Geliebt von Dieter Lenzen, 2015, HoCaGeliebt
Erzählungen von Dieter Lenzen (2015, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Helmut Schönauer , 30.Mai 2015:

Geliebt
Die statische und wie eine Wurstware gut abgehangene Form der Liebe ist das „geliebt“, das wie „geselcht“ klingt.

Und tatsächlich haben die Figuren in Dieter Lenzens Erzählband „Geliebt“ das meiste im Liebeswesen schon hinter sich. Manche sortieren noch, andere überlegen, wie sie die Sache beenden könnten, die dritte Gruppe schaut sich selber beim Zuschauen zu.

Wie ein Polizeiprotokoll liest sich eine Szenerie in einer Bar, die wie ein Geo-Dreieck aufgebaut ist und an deren Hypotenuse zwei Zapfhähne Bier hervor zischen lassen. Ein paar Gäste konsumieren, die Engländerin wird nach ihrer Haarfarbe offensichtlich von einem Klischeehaften Mann als blond bezeichnet, zwei Österreicher hingegen benehmen sich sehr unösterreichisch, indem sie die Arbeitsmoral eines Kollegen als schwach bezeichnen und das Wort „Interesselosigkeit“ verwenden. (9) Dann geht jemandem die Zigarre aus, und aus dem Off gibt ein Nachrichtensprecher die genaue Zeit an.

Dieser coole Eröffnungszug weitet sich auf andere Erzählungen aus. In einem Psychothriller-Ambiente auf einer Alm hat die Frau Vorbereitungen getroffen, den erwarteten Mann nicht mehr ins gewöhnliche Leben zurückkehren zu lassen. Tatsächlich geht der Mann in die Falle, und will ein paar nette Stunden verbringen und dann wieder abhauen. Im Schneesturm freilich ist er gefangen, zumal die Frau die Batterien für das Funkgerät nach draußen ins Feuer geschmissen hat. Während es im Kamin kracht, wird es zwischen dem tot-geliebten Paar ziemlich still. „An dieser Beziehung gibt es nichts mehr zu arbeiten“, stell die Frau ultimativ fest. (15)

Aus einer Flug-Bekanntschaft entwickelt sich eine notdürftige Liebesbeziehung, zumal sich der Mann als Arzt gegen Flugangst ausgibt, was eine Zeit lang immer gut ankommt. Dann freilich wird die Flugangst wieder größer, die Frau stürzt sich aus dem Fenster und der Mann verwendet die fragmentarische Vergangenheitsform „geliebt“.

Kann man auch falsch lieben? In einem recht dumpfen Männergespräch bedauern sich die abgehängten Lover und kommen zum Schluss, das die Liebe kein Anfang für was Neues ist.

Bald werden die Oliven schwarz sein ist eine Szenerie überschrieben, die der Starre der Eingangsgeschichte in der Bar entspricht. Ein Raddampfer simuliert in einem Fluss die Vergangenheit, am Hügel droben soll schon der ewige Johann Wolfgang von Goethe gewesen sein, alles geht einem Herbst entgegen, ein junges Mädchen fährt mit dem Leichtmotorrad den Hügel hinauf zu ihrem Geliebten, der freilich hinter dem Visier ihr Gesicht nicht erkennen kann.

Dieter Lenzen erzählt ziemlich abgeklärt von Helden, die schon lange ins Leere der Liebe gerannt sind oder es noch tun werden. Es ist weiter nicht schlimm, Hauptsache, man wird geliebt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]

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