Geld.
Buch von Gertrude Stein (2004, Friedenauer Presse - Übertragung Michael Mundhenk).
Besprechung von mtt
in der Neue Zürcher Zeitung vom 4.12.2004:

Der schnöde Mammon

Wer jeden Tag sein Geld verdienen und es dann auch wieder ausgeben muss, weiss, was Geld ist, betonte Gertrude Stein schon vor siebzig Jahren; wer hingegen über Geld nur abstimmt, weiss das meist nicht so ganz genau: Für den einen ist der Unterschied zwischen drei Dollar oder einer Million ziemlich konkret, für den anderen sind das alles nur Zahlen. Der Verdacht liegt nahe, dass sich daran bis heute grundsätzlich nichts geändert hat. In fünf kurzen Zeitungsbeiträgen hat die Schriftstellerin 1936 «alles» über Geld ausgebreitet, worüber nachzudenken sich lohnt - im Kern heisst das: Tiere können nicht zählen, Menschen hingegen schon; und weil sie zählen können, haben sie Geld; und weil sie Geld haben, haben sie auch ein Problem damit. Hinzu kommen einige defaitistische Ansichten über Vergesellschaftung und Sozialismus und - ziemlich aktuell - über das Problem der Arbeitslosigkeit, wenn «arbeitslos» erst einmal zu einer Art von gesellschaftlich festgeschriebenem Status geworden ist. Das alles klingt weder sozialdemokratisch noch neoliberal, sondern vor allem frech und respektlos, liest sich wie einfach so dahergesagt und ist doch ganz genau zurechtgeschliffen. Sagen wir also unumwunden: Das ist ein bescheidener Triumph der Poesie über jede andere Rede vom Mammon. Denn wenn Gertrude Stein fragt «Ist Geld nun Geld oder ist Geld nun nicht Geld?», dann ist der Weg nicht weit zu jenem einen Satz, in dem man alle ihre poetologischen Vorstellungen gebündelt findet, nämlich «Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose». Die literarische Moderne in Pillenform, angewandt auf das zentrale Schmiermittel der Gesellschaft - ein ausgezeichnetes Antidepressivum für alle fusskranken Mitläufer der vielbeschworenen Globalisierung.

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