Genie und Wahnsinn.
Schriften zu einer intellekten Biographie von Fernando Pessoa (2010, Ammann  - Übertragung Steffen Dix).
Besprechung von Jan Wagner in der Frankfurter Rundschau, 2.8.2010:

Katzenaugen im Dunkel
Das Genie als „gesunden Verrückten“ und das geniale Tun als „ein andauerndes mentales Fieber“: Selbst Kenner waren überrascht über die Verbissenheit, mit der der portugiesische Lyriker Fernando Pessoa sich dem Thema Genie und Wahnsinn widmete.

Genie und Wahnsinn sind zwei Begriffe, die sich in populären Diskursen oft schwerer voneinander lösen lassen als die legendären Zwillinge Chang und Eng. So vertraut ist uns die Kombination geworden, dass die Nennung des einen Wortes fast schon zwangsläufig die des anderen nach sich zieht, ja, es muss beinahe schon erlaubt sein, von einem Klischee zu sprechen.

Doch hat die Vorstellung, dass die Grenze, die Genialität vom pathologischen Irrsinn trennt, eine schmale und fragile sei, eine jahrtausendealte Tradition. Dass etwa der Dichter die geraden Bahnen des Denkens verlassen müsse, um wahrhaft schöpferisch wirken zu können, hat schon Platon in seinem frühen Dialog von Sokrates in einer zentralen Rede beschreiben lassen: „Ein Dichter“, heißt es da, „ist ein luftiges, leichtbeschwingtes und heiliges Wesen und nicht eher imstande zu dichten, als bis er in Begeisterung gekommen und außer sich geraten ist und die klare Vernunft nicht mehr in ihm wohnt; solange er aber diese klare Besinnung noch besitzt, ist jeder Mensch unfähig zu dichten und zu weissagen.“

In den Jahrhunderten, die unserem eigenen zeitlich näher stehen, entdeckte auch die Wissenschaft das Thema für sich. Cesare Lombroso etwa, Begründer der Kriminalanthropologie, der von einem Rückfall von Straftätern in vorige menschliche Entwicklungsstufen ausging, veröffentlichte 1889 sein Werk „L’Uomo di Genio in Rapporto alla Psichiatria“, das nicht ohne Einfluss bleiben sollte – in der Kriminologie, aber auch in der Literatur. Im Gegenteil: Eine Zeitlang erfreute sich der heute weitgehend vergessene Italiener europaweit größter Beliebtheit.

Wie intensiv sich etwa auch der junge Fernando Pessoa mit Genie und Wahnsinn, nicht nur mit Lombrosos Thesen hierzu, auseinandersetzte, lässt sich in jenen Schriften zum Thema nachlesen, die in Portugal selbst erst vor wenigen Jahren publiziert wurden und sogar für Kenner des Pessoaschen Gesamtwerks Überraschungen bargen. Einige dieser Texte verfasste der Dichter in reiferen Jahren, der Großteil aber entstand unmittelbar nach Pessoas Rückkehr aus Südafrika nach Portugal zwischen 1907 und 1911.

Im selben Zeitraum vertiefte er sich, um nur einige weitere Titel zu nennen, in Max Nordaus Buch „Entartung“ von 1892, in das ihn sehr beeindruckende Werk „The Insanity of Genius and the General Inequality of Human Faculty“ des Schotten John Ferguson Nisbet von 1893, in „Demifous et Demiresponsables“ des französischen Neurologen Joseph Grasset (1907) und „La Famille Névropathique“ (1894) von Charles Féré.

Ein gewaltiges Lektürepensum, das sich – rekapituliert und weitergesponnen – in den eigenen Versuchen niederschlägt, wobei die rein erzählerischen Passagen erkennbar als Illustration einer These konzipiert wurden. Die schiere Menge an Angelesenem droht hier und da sogar die originellen, die boshaften, die geschliffenen Partien zu erdrücken, obwohl Pessoa selbst sein schöpferisches Ideal so einprägsam formuliert: „Der geniale Mensch ist einfach nur der Schöpfer einer neuen Einfachheit. Man mag es annehmen: Es ist so. Das Erschaffen von Komplexitäten steht in der mentalen Kraft von irgendeinem Individuum (ausgestattet mit einem Stückchen Gehirn). Jedoch ist die Hervorbringung von Einfachheiten kompliziert.“

Durchweg staunen lässt jedoch der zeitliche Aufwand, den Pessoa betreibt, die Energie, die Verbissenheit, mit der er sich seinem Thema widmet und über deren tieferen Grund auch der Herausgeber nur Mutmaßungen anstellen kann: War es die Demenz seiner Großmutter, die ihn den unkontrollierten und unkontrollierbaren Geist fürchten ließ?

