Geisterstadt von Robert Coover, 2002, Rowohlt1.) - 3.)

Geisterstadt.
Roman von Robert Coover (2001, Rowohlt - Übertragung Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Elmar Krekeler aus Die Welt, 16.2.2002:

Jippie hei yeah. Jippie hei yohoh
Robert Coover hat den Western aufs Wesentliche reduziert und einen brillanten Roman daraus gemacht

Nehmen wir uns eine Filmleinwand. Groß und weiß und leer. Und da malen wir jetzt drauf herum. Eine nachtschwarze Geschichte. Einen Traum. Einen Western.

Der geht so: Ein Cowboy reitet durch Geierland. Sandfarben die Erde, bleich der Horizont. Hinter ihm ist nichts, vor ihm ist auch nichts. Ledrig ist er, "sonnenverbrannt und so alt wie die Berge. Und doch ist er bloß ein Junge. Wird auch nie was anderes sein." Er umkreist eine Stadt, die Stadt umkreist ihn. Bis eines Tages Straßen unter seine Füße gleiten und Häuser sich um ihn herum stellen. Im Saloon der Geisterstadt ist noch Leben. Unser altes, ledriges Kind mit dem großen Hut wird von den üblichen Saloonbewohnern zum Sheriff bestimmt, soll den Bankdirektor hängen, die Barfrau heiraten, verliebt sich in die Lehrerin. Wunderliche Dinge geschehen währenddessen. Die Stadt verändert sich ständig, verschiebt sich, die Bank rutscht an die Stelle, wo gerade noch der Saloon stand. Ein gespenstischer Riese von Pferd galoppiert herum. Es ist permanent High Noon. Und doch extrem dunkel. Eine seltsame Geschichte.

Juppie-tai-jippie-tai-jippie-yeah (Robert Coover)

Die Geschichte vom alten ledrigen Kind im Geierland ist eine Robert-Coover-Geschichte. Eine ziemlich typische. Dem bald 70-Jährigen hängt vollkommen zu Recht der Ruf an, einer der größten Konventionskiller der amerikanischen Literatur zu sein. Wo Coover war, war meistens vorne in der Literatur. Zusammen mit William Gaddis, John Barth und Thomas Pynchon zählt er zu den Urvätern der Postmoderne und Miterfinder der Hyperfiktion. Zwischendurch rief er schon mal das Ende des Buches aus. Was nun wahrscheinlich doch nicht eintreten dürfte....Fortsetzung

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Geisterstadt von Robert Coover, 2002, Rowohlt2.)

Geisterstadt.
Roman von Robert Coover (2001, Rowohlt - Übertragung Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Martin Lüdke aus der Frankfurter Rundschau, 26.9.2002:

Wild ist der Westen, weit ist die Prärie
Im Breitwandformat: Robert Coovers cooler Cowboy-(Film)-Roman "Geisterstadt"

Aufblende. Eine Totale: "Bleicher Horizont unter einem glasigen Himmel, flaches Wüstenland, Beifuß, Gestrüpp, in der Entfernung ein Hügel, ein einsamer Reiter." Unser Held. Er reitet, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag, reitet, reitet, reitet, auf eine kleine Stadt zu, die sich ihm immer mal wieder zeigt, wenn er eine der Senken durchquert hat und sich der Kuppe eines Hügels nähert, um dann wieder zu verschwinden. Es wird Nacht. Er sieht ein schwaches Licht, flackernd, auf dem Wüstenboden und folgt dem Schein. Einige Männer kauern um ein Lagerfeuer. "Was haben wir denn da?", fragt einer der Männer. "Soll wohl 'n Mensch sein", antwortet ein anderer. "Eher ein Stück Scheiße an einem Stock." Er wollte absteigen, überlegt es sich anders, bleibt im Sattel. Der Dialog setzt sich fort.

Wo bist du überhaupt her?

Von nirgends.

