Genealogie des Tötens.
Trilogie von Reinhard Jirgl (2002, Hanser).
Besprechung von Martin Luchsinger in der Frankfurter Rundschau, 19.9.2002:

Mamma Pappa Tsombi
Reinhard Jirgls "Genealogie des Tötens" aus den achtziger Jahren

Es gibt sie noch, die anspruchsvolle, experimentelle, kompromisslose Literatur, und Reinhard Jirgls Werk gehört ohne Zweifel zu ihren bedeutendsten Vertretern. Jahrelang schrieb der gelernte Elektroingenieur unentdeckt und unpubliziert in der DDR; selbst die zeitweilige Nähe zu Heiner Müller reichte nicht zu einer Veröffentlichung. Grundlegend änderte sich diese Situation erst 1993 mit der Verleihung des Alfred Döblin-Preises. Die drei umfangreichen Romane Abschied von den Feinden (1995), Hundsnächte (1997) und Die atlantische Mauer (2000), allesamt düstere Erkundungen menschlicher Existenzweisen zwischen Trieb, Gewalt und kaltem Verstand, sind wohlwollend bis begeistert besprochen worden. Jirgl gilt als schwieriger, aber virtuoser Autor, der seinen Hang zum Finster-Monströsen sprachgewaltig umzusetzen weiß.

Noch immer ist bisher ein wichtiges, voluminöses Konvolut unveröffentlicht geblieben, die Trilogie Genealogie des Tötens, von Jirgl in der zweiten Hälfte der 80er Jahre in der DDR verfasst und bis auf wenige kurze Auszüge, unter anderem im Schreibheft 45, der Öffentlichkeit vorenthalten. Es ist das Verdienst des Hanser Verlags, der Jirgls Werk seit 1995 ediert, den über achthundertseitigen Text nun mit vierzehnjähriger Verspätung endlich zugänglich zu machen, allerdings in einer auf 300 Exemplare limitierten, unhandlichen Ausgabe im A4 Format, als zweifelte man noch immer, ob dieses Werk ein richtiges Buch sei.

Nicht schwierig, wie immer behauptet, sondern zeitaufwändig seien seine Texte, hat Reinhard Jirgl im Gespräch einmal gesagt. Tatsächlich ist es kein schnelles und nicht immer ein kurzweiliges Unterfangen, sich auf das vielgestaltige und vielschichtige Werk einzulassen. Den fulminanten Auftakt bildet das Vorspiel des ersten Teils der Trilogie mit dem Titel Tribunal de Sade 1. Auf knapp zehn Seiten wird man eingeführt in eine Welt voller Fragezeichen, Gewalt und zwanghaften Ritualen: "1 Mann 1 Frau werden künftig Du sagen müssen zueinander im Pferch ihrer 5-tägigen Sissifussiade im träulichen Dunst des Kol-leck-tiefs BUMMSPHALLEPHALLEPHALLERAH". Die eigenwillige Schreibweise gemahnt auf den ersten Blick an Arno Schmidt; Reinhard Jirgl selbst hat diese Abkunft immer von sich gewiesen. Seine Selbstkommentare, auch am Ende der Genealogie des Tötens mit rund fünfzig Seiten umfangreich, gewohnt theorielastig und nicht immer nachvollziehbar, überzeugen diesbezüglich mit der Argumentation, die eigensinnige Schreibweise sei weder Spielerei noch diene sie nur der Vervielfältigung von (meist obszönen) Sinnschichten, sondern sie markiere die Künstlichkeit der Sprache, die stets dazu neige, die Heterogenität der Wirklichkeit, ihre Ecken, Kanten und Brüche, zu glätten. Eine nicht geringe Stärke von Jirgls Texten besteht tatsächlich in ihrer Suggestivität, mit der es ihm beispielsweise im Tribunal de Sade 1 auf knappstem Raum gelingt, nicht weniger als drei Vergewaltiungsszenarien so zu beschwören, dass man sich mitten im Geschehen wähnt. Schnelle Szenenwechsel, die wie Filmschnitte wirken, ebenso wie die sperrige Schreibweise stören die traumähnlichen Bilderfolgen, ohne dass das Erwachen triumphierte.

Intertextuelle Bezüge - im Vorspiel schon durch den Titel angedeutet - markieren die Künstlichkeit der Textkonstruktion auf ähnliche Weise. Auch der Titel der Trilogie ist unüberhörbar ein Zitat - und im direkten Vergleich mit Nietzsches Genealogie der Moral der Versuch einer Zuspitzung: Geht es bei Nietzsche um eine philosophische Ableitung der Moral aus dem Geiste des Macht-Willens, so handelt es sich bei Jirgl um eine literarische Auseinandersetzung mit den Bedingungen und Umständen von Todes-Akten.

