German Amok von Feridun ZaimogluGerman Amok.
Roman von Feridun Zaimoglu (2002, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von
Steffen Richter in Neue Zürcher Zeitung vom 29.3.2003:

Am Ende der Provokationen
Feridun Zaimoglu: «German Amok»

Feridun Zaimoglu weiss, was er seinem Ruf als literarischer Asphalt-Cowboy, Provokateur an allen Fronten und Zapper zwischen den Kulturen schuldig ist: «Die Kunstfotze ist nicht zu übersehen: ein ennuyantes Warzenmädchen, mittelgross und mittelmässig.» So setzt sein neuer Roman mit dem delirierenden Titel «German Amok» ein. Der Ton ist angeschlagen, und so geht es erst einmal weiter. Der Maler, den Zaimoglu sich als Erzählmedium konstruiert, mischt die «Berliner Kulturpest» gründlich auf, wettert gegen alternative Deutsche, Ausländer, Schwule, Lesben, Tiere und Ossis. Eigentlich müssten sich auf der Stelle ein Dutzend Bürgerinitiativen zur Verhinderung dieses Buches bilden.

Unfug mit Kunstanspruch

Zunächst lässt Zaimoglu, der sich selbst kokett als «Abitur-Türken» bezeichnet hat, seinen Mann unter massivem Vokabelüberdruck unsägliche Belanglosigkeiten aufeinander häufen. Mag sein, dass er dabei nur jene Kunstszene spiegelt, die sich mit «1% Talent, 99% Sendungsbewusstsein» zufrieden gibt und in der es zur «Marktgängigkeit» genügt, «nichtdeutsch», «amerikanisch schwul» oder «ethnisch different» zu sein. Dann engagiert ein Bekannter unseren finanziell notorisch unterversorgten Künstler als Bühnenbildner. Es geht nach Treptin, in die brandenburgische Provinz, zu einer esoterisch-asiatischen Tanzwerkstatt unter feministischer Fuchtel. Dort setzt sich das freudlose Kopulieren fort - mit Orgien, in denen es ohne Ansehung des Geschlechts kaum noch um Lustgewinn geht, sondern darum, andere Körper zu konsumieren und dabei den eigenen zu verbrauchen. Zudem erreicht das Crescendo der politischen Unkorrektheiten hier seinen Höhepunkt. Der Dreiteiler, der vor dem «Ostpack» aufgeführt werden soll, nennt sich «Harmonie - Erholung - Totalgas». Der Holocaust mutiert zur letzten Trumpfkarte in einem Spiel, dessen Provokationspotenzial ausgereizt scheint.

All das wäre nicht der Rede wert, wären in den Diskurs des ungehemmten Unfugs nicht systematisch Momente eingewoben, die einen sehr ernsthaften Kunstwillen verraten. So gibt etwa Zaimoglus schillernde Sprache mit ihren gepflegten Konjunktiven und dem elaborierten Vokabular (da wird einem «Harm angetan») die vordergründigen Vulgärattacken als hochgradig konstruiert zu erkennen. Und natürlich mischt Zaimoglu sein Deutsch in origineller Weise mit wörtlich übersetzten Redewendungen aus dem Türkischen ab - ohne je in die Exotikfalle zu tappen. Vor allem aber gibt es jenseits der sexuellen Libertinage, die längst keine Befreiung mehr darstellt, ein fast zärtliches Liebesmärchen. Von dem geistig verwirrten Mädchen Clarissa heisst es, sie sei «wesenhaft fremdartig». Wie ein erratischer Block liegt plötzlich die Sehnsucht nach einem authentischen Gefühl in den Kulissen der durch und durch falschen Künstlerlandschaft und transzendiert sie.

Ende der Polemik

Zugleich steht Clarissa für die Fremden, «die in dieses Land hineinströmen» und deren «Fremdheit nicht vergehen» wird. Da ist Zaimoglus Lust an der Polemik wie weggeblasen. Subtil und fernab von Utopien kultureller Vermischung scheint Trauer durch den Text. Für Clarissa wie für den Erzähler selbst löst sich das Koordinatensystem angestammter Verhaltensweisen und Werte auf, ohne dass neue, Stabilität versprechende Identitätskonstrukte sichtbar würden. «Die Eindringlinge werden unglücklich bleiben, und ihr Unglück ist unser Verhängnis.» In diesem orakelnden Unbehagen, mit dem Zaimoglu den Verhältnissen sein Einverständnis verweigert, liegt der Bodensatz des Literarischen. Und der ist es wert, aus der Konkursmasse des Pops gerettet zu werden.

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