Keiner ist von nirgends. Wer sind deine Leute?

Ich hab keine Leute.

Jeder hat Leute.

Ich nicht.

Die Stimmung wird aggressiver. Niemand regt sich. Der Reiter kämpft gegen die Erstarrung an, die ihn umfängt, hebt sein Gewehr und erschießt einen der Männer, und zwar den "mit dem weichen Hut". "Das hättest Du nicht tun sollen, Kleiner, sagt der hässliche Mann mit dem Spinnenbeinhaar." Der Reiter antwortet: "Er hätte ziehen sollen. Scheiße, der alte Furz war nicht mal bewaffnet. Er ist blind, Kleiner. Blind wie 'ne junge Maus. War."

Der "Beifuß" gleich im ersten Satz dieses Romans, auch die durchaus richtige Feststellung, dass der alte erschossene Mann nicht mehr blind "ist", sondern es "war", deuten dezent das Augenzwinkern an, das Coover beim Schreiben stetig befallen haben dürfte.

Robert Coover, 1932 in Iowa geboren, lebt in Providence, Rhode Island, nördlich von New York. Er gilt als einer der Chefpiloten der Postmoderne. Die öffentliche Verbrennung (über den Fall Ethel und Julius Rosenberg) und der Riesen-Roman Johns Frau haben ihn auch bei uns bekannt gemacht. Sein neuer, vom Umfang her zierlicher Roman Geisterstadt, ist alles andere als eine Parodie, mag er auch mit dem angedeuteten Augenzwinkern geschrieben worden sein. Coover meint es ernst. Wie Kafka, der bekanntlich beim Vorlesen seiner Geschichten herzhaft lachen konnte. Wie Beckett, auf den Coover mehrfach, auch ehrfürchtig, zurückgreift. Coover erzählt die spannende Geschichte des einsamen Reiters, der von einem Abenteuer in das nächste stolpert; selten unbeschadet, aber immer lebend aus seinen Kalamitäten herauskommt, und am Ende, nachdem ihm die zurückschlagende Schwingtür des Saloons auch noch seine Nase ("Ja, gebrochen. Nicht zum ersten Mal. Das Nasenbein ist etwas, das nicht für dieses Land geschaffen ist.") zerschlagen hat, vor der größten Frage seines Lebens steht, nämlich der nach der Wirklichkeit seiner Erinnerungen.

"Daß der ganze Rest bloß ein Wahn, eine Heimsuchung war (...). Der Saloon ist das letzte Gebäude, das sich auf den Weg macht, als wollte es den allgemeinen Aufbruch überwachen, und als er langsam in der Ferne verschwindet, flattert die Spitzengardine im ersten Stock ein wenig, als würde sie ihm zum Abschied winken."

Die Stadt, genau in dem Sinne, in dem sie Walter Benjamin einmal die Erfüllung des alten Menschheitstraums vom Labyrinth genannt hat, diese Stadt, der er anfangs nicht näherkam und die ihn dann, als er sie endlich erreicht hatte, regelrecht verschlang, die ihm, bei jedem Fluchtversuch, auf den Fersen blieb, diese Stadt, die ihre Bewohner nicht loslässt, allenfalls opfert, sie ist am Ende wieder verschwunden. "Und dann ist es Nacht, und er sieht nur noch den schwarzen, mit Sternenlöchern übersäten Himmel." Punkt und Schluss. Es war halt eine, wie es der Titel sagt, Geisterstadt. Es war vielleicht auch ein Mythos, der unserer Rationalität nicht länger standhalten konnte. Oder: ein Mythos, der seine Überzeugungskraft verloren hat.

