arbeit und Einblick in seine Grundlagen. In »Fluidum« wird der Versuch unternommen, das Flüchtige, das von einer Person, von einem Erlebnis oder Gegenstand ausgeht – indes eine ganz bestimmte Atmosphäre erzeugt, in der unwillkürlich innegehalten wird, in der die Zeit stillzustehen scheint –, zu benennen, mehr noch zu definieren und sogar einzufangen, diese Atmosphäre erneut und wiederholt zu evozieren und bewusst zu machen, welche Rolle das Parfüm, das soeben durch den Geschmack einer »Madeleine« hervorgerufen wurde – ich spreche jetzt vom Madeleine-Erlebnis Marcel Prousts – im Verhältnis zu einem selbst hat. Die Evokation geht also durch den Geschmackssinn auf den Geruchssinn über. Dann taucht der Betrachter gleichsam mit einer Lupe in eine Welt des Klitzekleinen ein, den Lidschlag verlangsamend, den Blick schärfend, und das Ding, das vor der Lupe erscheint, betrachtet er sinnend zeitverloren. So, denke ich mir, wirkt »Fluidum«, etwas, das uns vor langer Zeit gestreift hat, ins Unterbewusstsein gesunken sein muss und durch irgendeine assoziative Ursache wieder ins Bewusstsein strömt und als Ereignis so da ist, dass alles andere nebensächlich wird, ja, in ihm versinkt. Ich kenne das Phänomen und weiß, wenn mich etwas aus einer vergangenen Zeit an Verhältnisse von heute erinnert, wenn ich mich in den Polster drehen muss, weil eine andere Ausstrahlung da ist.

Nun ist aber ein Fluidum-Erlebnis eben nur ein solches, wenn es nicht zur Sprache gebracht wird. Okopenko nennt die Bedingungen für dieses zur Sprache bringen in dem Aufsatz »Konkretionismus« mit dem Untertitel »Einkreisung eines apokryphen Stils«. Tatsächlich ist dieser Traktat eine Fortführung von Pounds Überlegungen im »ABC des Lesens«, sozusagen ein ABC des Schreibens. Okopenko klärt für sich ab, was im Kunstwerk – insbesondere in der Lyrik – nichts zu suchen hat, was einem Kunstwerk schadet und wodurch es gewinnt. Ich glaube nicht, dass Okopenko hier Rezepte verteilen will, sondern mehr, dass er sich seiner Position versichern wollte, die, notiert in den fünfziger Jahren, stark unter den verschiedensten Ismen und Strömungen stand, eine Position, die er sich durch intellektuelle Arbeit redlich erstritt. Das Geheimnis eines Kunstwerks tastet er nicht an, sehr wohl aber unscharfe Bezüge, Verschleierung oder Mätzchen, die ein Gebilde verbrämen und zum Kunstwerk stilisieren sollten. Mit Okopenkos Worten: »Die Faszination der Sprache gibt daher sicher viel vom Gefühl wieder, die Konkretion viel von der fülligen Welt, der sie zu danken ist«.

Vom Gefühl rufe ich dem Gemeindebaubewohner, man lese diesen bemerkenswerten Essay, der als solcher singulär in der österreichischen Literatur dasteht, als eben gleicher zu: »So ist es«.

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