Gelächter, sortiert von Lutz Rathenow, 2009, Verlag LiebeGelächter, sortiert.
Lyrik von Lutz Rathenow (2009, Verlag Ralf Liebe)
Besprechung von Christian Dorn, 02/2010:

Gelächter, sortiert. Lutz Rathenow mit neuer Lyrik in exklusiver Editionsreihe
Zwischen Heaven und Sky - Der Westen, so frei ...

Nach zwanzig Jahren Mauerfall und vor dem Jubiläumsreigen zu zwanzig Jahren Deutscher Einheit im Herbst 2010 läßt sich die Vielzahl diesbezüglicher Publikationen kaum noch überschauen. Ein interessantes Buch, das im lärmenden Marktgeschrei leicht unterzugehen droht, hat dabei der Publizist Lutz Rathenow vorgelegt, der oft nur als politischer Dissident wahrgenommen wird. Nicht von ungefähr. Hatte doch dessen literarische Karriere 1980 mit einem unfreiwilligen Antrittsbesuch im zentralen Untersuchungsgefängnis des MfS in Berlin-Hohenschönhausen begonnen. Zum Glück hatte die Haft – aufgrund namhaften Protests aus Westdeutschland – nach wenigen Tagen ein Ende. Da war es auch nicht mehr rückgängig zu machen, denn „Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet“ zu dieser Zeit. So nämlich lautete der Titel von Rathenows, bei Ullstein veröffentlichtem Prosadebut, welches zu des Autors kurzweiliger Inhaftierung geführt hatte.

Trotz zwei erfolgreicher Prosabände, seines Bestsellers "Ost-Berlin"(mit Photos von Harald Hauswald) und sieben lieferbarer Bilderbücher, zuletzt "Der Liebe wegen", ist die Wahrnehmung Rathenows als einem politischen Akteur augenscheinlich immer noch vorherrschend. Schließlich kennen viele den Namen des aus Jena stammenden und in Berlin lebenden Autors durch dessen Rundfunkglossen oder Zeitungskommentare. Die neuen Gedichte in "Gelächter, sortiert" bieten Anlass, auch den Lyriker Lutz Rathenow wiederzuentdecken. Sie unterhalten uns mit fast romantischen Reflexionen: "Handys an einem frühen Winterabend / funken ihr kleines Licht / in die Augen der jungen Frauen, / Männer. Verirrte Sterne / wandern über den dunklen weiten Platz." Dann wird es vieldeutig provokant, wenn eine freundliche Betrachtung zur amerikanischen Golden Gate-Bridge so endet: "The American dream. Überall die Netze / fangen den nicht ein: sieben jeden Monat / stürzen sich von hier hinab und fliegen./ Alle schauen Richtung Stadt, das Sterben / als Gebet." Ist das nun Kritik an den USA? Oder ein lakonisches Bekenntnis, daß es besser sei so zu sterben als à la DDR, die sich in den achtziger Jahren durch die weltweit höchste Selbstmordrate auszeichnete? Bezeichnenderweise – wer es so lesen mag – verweist die Suizid-Thematik auf den ersten Text in Rathenows Debut von 1980 („Ohne Anfang“), wo eine Todessehnsucht am Fensterbrett ersetzt wird durch einen unter den Klängen von Janis Joplin vollzogenen Liebesakt, den “kleinen Tod“ (wie die Franzosen sagen). Erstaunlich, weil versteckt, tauchen oft religiöse Motive bei Rathenow auf, der über des Lebens Sinn sinniert und dabei zugleich ins Spotten gerät und doch nicht vor pathetisch angehauchten Zeilen zurückschreckt. Erotisch angeregt geht es mitunter das Zeilenmaß hinunter, so in jenem Gedicht, in welchem einer die Partnerin streichelt. Der Text klingt aus und nach: "Blindenschrift – offenen Auges / ertasten wir das Alpha bet." Gilt das nicht für unser ganzes Leben?

Unter dem nietzscheanisch anmutenden Titel „Gelächter, sortiert“ sind diese erstmals veröffentlichten Gedichte zwischen blauem Leinen versammelt, erschienen in der neuen Edition "Die 1000" des lyrikbewährten Verlags Ralf Liebe. Auf zweifache Weise spiegeln hier verlegerische Aspekte die deutsche Einheit wieder: Einmal durch den westdeutschen Verlagsort, zum anderen durch den leicht reißenden edelbedruckten Schutzumschlag und die unscharfe Titelmarkierung auf dem Buchrücken, die unfreiwillig an Tücken der DDR- Produktion erinnern. Der Autor indes hat den „Arbeiter- und Bauernstaat“ längst überwunden und ist in der Gegenwart angekommen, ohne selbstzufrieden zu sein. Als „Vereinigungsbuch“, wie der Verfasser meint, vereint es Texte vom Anfang der Neunziger Jahre mit ganz Gegenwärtigem. Dementsprechend kommt dann doch das Leben jenseits der gefallenen Mauer in den Blick, in brillanter Distanz. So korrespondiert in "Gerüche" der Duft des Westens gespenstisch mit dem Blut eines Minenopfers an der DDR-Grenze. Genauso wichtig aber scheint Rathenow der Ausdruck metaphysischer Obdachlosigkeit zu sein, wenn er seinen "Sprayer" beschreibt – eine Betrachtung, die so im Englischen – durch die Differenz von heaven und sky – gar nicht möglich wäre: "Und wieder taggen Wolken den Himmel. / Wie immer säubert ihn kurz der Wind. / Und Menschen tätowieren die Stadt." Lebensnah legt Rathenow nach seinem Erstling "Zangengeburt" (1982) einen zweiten bedeutenden Lyrikband vor – siebenundwanzig Jahre älter, und ein bißchen weiser.

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