Bis dahin, bis zum Verschwinden der Stadt, geht es über Stock und Stein. Don Quichotte, der edle Ritter, hatte sich einst gegen Windmühlenflügel behaupten müssen. Coovers einsamer Reiter steht allein gegen Gott und die Welt. Coovers Geisterstadt-Held lässt sich als Gegenentwurf zu Peter Handkes Epos vom Bildverlust lesen. Coover feiert die Inflation der Bilder. Sein Roman ist Kino. Und da bekanntlich auch das Kino nur als Parasit der Literatur (über-)leben kann, ist alles schon einmal da gewesen: Zitat. Jedes Bild haben wir schon einmal gesehen, mit John Wayne oder Clint Eastwood. Wir kennen die Dialoge, dank Sergio Leone oder John Ford. Der Rest stammt aus der Literaturgeschichte.

Der Reiter, unterdessen zum Sheriff befördert, auf einem Maulesel unterwegs, umkreist, "immer zu seiner Rechten", die Stadt. Früher einmal - jetzt hat er das Bild wieder vor Augen - war er auf die Reste eines alten Planwagens gestoßen. Das Seltsame war, "daß eines der Holzräder sich langsam in der unbewegten Luft drehte, weiter und weiter, wie zur Erinnerung an das Voranschreiten der Zeit, als es noch eine Zeit gegeben hatte. Er saß im Sattel und starrte auf das Rad, als wollte er es mit der Kraft seiner Gedanken anhalten, und so das Unglück, das sich hier ereignet hatte, zu einem Ende bringen."

Dann hört der Sheriff Schüsse und sieht schließlich auf einer kleinen Erhebung einen alten Mann rücklings auf dem Boden liegen. Er beugt sich aus dem Sattel zu dem Alten und fragt ihn, ob alles in Ordnung sei. "Klar, stöhnt der. Ich hab sechzehn Kugeln eingefangen, und die haben mir den Arm abgehackt und ihn aufgefressen und mir'n Dauerscheitel bis runter zum Genick gezogen und einen Pfeil in den Arsch gesteckt - warum sollte also nicht alles in Ordnung sein, du verdammter Klugscheißer? Na, dann ist es ja gut. Ich dachte schon, dir fehlt was" - meint unser Sheriff.

Cormac McCarthy wirkt im Vergleich zu Robert Coover wie ein romantischer Naturalist. Die brutalen Exzesse, die Draußen im Dunkel ebenso bestimmen wie die berühmte Border-Trilogie (All die schönen Pferde, Grenzgänger, Land der Freien) sind bei Coover zum Spiel geronnen. Es ist exakt die Differenz zwischen dem Italo-Western und Hollywood. Es ist der Stoff, aus dem unsere (Alb-)Träume sind. Könnte man glauben. Das mythische Arsenal Amerikas, die trivialen Mythen, ihre Ablagerungen, ihre Perspektiven. Coover spielt auch mit kleineren surrealistischen Einlagen.

Doch darf man sich nicht täuschen lassen. Denn weder Stoff, die Western-Geschichte, noch Handlung, die Folge von Abenteuern, sind das bemerkenswerte an diesem Roman. Sondern: die Tatsache, dass die Geisterstadt als Ganzes zitiert ist, Zitat ist. Robert Coover hat aus dem großen Bilder-Vorrat, aus dem wir alle schöpfen, einen Roman gemacht, mit der Souveränität des Künstlers, nur seiner eigenen - ästhetischen - Logik verpflichtet (nach dem Muster von Kafkas Erzählung In der Strafkolonie). Coovers Roman erzählt allerdings eine restlos Sinn-entleerte, wenn auch handlungsstarke Geschichte, von großer poetischer Kraft. Ein Lehrstück, das, neben anderem, zeigt, wie wir die Welt, in der wir leben, sehen. (Vielleicht, weil wir die Bilder, die wir sehen, schon im Kopf haben.) Abblende. Kein Abspann. Der wäre zu lang geworden.

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Geisterstadt von Robert Coover, 2002, Rowohlt3.)

