Geröll von Thomas Ballhausen, 2005, SkarabaeusGeröll.
Prosa von Thomas Ballhausen (2005, Skarabaeus).
Besprechung von Thomas Schönauer aus Rezensionen-online:

Am besten stellt man sich die Texte in einer Gesteinstrommel vor, die Thomas Ballhausen ausdauernd in Bewegung hält. Die Texte werden dabei gemahlen, gebrochen und in das jeweilige Format gerüttelt. Vom Textkies über feinen Schotter, vom Hardcore bis zur Fetz-Schrift Marke unplugged ist auf der Geröllhalde alles säuberlich aufgeschichtet und wird dem Leser in artigen Portionen serviert.

Den Auftakt bildet ein ideales Lexikon, von jedem Buchstaben des Alphabets werden nur drei Begriffe zugelassen und im Übrigen ist ein D wie ein D und ein R wie ein R. Die Welt wird straff in das Ordnungskorsett des Alphabets geschnürt, allerdings sind die semantischen Schließen, mit denen dieses Korsett zusammengezwängt wird, völlig zufällig gewählt. Von anfangen, Angst, Anruf, B-52, benutzerdefiniert, beziehungsweise bis hin zu Yeoman, Ytong, Yen und Zeugma, Zitadelle Zitat reichen die Ordnungsbegriffe.

Die nachfolgenden Geröllhalden sind aufgeschlichtet in die Haufen "Im Labor", "Fegefeuer" und "Kaltfront". Diese Kapitel sind wie weitläufige Lagerplätze angelegt, auf denen die einzelnen Texte ausgestreut, geschüttet, getrocknet und gewalkt werden können.

So gibt es etwa eine Komposition zur Wiederholungstat, die dem Phänomen nachgeht, dass Literatur immer etwas Einmaliges ist und dennoch das Allgemeingültige ausdrückt. Wie oft muss man eine Tat wiederholen, bis sie sitzt? Wie oft muss etwas geschehen, dass daraus eine beschreibbare Gesetzmäßigkeit abgelesen werden kann?

In einer Sequenz zur Dreifaltigkeit treten Jason, Medea und Glauke als Schenkel eines magischen Dreiecks auf, das in sich zueinander spricht und den Abstand der Beziehung ständig variiert.

Den Abschluss bildet eine so genannte Übung in "prosthetic memory". Tatsächlich setzen sich die Elemente Stein, Papier, Liquor und Fleisch unter dem Titel "Totenvögel" zu einer gigantischen Erinnerungsprothese zusammen.

Thomas Ballhausen erzählt frech, rudimentär und rotierend. Die Texte sind vordergründig Material, wie es in einem offenen Hirn herumliegt und die erste Tätigkeit beim Erzählen besteht jeweils darin, Ordnung in diese Verquickungen der Gedanken zu bringen. Vom puren Anschauungsmaterial ausgehend entwickeln sich allmählich satte handfeste Geschichten, wie sie etwa entstehen, wenn wir einen Stein aufnehmen, in der Hand abschätzen und daraus seine Geschichte und sein Geschiebe rekonstruieren. Eine tolle Methode, Material zum Leben zu erwecken!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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