Geografie der Angst von Hamid Skif, 2007, Edition NautilusGeografie der Angst.
Roman von Hamid Skif (2007, Edition Nautilus -
Übertragung Andreas Münzer).
Besprechung von Martin Zähringer in der Neue Zürcher Zeitung vom 04.03.2008:

Gefährliche Geografien
Hamid Skifs Roman zum Leben in der Illegalität

Hamid Skif wurde 1951 in Oran, Algerien, geboren und war als Mitbegründer einer Journalistenvereinigung aktiv. Das Engagement hat ihm Verfolgung und Todesgefahr eingetragen, weshalb er seit 1997 im Exil in Hamburg lebt. Mit politischen Unterstützern wie etwa dem PEN hat Skif selbst gute Erfahrungen gemacht, in dieser Hinsicht ist das Geschehen in seinem jüngsten Roman fiktiv. Dort erfährt der Ich-Erzähler, ein «illegaler» Flüchtling aus Nordafrika, die Abhängigkeit von seinem Helfer als Lebensgefahr. Fiktiv ist auch die beschriebene Situation in Frankreich, wo sich die Handlung allem Anschein nach abspielt. Hier macht man massenhaft und mörderisch Jagd auf Illegale. Der seit drei Monaten versteckt lebende Ingenieur aus Tanger hat sogar mit einer Erfindung dazu beigetragen, dass sie «jetzt mit dem Kärcher reinigen», er hat einen Detektor zur Auffindung Illegaler erfunden. Der Einfall mit dem Detektor könnte irreführen, Science-Fiction liegt hier nicht vor. Die «Geografie der Angst» – so der Titel des Romans – findet sich vielmehr in einem politischen Raum, welcher der Wirklichkeit um einiges näher ist als der Fiktion.

Der Illegale sitzt isoliert in einer Dachkammer und beschäftigt sich mit literarischen Notizen über die Migration. Afrikanische Figuren vom Schlepper über den Dealer bis zum Folterknecht paradieren in den Roman. Während diese Fragmente der Erinnerung entstehen, beobachtet er lebenshungrig die Objekte des Begehrens, die Bewohner des gegenüberliegenden Hauses. Die drei Sphären Kammer, Haus und Erinnerung erscheinen bisweilen etwas abrupt im Wechsel, aber eine Wirkung ist effektiv: Der (europäische) Leser muss sich von der Identifikation mit dem Opfer abwenden. Er findet sich auf der anderen (europäischen) Seite wieder: im videoseligen Biertrinker, im zurückgezogenen Maler, in der Frau an der Schreibmaschine mit ihrem wöchentlich auftauchenden Liebhaber, in der Pensionärin hinter dem Vorhang im Erdgeschoss oder im streitlustigen Ehepaar.

Hier schlägt das Fiktionale in etwas unheimlich Reales um. Die gewandelte Perspektive wiederholt den Akt der aufmerksamen Beobachtung, aber jetzt blickt der Leser aus dem Haus zurück. Wenn man nun den Kopf vom Buch erhebt, wird die Geografie der Angst plötzlich wahr, denn wir ahnen doch, dass der Illegale wirklich nur eine Dachluke entfernt ist. Am Ende kommt die grosse Anklage: «Jetzt ist Schluss, wir glauben euch nicht mehr, wir werden euch nie mehr glauben. Ihr seid die Komplizen der Mörder.» Diese Anklage des Illegalen ist akut und wird von einer Politik herausgefordert, die dabei ist, den Hoffnungs- und Zukunftsraum Europa aufzuheben. Vielleicht gerät diese politische Fiktion durch literarische Intervention wieder in den Bereich des Möglichen, Hamid Skif schreibt dafür.

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