Im ersten, wiederum aufgespaltenen Teil der Trilogie "Klitaemnestra Hermafrodit & ‚Mamma Pappa Tsombi'" wird das Ausloten letalen Verhaltens von zwei sehr unterschiedlichen Ausgangspunkten her betrieben: "Klitaemnestra Hermafrodit" ist ein verwirrend inszeniertes Maskenspiel in Anlehnung an Euripides, in dem der antike Mythos der Gattenmörderin und Tochterrächerin Klytämnestra, gleichsam verbraucht wird, um im Vergangenen Gegenwärtiges aufscheinen zu lassen: "Die Welt ein Garten, gedüngt mit Leichen. Das ist Frieden." - "Mamma Pappa Tsombi" dagegen basiert auf der realen Geschichte eines Elternmordes durch eine 12-jährige Tochter. Konzipiert als Libretto, gelingt es Jirgl auf nur knapp hundert Seiten, die Ab- und Hintergründe dieses Blutbades zu evozieren. Eine Vielzahl von Ursachen kommt zum Vorschein, eine lieblose Erziehung, Alkoholismus, exzessiver Videokonsum, aber auch trostlose Arbeits- und Wohnverhältnisse. Die Rekonstruktion der Vorgeschichte der Tat erstreckt sich auf ein ganzes Jahr, das im steten Wechsel aus der Perspektive der Mutter, des Stiefvaters, der jüngeren, behinderten Schwester, weiterer Bekannter, der Täterin selbst sowie einem auktorialen Erzähler vergegenwärtigt wird. Wenn zum Schluss der Tathergang minutiös geschildert wird, ist der Leser von der üblichen Täter-Dämonisierung weit entfernt und auf beklemmende Weise konfrontiert mit der Unausweichlichkeit der Tat.

Einen realen Hintergrund hat auch der zweite, mit über dreihundert Seiten umfangreichste Teil der Trilogie. Im Sommer 1982 brach an der gesamten Ostseeküste der DDR die Maul-und Klauenseuche aus. Die Behörden reagierten rigoros; das Gebiet wurde unter Quarantäne gestellt, die Einwohner ebenso wie die Urlauber in Arbeitsbrigaden eingeteilt. Eine willkommene Notstandsübung, wie zum Beweis, dass das große Gefängnis DDR sich durchaus potenzieren ließ. Jirgl macht aus diesem Stoff eine schauerliche Parabel auf die Unbesiegbarkeit staatlicher Macht. Es beginnt recht harmlos mit der zufälligen Begegnung von vier Urlaubern - drei Männern und einer Frau - im Zugabteil nach Stralsund. Schon auf der Überfahrt auf die Ostseeinsel Hiddensee wird deutlich, dass eine zunächst nicht näher bezeichnete Katastrophe von den Behörden dazu benutzt wird, die Schraube der Repression anzuziehen. Jede weitere Drehung bis zur Verwandlung der ganzen Insel in ein Konzentrationslager wird minutiös nachgezeichnet, ebenso wie einzelne verzweifelte, erfolglose Ausbruchs- und Fluchtversuche. Auch die List, das System mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen, zeitigt keinen Erfolg; eine großangelegte theatralische Aufführung, bei der Spiel und Ernst unentscheidbar durcheinander geraten, mündet in einen Triumph der neu-alten Machthaber, die ihren Status zynisch-kannibalistisch untermauern: "ZIVILISATION - die Hüllen um das-Tier. Wenn die fallen, ist Neandertal."

Der letzte Teil der Triologie bildet ein wiederum umfangreiches Satyrspiel mit dem Titel "Kaffer". Ein verstörter alter Mann vegetiert in einer leergeräumten Parterre-Wohnung in Ostberlin. Sein Protest gegen die Verhältnisse hat sich auf eine unregelmäßig in den Hinterhof geschriene obszöne Wortfolge reduziert. Von seinem Betreuer zum Lebensbericht gezwungen, enthüllt sich nach und nach ein trostloses Leben voller Einsamkeit, Niederlagen und Ausbeutung: "Töten bedarf keineswegs ausschließlich des Blutvergiessens."

Wer sich inmitten dieser schonungslos drastischen, in Form und Inhalt exzessiven Tötungsszenarien nicht immer zurecht findet, kann sich an Jirgls poetologische Aussagen halten: "Mir geht es darum, in meinen Texten eine Ausdrucksform zu finden, das Unrecht in den sozialen und mentalen Verhältnissen zu benennen und zuzuspitzen, um es zu verneinen." Negative Ästhetik hat zur Zeit alles andere als Hochkonjunktur. Jirgls neuestes Projekt Die Unvollendeten widmet sich der Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Nach eigenem Bekunden spielt darin seine Familiengeschichte eine viel größere Rolle als im bisherigen Werk. Man darf gespannt sein, ob und in welcher Weise diese neue Perspektive die Genealogie des Tötens korrigiert. Mit Gewissheit lässt sich jetzt schon sagen, dass Jirgls explizite Auseinandersetzung mit der eigenen Vorgeschichte keinem Krebsgang gleichen wird.

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