Gemälde mit Fischreiher von Andreas Altmann, 2008, Sonneberg PresseGemälde mit Fischreiher.
Gedichte von Andreas Altmann (2008, Sonneberg-Presse, mit Holzschnitten von Bettina Haller).
Besprechung von André Schinkel für die Rezensionen-Welt, 02/2009:

Dinge und Orte.
Mit Andreas Altmanns Fischreiher-Gedichten

Mit den beharrlichen Arbeitern am Wort ist es nicht einfach. Zu sehr ist oft die prononcierte Anwesenheit des Schrillen, zumal, wenn es auch noch in unbedarfter Verpackung erscheint, eine Art späte ‚Blendungsgnade‘ für den im Niedergang begriffenen Kritikerstand. Ein gutes Gebrüll macht noch keinen Dichter, aber es fällt immerhin auf: mit der Arbeit des Lyrikers hat es herzlich wenig zu tun. Im Fall von Andreas Altmann, einem der ernsthaftesten Wort-Arbeiter seiner Generation, ist man dazu übergegangen, die in der Tat eindrucksvolle, stille Mechanik seiner Gedichte zu loben und übersieht oder reibt sich nicht gern an der kräftigen Klarheit, mit der dieser Vertreter der sächsischen Diaspora in Berlin spricht.

Das mag auch daran liegen, daß, wenn es ihn gibt, der aus tautologischen Gründen heuer so eitle wie seine Verlorenheit geflissentlich leugnende ‚Lyrik-Betrieb‘ im Moment eben jene Klarheit nicht sonderlich schätzt. In seinen neuen Gedichten, unter dem Titel Gemälde mit Fischreiher liebevoll bibliophil in der Chemnitzer Sonnenberg-Presse verlegt, kann man Altmann bescheinigen, der Konsequenz seiner Konzepte verhaftet zu bleiben, indes ist eine neuerliche Intensivierung, Vertiefung der Altmann’schen Töne zu konstatieren, der ihn in eine gestische Nähe zu den verwandten Kreisgängern setzt: Thomas Böhme, Tom Pohlmann, auch Hilbig und Rosenlöcher – die Verinnerlichung, Verspiegelung des Augenmotivs.

Die Einebnung der Sprache in die Natur – auch dies impliziert der Titel des neuen, schmalen Gedichtbands von Andreas Altmann, und, dem geübten Leser längst vertraut, umgekehrt die Enthebung der Natur in die sphärische Schwebe der Kunst, ohne sich, wie neuerdings oft, eine Verhebung einzuhandeln. Zunehmend philosophisch unterlagert, wie der erste Text schnell klarstellt, kommen die Altmann’schen Inventuren daher, in einer vielgelobten, bedächtigen Stimmigkeit, gleichsam als ungebrochene Sondagen ... und in fortwährender Bereitschaft, ins schützende Dickicht der Beobachtung zurückkehren zu können. Das Eröffnungsgedicht gibt dabei frappierend die Sicht auf das seltsamste aller Dinge, das Selbst, preis:

SCHON AUF DEM WEG in den spiegel

können augen nur ihre vergangenheit sehen.

worte, die sich immer nur erinnern,

stehen sich gegenüber. und sprechen sich nach.

die dinge zeigen sich im gesicht, das sich

von moment zu moment abzeichnet.

es trägt einen namen, der sich im klang

der stimme verändert. ein blühen,

ein schweben, ein welken, sich fügen, das dich

von ihm trennt. und dir den mund schließt.

auch blicke verlieren ihr gewicht. und

den boden unter ihrem licht. das heller

wird, dunkler und nur so scheint.

Dieses erste Gedicht legt insofern ein Programm fest, daß es in solch einer gedankenlyrischen Hellsicht einen Umweg in die anderen Texte bahnt, jenseits des häufig konstatierten Findens in der Stille, dem mit ruhiger Hand gebrauchten Beschildern des Stillstands nun eine über die Stagnation des Äußeren hinaus weisende Erörterung des Inneren zum Ziel wird, daß einem im rechten Moment angst und bange werden mag. Altmann, der ganz offenbar ein ‚Dichter der Blicke‘ ist, hat für den Auftakt von Gemälde mit Fischreiher die Gedächtnisschleife zum Gegenstand gewählt, daß die Erkenntnis dem Gegenwärtigen stets für den Bruchteil einer Sekunde nachhinkt, weshalb jedes Wissen zwangsläufig Vergangenheit ist.