Mit immer wieder neuen Definitionen nähert er sich dem Phänomen des Genialen an, nennt es mal „jene große Schlaflosigkeit“, anderswo eine „höhere Helligkeit“, auch „partiellen Wahnsinn“, oder bezeichnet, umgekehrt, das Genie als „gesunden Verrückten“ und das geniale Tun als „ein andauerndes mentales Fieber“.

Vom normalen Menschen über den „manischen Zweifler“ bis zum Genie

Immer neue Kategorien werden eingeführt: Absolutes und relatives, hysterisches und epileptisches Genie, höhere und mindere Schwachköpfe, die Rangordnung vom normalen Menschen über den „manischen Zweifler“ bis hin zum Genie, für dessen labile Existenz Pessoa eines der einprägsamsten Bilder findet, wenn er sagt, „dass seine Klarheit von Finsternis umgeben ist, so wie Katzenaugen im Dunkeln sehen können.“ Tabellen, immer wieder neue Ansätze, Auflistungen und Abstufungen, die bloße Vielfalt der Themen können durchaus ermüden: Freier Wille und Ich, Anormales und Normales, Neurosen, Mystizismus, Hysterie – bis hin zur Frage, ob Jesus geistig verwirrt war, die Pessoa eindeutig beantwortet: „Nietzsche war ein Verrückter. Wie Christus.“

Grundsätzlich überzeugend aber, so oft sie auch wiederholt wird, ist die überraschende Drehung, die Pessoa der Thematik schon in den frühesten Texten gibt: „Die Verrückten haben ein klares Gehirn; verwirrt und wahnsinnig ist das Gehirn derer, die nicht verrückt sind. Das Mysterium des Universums, die Komplexität des Lebens, die Zukunft eines jeden einzelnen (...), all dies sind Probleme, die bei wacher Betrachtung zum Wahnsinn führen werden. Nur wenn man sie auf verwirrte Weise betrachtet, bleibt der Geist heil.“

So wird der Wahnsinn zur normalen, schlechthin unvermeidlichen menschlichen Verfassung; im Umgang mit dieser Konstante entscheidet sich, wer als Genie durchgeht – und wer nicht: Wenn der Wahnsinn „nicht sehr groß ist und wenn kein Bewusstsein von ihm besteht, dann handelt es sich um einen normalen Menschen. Wenn kein Bewusstsein von ihm besteht und wenn er groß ist, dann handelt es sich um einen Verrückten. (...) Wenn Bewusstsein von ihm besteht und wenn er groß ist, dann handelt es sich um ein Genie.“

Bei aller Eloquenz sind uns viele der damals gängigen, später missbrauchten Begriffe fremd und müssen es bleiben: Degeneration, Entartung, die Rede vom Auserwähltsein des Genies, der „Erwählung“. Problematisch, gelinde gesagt, lesen sich auch Pessoas Ansichten zu Frauen (geniale Frauen kommen bezeichnenderweise nicht vor, weder namentlich noch rein theoretisch) und zur Sexualität. Und geradezu auf Abstand gehen zum großen portugiesischen Dichter Pessoa will man bei einer Reihe von Aussagen, die an elitärem Dünkel kaum zu überbieten sind: „Das Volk ist nicht erziehbar, da es eben das Volk ist“, liest man da, oder „Ich akzeptiere einen Menschen aus dem Volk als einen Bruder in Gott, als einen Bruder in Christo, aber nicht als einen Bruder in der Natur“. Und an Sätzen wie „Ein antipatriotisches Genie ist nicht unbedingt ein gewöhnliches, aber doch ein annehmbares Phänomen. Ein antipatriotischer Arbeiter ist einfach nur ein Stück Vieh“ kann höchstens begeistern, dass sich, wie es der Zufall will, in der deutschen Übersetzung „Genie“ auf „Vieh“ reimt.

Hier denkt man sehnsüchtig an Oscar Wilde zurück, der sein Licht ebenfalls nie unter den Scheffel stellte, doch alle zur Schau getragene Arroganz durch seinen Charme erträglich, ja erbaulich machte: „Anything to declare?“ wurde er an einem Grenzübergang gefragt (wobei man wissen muss, dass das Verb „to declare“ im Englischen „verzollen“, aber eben auch „verkünden“ bedeuten kann). „Nothing except my genius“, antwortete Wilde, der sein Genie freilich, so sieht es Pessoa, an die allzu banale Konversationskultur vergeudete.