Geisterstadt.
Roman von Robert Coover (2001, Rowohlt - Übertragung Dirk van Gunsteren).
Besprechung von
Dorothea Dieckmann in Die Zeit:

Spiel mir das Lied
In seinem Roman "Geisterstadt" überdreht und überhöht Robert Coover den Western

In seiner Kulturgeschichte der Neuen Welt hat der Amerikanist Gert Raeithel einige Motive aus den tall tales, den Heldenlegenden der Pioniere, zusammengestellt - alle vom Zuschnitt des Comic-Cowboys Lucky Luke, der schneller schießt als sein Schatten, alle hart am Rand der Selbstparodie. Da ist Sam Patch, der behauptete, über die Niagarafälle springen zu können, Davy Crockett, der die Sonne aufgetaut hat, oder Mike Fink, dessen Triumphliste länger ist als "der Albtraum eines Walfisches". Der Weg vom Gernegroß zum Helden ist so kurz wie der des Superlativs zum Surrealen.

Unter den zeitgenössischen amerikanischen Schriftstellern ist es Robert Coover, der die Hyperbolik der tall tales mit wütender Erzähllust fortschreibt und den Amerikanischen Traum in einen Albtraum gigantischen Ausmaßes steigert. Der Name seiner Helden ist Nobody, die Schauplätze seiner Geschichten sind Phantomstädte in the middle of nowhere. Nachdem er in dem Monumentalroman Johns Frau (1996) den Totentanz der Puritaner-Nachfahren, allesamt Zombies und Mutanten, um die namenlose Titelgestalt in einer durchschnittlichen Provinzstadt inszeniert hat, ist er nun bei den Gründungsmythen angelangt - und er hat für die deutsche Fassung des neues Buches, wie vorher mit Gert Burger, in Dirk van Gunsteren einen Glücksfall der Übersetzungskunst gefunden. Der Held: ein Cowboy, der ebenfalls keinen Namen, nur einen Hut auf dem Kopf und ein Pferd zwischen den Beinen braucht. Die Zeit: Once Upon a Time in America, 12 Uhr mittags. Der Ort: Ghost Town.

Wer einmal durch die Wüsten Nevadas, Arizonas oder New Mexicos gefahren ist, kennt die Abzweiger zu den verlassenen Frontier-Siedlungen, die nun als billige Westernkulissen zu besichtigen sind. Was heute Budenzauber ist, war einstmals die Fata Morgana der Trapper und Goldsucher. Dazwischen, im mythischen Immerdar, reitet unser Ewiger Amerikaner, ein alter Junge im Wortsinn, white male, maulfaul, schussschnell und immer cool, obwohl er nicht viel mehr als sein Herz in der Hose trägt - es sei denn, man zwingt ihn, rohe Pferdehoden zu essen. Denn das ist einer der Initiationsriten in der Phantomstadt - einem mythischen Ort gleich dem schlicht "das Städtchen" genannten U®-Topos in Johns Frau -, die ihn auf seinem Ritt durchs tote "Geierland" mal lockt, mal verfolgt und, einmal erreicht, aus der verstaubten Totenstarre zu archaischem Leben erwacht.

Bis sich diese Stadt, "die so tat, als wäre sie ein Ziel", buchstäblich wieder aus dem Staub macht, wird der Held wider Willen zum gebeutelten Protagonisten einer Kompilation aus Wildwestmärchen und Horrorstreifen. Mal landet er in einer duftenden Badewanne, mal im Gefängnis, mal im Satinbett, mal gefesselt im Futtertrog. Erst ist er Sheriff, dann Mitglied eines zur Rache an frauenschändenden Indianern gebildeten Sicherheitskomitees, dann Anführer einer Bande Zugräuber und schließlich widerstrebender Bräutigam der blonden Sängerin Belle, der emanzipierten Calamity Jane und männerfressenden Domina des Ortes. Ihr Gegenpart ist - Fred Zinnemann mit umgekehrten Vorzeichen - die schöne schwarzhaarige, unschwer als reines Marien-Anbetungsobjekt erkennbare Lehrerin, die unserem Revolver-Hanswurst hier als rettende Florence Nightingale erscheint, dort als willkommenes Prinzessinnenopfer seine Retterqualitäten herausfordert, misshandelt, geschändet und als Spielgewinn der Männerhorde im Hinterzimmer der Kirche aufs Glücksrad gespannt. Nach dem Showdown, wo der literarische Hexenmeister schamlos aus dem Schlussdelirium von From Dusk Till Dawn absahnt ("Durch den Rauch sieht er den toten Spieler ..., dessen blau bebrillter, haarloser Kopf langsam im Schlick seines Halses versinkt"), bezeugen allerdings ein paar blonde Hurensträhnen unter dem schwarzen Heiligenscheitel die fatale Einheit des Weiblichen - oder vielmehr die Einförmigkeit des männlichen Begehrens.

