Gelächter über dem linken Fuss von Elisabeth Wandeler-Deck, 2006, Waldgut-VerlagGelächter über dem linken Fuss.
Gedichte von Elisabeth Wandeler-Deck (2006, Waldgut-Verlag).
Besprechung von Beatrice Eichmann-Leutenegger in Neue Zürcher Zeitung vom 4.6.2007:

Sätze im Schüttelbecher
Gedichte von Elisabeth Wandeler-Deck

Wer auf ernsthafte Sinnzusammenhänge bedacht ist, meide besser die Lektüre dieser Gedichte. Allein schon der zwischen Klammern gesetzte Titel «(Gelächter über dem linken Fuss)» wäre als deutliche Warnung für Sinnsucher zu verstehen. Aber wie rückt man diesen Versen zu Leibe, denen jede Grossartigkeit zuwider ist? Mehr als einmal entschlüpft einem ein ungeduldiges «Verflixt und zugenäht!». Und siehe da: Der gleiche Ausruf steht mitten in Elisabeth Wandeler-Decks lyrischem Dschungel, und lesend wird man ihn in vollem Einverständnis begrüssen und geradezu gierig aufnehmen. Aber beruhigt zurücklehnen kann man sich deswegen noch lange nicht.

Denn diese Texte, die sich in ihrem äusseren Erscheinungsbild manchmal wie Gedichte gebärden, manchmal eher die Form von Kurzprosa annehmen, fordern mindestens so heraus wie moderne Musikstücke oder die Malereien einer Avantgarde. Auf Kohärenz verzichten sie weitgehend. Kaum ein Satz wird zu Ende geführt; dafür stehen Partikel wie Findlinge, von weit hergekommen, in der Landschaft. Daher fahndet man vergeblich nach einem Sinn, einer schlüssigen Aussage. Vorschnell könnte man der Autorin, die ursprünglich als Architektin und Soziologin tätig war und heute als Autorin und Musikerin wirkt, den Verdacht anhängen, sie verweigere sich jeder Kommunikation mit der Leserschaft. Manchmal sind sogar nur noch Teile von Wörtern übrig geblieben, sozusagen angeknabberte Begriffe, die man mit mehr oder weniger Glück ergänzen muss.

Im kruden Sinn des Wortes betreibt hier eine Autorin die Auseinandersetzung mit der Sprache, denn sie setzt sie nicht zusammen, sondern eben auseinander, damit auf keinen Fall ein Monument hergestellt werde. Unsere Rezeptionsgewohnheiten jedoch stehen auf dem Kopf. Unverkennbar ist Elisabeth Wandeler-Deck mit einem Spieltrieb ausgestattet, der bei empfänglichen Gemütern für Vergnügen sorgt. Wie bei ihren musikalischen Improvisationen lässt sie den Zufall als Mitspieler agieren, wirft die Sätze im Schüttelbecher durcheinander, bis die Syntax zerfällt und vielleicht ein Wort als verführerischer «Kristallisationskern» zurückbleibt. Ahnherr Dada mag da im Hintergrund mit dem einen Auge gezwinkert haben. Ganz gewiss aber erschliessen sich diese Gebilde besser im Vorgang des Zuhörens, anlässlich einer Lesung etwa, als wenn man sich im Alleingang dem «(Gelächter über dem linken Fuss)» aussetzt und dabei die Stirnfaltenbildung fördert.

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