Georgisches
Reisetagebuch.
Tagebuch von Jonathan Littell (2008,
Berlin-Verlag - Übertragung Hainer Kober).
Besprechung von Ina Hartwig aus der Frankfurter Rundschau vom
27.11.2008:
Normalerweise ist es Bernard-Henri Lévy vergönnt, in die Krisengebiete der Welt zu reisen und seine "engagierte" (wie man das nennt) Meinung kundzutun. Auch diesmal fehlte BHL nicht, als zwischen Russland und Georgien um die Gebiete Ossetien, Südossetien und Abchasien gefochten wurde, im August 2008. Nun hat er Konkurrenz bekommen, ob's ihm gefällt oder nicht: Jonathan Littell, seit dem preisgekrönten Roman-Ziegelstein "Die Wohlgesinnten" ein Weltstar, ist ebenfalls nach Georgien aufgebrochen, als der schwer durchschaubare kleine schmutzige Krieg in Stalins alter Heimat tobte. Littells ausführliche Reportage war bereits Anfang Oktober in dem Wochenmagazin Le Monde 2 erschienen und ist jetzt auf Deutsch als 50-seitiges Büchlein vom Berlin Verlag vorgelegt worden (Jonathan Littell: Georgisches Reisetagebuch. Aus dem Französischen von Hainer Kober, 56 Seiten, 5 Euro).
Ein erstaunlicher Text! Erstaunlich vor allem, weil gleich zweierlei fehlt: nämlich sowohl das engagierte Tremolo eines BHL - Littell strebt diese Nachfolge ganz offenkundig nicht an. Und es fehlt die ins Pervers-Brutale übersteigerte Kunstphantasie, mit der der polyglotte Autor seinen heftig diskutierten historischen Roman über den SS-Mann Max Aue bestritten hatte. Das Reisetagebuch über Georgien ist unprätentiös, kundig, erfahrungsgesättigt, differenziert, auf merkwürdige Weise entspannt und suchend, auch erbittert ("so viele vernichtete, sinnlos zugrunde gerichtete Leben") und manchmal sogar komisch.
"Die größte Überraschung während dieser Reise", schreibt
Littell, "war die russische Armee." Anders als die hungernden, verschreckten
Jungen, die er 1996 in Tschetschenien gesehen hatte, und anders als die
skrupellosen, korrupten Schläger der Jahre 1999/2000 sind die russischen
Soldaten plötzlich einigermaßen höflich und diszipliniert - und selbstbewusst.
Mit einer eindeutigen Botschaft oder Verurteilung kommt Littell nicht zurück.
Wenngleich er Tendenzen ausmacht: Die Russen vereiteln die Recherchen der
angereisten westlichen Journalisten weit aggressiver und plumper (durchaus eine
Quelle des Amüsements) als die Georgier, die subtiler, schwieriger zu erfassen
sind. Littell, immerhin inzwischen ein reicher Mann, reiste nicht allein,
sondern in einer Gruppe internationaler Journalisten; wobei er unterscheidet
zwischen jenen, die mit "diesem Teil der Welt" vertraut sind (Littell ist es, er
hat jahrelang in Tschetschenien für eine NGO gearbeitet), und den anderen, die
aus dem Staunen über die Taktiken und Sitten der "Gastgeber" nicht herauskommen.
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