Geometrischer
Heimatroman.
Roman von Gert
Jonke (1969, Suhrkamp/2004, Jung und Jung).
Besprechung von Roman Luckscheiter in der Frankfurter Rundschau, 20.10.2004:
Drahtseilakt
Wenn die Provinz aus den Fugen gerät:
Gert Jonkes neu aufgelegtes Erstlingswerk
In dem klassischen Heimatroman wird
dem Leser eine perfekte Simulation vorgeführt: Werte, Riten, Traditionen einer
meist dörflichen Gemeinschaft sind darin für den affirmativen Lesegenuss
bereitgestellt und dienen dem modernen Menschen, seine Entfremdungsahnungen
durch die Prosa der Nostalgie zu kompensieren; das exemplarische Eigene
manifestiert sich dann in charakteristischem Lokalkolorit und in der ihm angehörenden
Sprechweise. In Gert Jonkes Fortschreibung des längst in Verruf geratenen
Genres ist davon nur noch in reflektierter Form die Rede: Den Dialekt, die
Begebenheiten und Sitten vor Ort erfährt der Leser im Zitat und als Gerücht -
denn der "geometrische Heimatroman" wird von zwei Erzählern
bestritten, die sich unweit des Dorfplatzes niedergelassen haben, um von der Bevölkerung
unbemerkt das dortige Geschehen zu beobachten, als handle es sich um die
Stammeskultur eines weit entfernten Planeten, ganz nach dem Motto: Distanz
schafft Klarheit über die tatsächlichen Verhältnisse.
Jonke dreht den Heimatroman in sein Gegenteil um: Der Fülle heimatlicher
Identität aus herkömmlichen Schilderungen entspricht bei ihm die gähnende
Leere des blankpolierten Platzes, der sonst feierlich beschworene soziale
Zusammenhalt wird konterkariert durch eine Wahrnehmung, die nur in geometrischen
Formen noch einheitsstiftende Elemente erkennen kann - in der Sinuskurve der
Bergkette beispielsweise oder im akkuraten Muster der Gartenzäune. An die
Stelle der emotionalen Grundierung tritt die mathematische; wo die Topographie
einst gefühlt werden sollte, wird sie jetzt vermessen und errechnet.
Was das Eigentümliche des anonymen Ortes ausmacht, kolportiert das Hörensagen,
letztlich definiert es sicher aber ex negativo durch irritierende Einbrüche des
Fremden. Das Fremde, dem der in Klagenfurt geborene Jonke die klinische Heimat
aussetzt, tritt in zweierlei Gestalt auf, in derjenigen des Künstlers und in
derjenigen der wilden Natur. Beide von Hause aus schöpferischen Mächte
fungieren als Vorboten der Auslöschung, wie man mit Jonkes Landsmann Thomas
Bernhard so schön sagen kann: Der Drahtseilkünstler, der auf dem Dorfplatz
gastiert, stürzt ab und bricht sich bei seiner Landung auf dem Brunnen das Rückgrat
- vom genius loci also keine Spur. Die Natur wiederum, die um den Dorfplatz
herum in radikal zurechtgestutzten Bäumen halbswegs präsent war, zeigt plötzlich
ihre zerstörerische Kraft, wenn eine Überschwemmung den Ort heimsucht oder ein
kreischender Vogelschwarm, der mit einem feinen Sinn fürs Symbolische den Mörtel
zwischen den sauber verlegten Steinplatten aufhackt.
Die oberflächliche Ordnung der Provinz gerät
sinnbildlich aus den Fugen. Die kommunale Verwaltung, bemüht um die Wahrung
ihres Gesichts, sucht und (er-) findet Schuldige: dunkle Gestalten, die man am
Ortsrand gesichtet haben will und zu deren Abwehr prompt polizeiliche Maßnahmen
ergriffen werden, die jedem noch so paranoiden Antiterrorgesetz unserer
Gegenwart alle Ehre machen würden. Um die Sicherheit der Einwohner zu erhöhen,
nimmt man ihnen im Handumdrehen sämtliche Freiheiten.
Es ist dieser Aspekt, der heute das Interesse des Lesers am geläuterten
Heimatroman wecken dürfte und der auch erklären könnte, warum der Salzburger
Verlag Jung und Jung sich dazu entschlossen hat, Jonkes 1969 erstmals bei
Suhrkamp erschienenes Buch neu aufzulegen.
Damals erregte der gerade 22-Jährige mit seinem Beitrag zur konjunkturell
gefragten Sprach- und Mentalitätskritik im literarischen Großreinemachen
Aufsehen und vielfache Anerkennung. Wohlwollend lobte Peter
Handke, ein weiterer Landsmann, im Spiegel das "vergnügliche"
Erstlingswerk, da deutlich werde, "dass Sätze obrigkeitliche Sätze sind,
dass die Welt der Sätze eine hierarchische Ordnung normiert." Das
faschistoide, neurotische, abtötende, naturfeindliche, ignorante, falsche
Leben, wie man es in der (zumal österreichischen) Provinz in konzentrierter
Form anzutreffen meinte - das waren Themen, an denen sich der antiautoritäre
Gestus abarbeiten konnte und sich bei Elfriede
Jelinek oder Andreas
Maier bis heute abarbeitet.
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