Zum Glück des Lesers dieser frühen Schriften aber ist Pessoa selbst zu geistreichen, geradezu Wildeschen Zuspitzungen fähig: „Der geniale Mensch gehört seiner Zeit nur in dem Verhältnis an, in dem er kein genialer Mensch ist“ ist eine solche, erst recht „Die Gesundheit ist der Ausgleich für Unproduktive“. Und auflachen muss man trotz des herablassenden Tons bei einer Beobachtung wie dieser: „In der Tat gibt es Leute, deren Intelligenz nur so weit reicht, eine solche vorzutäuschen; und sie sind nur insofern nicht dumm, da es ihnen gelingt, nicht als dumm zu erscheinen.“

Der einfache Blick auf die Dinge, so Pessoa, ist das erste Charakteristikum des Genies

Dennoch: Die wahrhaft lohnenswerten Teile des Buches sind andere und finden sich in seiner zweiten Hälfte. Die Abhandlung über portugiesische Literatur gehört dazu, in der Pessoa unter anderem über das literarische Schicksal des Autors „Fernando Pessoa“ nachdenkt, vor allem aber die Überlegungen, die um Shakespeare kreisen, dem Vorbild, zu dem er immer wieder zurückkehrt. Hier widmet er sich dem „größten literarischen Problem“, der alten Frage nämlich, ob sich hinter Shakespeare in Wahrheit Francis Bacon oder jemand ganz anderes verbarg – und warum so wenig über die Gestalt hinter dem weltberühmten Namen bekannt ist.

Spannend ist dies vor allem im Hinblick auf Pessoa selbst: Natürlich, möchte man meinen, interessierte ihn dieses Rätsel, war er selbst doch zurückhaltend im Auftreten, verbarg sich wie sein fiktiver Hilfsbuchhalter Bernardo Soares aus dem „Buch der Unruhe“. Die Frage, ob Shakespeare ein „erfundener“ Autor war, muss im ureigenen Interesse eines Dichters liegen, dessen Nachname im Portugiesischen „Person“ bedeutet und an die „persona“, die Maske erinnert, der sich selbst in den Gestalten von ihm erschaffener Dichter verwirklichte, in Ricardo Reis, Alberto Caeiro, Álvaro de Campos, António Mora und anderer, über deren Werk wiederum „Fernando Pessoa“ urteilt. Ein Brief an João Gaspar Simões von 1931 ist in diesem Zusammenhang erhellend: „Der zentrale Punkt meiner Persönlichkeit als Künstler besteht darin“, schreibt Pessoa, „dass ich ein dramatischer Künstler bin; ich habe beständig und in allem, was ich schreibe, die intime Erregung des Dichters und die Depersonalisierung des Dramatikers. Sich in einen anderen zu wandeln – das erklärt alles.“

Es erklärt nicht zuletzt seine Leidenschaft für Shakespeare – untermauert hingegen nicht die Theorie der Persönlichkeitsspaltung, die mancher aufgrund des Pessoaschen Maskenspiels entwickelt hat. Gerade die intensive Beschäftigung mit Genie und Wahnsinn, merkt der Herausgeber an, spreche dagegen – und Passagen wie diese, die präzise das eigene Wesen durchdringen und einen komplexen Sachverhalt so bündig darstellen, wie es Pessoa im oben zitierten Abschnitt als Ideal vorschwebte. „Und dieser einfache Blick auf die Dinge ist“, fährt er dort unbescheiden fort, „das erste Charakteristikum des Genies. Wie ich nun dieses Beispiel ausführlich dargelegt habe, könnte mich der Glaube überkommen, ich sei ein Genie. Ich finde mich damit ohne größeren Einwand ab!“

Zum Glück gibt es nach wie vor die wunderbare Ammannsche Gesamtausgabe, die, obwohl zukünftig zweifellos noch weitere Manuskripte Pessoas entdeckt werden, mit diesen Schriften zu einer intellektuellen Biographie zumindest einen vorläufigen Abschluss findet. In den Gedichten Reis’ und de Campos’ im „Buch der Unruhe“ lässt man sich gerne das Genie vor Augen führen, das hier immer wieder aufblitzt.

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