German Angst von Friedrich Ani, 2000, Droemer

German Angst.
Roman von Friedrich Ani (2000, Droemer).
Besprechung von Nicola Bardola in Zürichsee Zeitung, 28.11.2000:

Die Angst vor dem Unbekannten und Fremden, die Suche nach Sündenböcken, die Gewalt gegen scheinbare Bedrohungen brechen sich als "German Angst" mit schrecklichen Folgen Bahn: Am 11. August 1999 wird Natalia Horn, eine der wichtigen Romanfiguren, von Anhängern der Republikaner entführt. Natalias "Makel" besteht nur darin, dass sie Christoph Arano liebt, der als Kind aus Nigeria nach Deutschland gekommen ist und dessen 14-jährige Tochter Lucy eine Straftat nach der anderen begeht. Die Schlagzeilen dämonisieren Lucy und erinnern an Mehmed, den gleichaltrigen Jungen, der zum Spielball bayerischer Medien, der Justiz und der Politiker wurde.

Die Entführer Natalias fordern mit ihrer so genannten "Aktion D" die Ausweisung Aranos und seiner Tochter und wissen nicht, dass Arano inzwischen keinen anderen Ausweg als die Flucht mit seiner Tochter nach Nigeria sieht. Kriminalkommissar Tabor Süden überwindet seine Flugangst, begleitet die beiden und versucht sie vor einem skrupel- und schonungslosen Kamerateam zu schützen. Die Parallelität der Ereignisse, die gefährliche Mentalität der "Wegschaugesellschaft", die wieder stärker werdende Ausländerfeindlichkeit und - so als sei Fremdenhass die Grundlage für das Pech der Betroffenen - auch der Zufall führen am Ende die Katastrophe herbei.

Dieser Thriller, der im letzten Drittel das Erzähltempo enorm beschleunigt, ist einerseits voller Furcht, Gewalt und Leidenschaft, andererseits vergeht kein Kapitel, ohne dass - manchmal kaum spürbar - die Wurzeln der deutschen Phobie gegenüber Andersartigkeit beharrlich freigelegt werden. Die "German Angst", ein zunehmend in der englischen Sprache verwendeter Begriff, der in unterschiedlichen Kontexten auftaucht, ist eine dieser Wurzeln. In "The German Way" (1996) schreibt der Deutschland-Kenner Hyde Flippo aus Nevada/USA: "Germans like to worry ... They worry about their national identity and their image abroad." ("Die Deutschen mögen es, sich zu fürchten. Sie fürchten um ihre nationale Identität und ihr Image im Ausland.") Die Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft, um interkulturelle Kompetenz, um die Integration der Immigranten u.v.m. sind die Grundlagen für diesen Thriller, der "German Angst" nicht mehr als Begriff für die Sorge der Deutschen vor dem Ende des Wirtschaftswunders, sondern als Ausdruck für die Furcht vor Überfremdung einsetzt.

Der fiktive Fall Lucy Arano, der sich bis in kleinste Details an der Realität orientiert, wird nebensächlich, wenn der Autor versucht, die Motive für die Taten seiner Figuren zu ergründen. Hier endet der Genreroman. Brillant dringt der Text in extreme Situationen vor, öffnet die verwundeten Gemüter und zeigt, wie es durch die Biographien, durch Schicksalsschläge und durch die Unfähigkeit zu menschlicher Nähe, zu Gewaltbereitschaft kommen konnte. Diese psychologischen und manchmal gar lyrischen Entdeckungen verborgener, verdrängter oder einfach vergessen geglaubter Erlebnisse werden ergänzt durch handfeste und rationale Erklärungen. Kommissar Süden sagt zu der 14-jährigen Serientäterin Lucy: "Es ist praktisch für sie, dass du schwarz bist, so haben sie eine Rechtfertigung für ihr Verhalten. Ein schwarzes Kind, das wahllos Menschen angreift, ist ein Glücksfall für sie, du bist ein fleischgewordener Angstmagnet. Sie denken, je mehr sie dich fürchten müssen, desto weniger wird ihre Furcht."

Dieser Roman könnte mehr bewirken als viele Mahnwachen und Protestmärsche gegen das rechte Weltbild, gegen das Streben nach deutscher Homogenität und gegen die steigende Zahl der Gewalttaten von Rechtsextremen. Und das obwohl der Autor kaum wertet. Er gibt seinen scharf gezeichneten Figuren eine Chance. Schonungslos entfaltet er das Gedankengut deutscher Republikaner und lässt rechte Brüllaffen "multikulti vernebelte Intellektuelle" niedermachen. Schliesslich steht dem braunen Gewaltpotential der "Aktion D" Lucys zerstörerische Aggressivität gegenüber. Zu den besonders lesenswerten Passagen gehören deshalb die Dialoge des Staatsanwaltes mit den Verteidigern Lucys, mit Politikern und mit Polizeibeamten. Auf der Suche nach einer adäquaten Strafe für die Serientäterin kommt als weiteres Kontrastmittel die Vorverurteilung nach dumpfer Stammtischweisheiten-Manier hinzu. Der Autor nutzt verschiedene Aspekte der deutschen Rechtsprechung - zum Beispiel die Bewertung der Möglichkeiten zwischen Abschiebung und Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis von (straffällig gewordenen) Gastarbeitern oder minderjährigen Ausländern -, um die Spannung zu steigern. Dagegen wirken amerikanische Justizkrimis plötzlich fern und belanglos.

Die Erfahrung, die Friedrich Ani als Lyriker, Drehbuchautor (u.a. von herausragenden Folgen für Serien wie "Tatort" und "Ein Fall für zwei"), als Dramatiker und Krimiautor gesammelt hat, ermöglicht dieses packende Porträt einer Gesellschaft, in der der amtierende Innenminister Deutschlands im Zusammenhang mit Rechtsextremismus (im aktuellen Bericht des Verfassungsschutzes) "Zeichen von geistiger und seelischer Verwahrlosung" feststellt. Henning Mankell, dessen Inspektor Wallander mit Anis Inspektor Süden vergleichbar ist, könnte sich keinen geeigneteren Stoff für seinen nächsten Roman wünschen - Ani hat ihn seit seiner Geburt vor der Haustür, hat ihn aufgegriffen und damit einen grossartigen und vielstimmigen, ob seiner Trostlosigkeit niederschmetternden, dank seiner Präzision aber auch aufrüttelnden und ergreifenden literarischen Thriller geschrieben, den man als "Sonnenfinsternistod" lesen kann und der in Punkto "Sogwirkung" dem "Mittsommermord" nicht nachsteht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.bardola.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0206 LYRIKwelt © Nicola Bardola