Das Intonieren der Namen scheint dabei lediglich ein Versuch zu sein, das Entschwindende zu benennen: jeder Blick, alles Reden verlischt letztlich im Hinblick auf ein Ende, das ein Schweigen, ein Sich-Fügen sein wird. Und selbst das ist möglicherweise nur scheinbar, ist unsicher wie das Licht, das den Dingen und Orten Kontur gibt, hell wird, dunkel, und, so steht zu befürchten, schließlich fortbleibt. Im zweiten Text des Bändchens, der den Suchschnitt zu den Gegebenheiten anmoderiert, verschwinden denn auch die Dinge aus den Worten: „schnell ist das warme licht kalt“ – verharren in der eigentümlichen Ambivalenz ihrer Existenz: „die bäume sind schwächer geworden. / doch auf ein wort bleiben sie stehen.“

Und so ist es: für die Ausdeutung der Umstände genügt Altmann oft ein einziges Wort, eine treffende Wendung. Das Harren der Gegenstände – insbesondere im Titelgedicht bekommt es in seiner nur scheinbaren Nichtigkeit einen seltsam drohenden Gestus. Der Reiher auf seiner Totholzinsel bleibt eigentümlich leblos, sinkt gegen Ende des Textes wie ein Stein; während der unfaßliche Sommer, ein Tier, die Plätze wechselt und Spuren auslegt. Die Natur als das Verläßliche, das zugleich das Unwägbare trägt und benennt: der beredte Minimalismus dieser Poeme wird bekräftigt durch die vier mehrfarbigen Holzschnitte Bettina Hallers, die sich mit Ästen und Scherben, Dornen und Nestern in symbolischer Sichtweite halten.

Der Spiegel als das Selbstgemälde, ob in einem tatsächlichen Abbild oder, imaginiert, in den dafür eigentlich ungeeigneten Objekten – das Sich-Wiedererkennen in den Dingen und die Verbundenheit mit ihnen – ist die Triebfeder des Büchleins: in den Weltgegenden, oder was man dafür hält; und in der Vision, das Reden des Sprechers möge kein Selbstgespräch sein. In den Abschied, der insbesondere auf den naturbelassenen Schilderungen liegt, mischt sich das Anliegen, etwas über diesen Zwang der Gegebenheiten zu begreifen. Am Ende schließlich fällt der Blick des Sprechenden in den Rücken eines Andern, nicht aber, wie man nun erwartet, im Sinn eines Erkennens, sondern wiederum einer Eigen-Abbildung:

DIE STÜRME KOMMEN aus dem norden.

wenn ich die augen schließe, sind sie weiß

und haben kein gesicht. ein mann steht an

den wellen, die noch vor ihm weichen,

wolken tragen ihre berge ab. er hat sein haar

verloren. ich bin in seinem rücken meinen augen

nah. der wind reißt eine feder aus dem sand.

die möwe hängt am himmel, über seiner haut.

Einen – im besten Sinne – „Wortetrockner“ nannte Wilhelm Bartsch den 1963 in Hainichen geborenen Wahl-Hauptstädter in seiner Engführung zum vorhergehenden Gedichtbuch das langsame ende des schnees, das 2005 im Rimbaud-Verlag erschien. Altmanns Metiers sind die Natur und das, was sich die Natur von den menschengemachten Dingen zurückgeholt hat; die Orte, an denen eine trügerische Ruhe eingekehrt ist, geblieben. Der Zweifel am Sinn ihrer Existenz ist unterdessen, wie der Wunsch, einen solchen in ihnen zu erkennen, nicht geringer geworden. Bei aller Stille, allem Verlorenheits-Anschein trägt er jedoch die Hoffnung auf ein wirkliches Gegenüber in sich, das sorgsam einbezogen wird, vorsichtig gehegt.

Andreas Altmanns Gedichte sind demnach das Produkt einer Gedanken-Legierung: zwischen dem herbarischen Eifer des Forschers und dem gedämpften Vexierspiel des Flockenfalls, das die Abfolge der einschießenden Ansichten bestimmt, entfalten sie sich in einer Weise, daß man gelegentlich um ihre Einordnung ringt. Dem Eiligen und Ungefähren bleibt der Genuß eines gedimmten Naturalismus, während der Aufmerksame die inneren Bezüge triftig erkennt. Sei es, daß der Blick ins Gegebene oder doch das Darunterliegende gemeint ist – der Dichter Altmann läßt uns in seinem neuen Gedichtband, der uns auch von der Liebe zu den Bäumen, Elstern und Fischreihern berichtet, bei dieser Erkundung dabeisein.

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