Geisterstunde.
Gedichte von Karl Mickel (2004, Wallstein-Verlag).
Besprechung von Beatrice von Matt in Neue Züricher Zeitung vom 04.01.2005:

Epitaph auf sich selbst
Karl Mickels letzter Gedichtband «Geisterstunde»

Karl Mickel, aus Dresden gebürtig, war gut zehn Jahre alt, als die DDR entstand, und als sie verschwand, verlor er ein Land, von dem er geglaubt hatte, es sei das richtige. Mindestens war er der Überzeugung gewesen, es werde einst das richtige werden. Trotzdem sah er sich von seinem Staat misstrauisch beobachtet. Die Formkünste des grossen Lyrikers hielt man für gewagt, artistisch, freiheitssüchtig. Der glänzende Exponent der «Sächsischen Dichterschule» war aber auch werktätiger Bürger, Wirtschaftshistoriker, Literaturdozent und Theatermann, Mitarbeiter der Regisseurin Ruth Berghaus beim Berliner Ensemble. Zuletzt übernahm er eine Professur für Versmass und Diktion an der Hochschule für Schauspielkunst «Ernst Busch». Das andere Deutschland hatte er zu lange für feindliches Gebiet gehalten, als dass er sich nach 1989 noch hätte daran gewöhnen können. Vor den Augen des geschichtsversessenen Dichters war die DDR zur Episode zusammengeschrumpft. Diesen Untergang hat er, liest man «Geisterstunde», seinen letzten Gedichtband, genau, nicht verwunden.

Darin finden sich Verse von 1963 bis 1999, die früheren sind teilweise überarbeitet. Man freut sich über kräftige Bilder der neuen Zeit, in «Radwechsel» von 1992 etwa: «Gewechselt sind Schaltung und Laufräder / Der Rahmen stammt her aus dem vorigen Leben / Der eingerittene Sattel, das Licht. / So fahre ich fort. / Kastanien poltern und Eicheln prasseln / Bucheckern knistern im Sprung. / Das Hundchen am Weltrand schlägt an.» Bitterkeiten, wie sie Mickel in den neunziger Jahren auch zu Papier brachte, kann man nicht immer goutieren. Man nimmt nur ungern Aussagen zur Kenntnis wie die, dass Hitlers Projekte vom europäischen Westen weitergeführt würden, dass die EU es sei, die seine Autobahnen vollende, und dergleichen.

Vor vier Jahren ist Karl Mickel gestorben. Der Formversessene, der Mann mit den eigenwillig gedrechselten Versen, den lustigfrechen Klängen ist vielleicht weniger an der politischen Verschiebung an sich irre geworden als vielmehr an einer grundstürzend neuen Epoche. An einer Zeit, in der Sture und Gläubige zusehen mussten, wie sich alles mit allem verband: das Werk der «vernetzten Computer». Diese treiben «die Evolution der Termini» ins Unermessliche. Die Thesauri schwellen an und verlieren ihre Ordnung. So sieht es Karl Mickel im 1994 überarbeiteten Gedicht «Colloquium über die Europäische Aufklärung; Wiepersdorf 1984». In einem Anhang reiht er fiktive Begriffe aneinander - Fremd-Wörter im eigentlichen Sinn: eudämanisch, autistatisch, eidefizisch, eristätisch . . . Das Wortgewucher bedeutet Chaos, Auslöschung von Sprache, von Dichtung und damit Selbstauslöschung. «Epitaph. Altenglisch», Mickels letztes Gedicht, spricht Klartext: «Setz kein Wort hinzu.»

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0105 LYRIKwelt © NZZ