Eine rasante Traumlogik formt aus diesem Trash-Chaos, in dem Hirn und Sperma fließen, Knochen und Galgenholz splittern, eine fantastische Allegorie auf Amerikas kranke, zwischen Nomadentum und Biedersinn zerriebene Seele: Perversion und Narzissmus, Ohnmacht und Größenwahn, Autismus und Horror vacui, Angst und nochmals Angst. Seine Plausibilität gewinnt der Subtext aus der verschmitzten Überhöhung und Verdrehung von Filmzitaten und trivialen Westernmotiven, seine Struktur aus einer entgrenzenden Konfusion von Raum und Zeit, Tod und Leben, die aus Lebewesen Untote, aus Dingen Luftspiegelungen macht und die Folge der Ereignisse als Wahrnehmungsstörung, als falschen Film entlarvt. Sein Schauplatz ist ein "Terrortorium" von ständig verrutschender Ausdehnung, "das sich unter der fremden Gewaltigkeit des sternenübersäten Himmels in alle Richtungen erstreckte, unter jenem leblosen Jenseits jenseits dieses leblosen Jenseits, in dem er mit seinem Leben, oder was er als solches bezeichnete, gelandet war".

In dieser Metaphysik des Irrealen haben nur die symbolischen Zeichen Bestand. Ein weißer Hengst am Firmament, der sich in einem mit weißer Farbe angestrichenen Klepper materialisiert, und eine schwarze Stute, Wundertier und Teilzeitgefährtin: gegensätzliche Verkörperungen der zentaurischen Cowboyexistenz. Der Hut, ob im Badewasser oder im Sand, einsam und bedrohlich wie der von den Schultern gefallene Kopf selbst, "ein Schatten ohne schattenwerfendes Objekt": ein Todeszeichen. Das in der windstillen Luft rotierende Rad eines umgestürzten Planwagens; die Pocahontas-Figur der verführerischen Indianersquaw; der Fotograf als Todesbote; klingende Spucknäpfe; der Pik-Bube aus dem Pokerblatt - alles billige Versatzstücke und zugleich Archetypen von psychoanalytischer Reichweite, mit denen Coover sein böses Spiel treibt.

Nichts ist vor der Metamorphose sicher. Gleise schleichen sich weg, ein Zug "legt falsche Schienen" und versteckt sich in einem Erdloch. Gebäude verschwinden oder tauschen die Plätze. Badewasser schmeichelt wie die Glieder einer Wassernixe. Die Schwingtüren des Saloons schlagen von selbst auf und des Cowboys Nasenbein kaputt, denn "das Nasenbein ist etwas, das nicht für dieses Land geschaffen ist", und nach einem Schlangenbiss "schmerzt sein Bein von der Schulter abwärts". Wo Blinde Falschspieler sind, Frauen Bärte tragen und Männer mit weggeblasenem Hirn eine Schlägerei anfangen, ist eben auch auf den eigenen Körper kein Verlass mehr.

So leichthändig überbietet Coover die Genres, die er ausbeutet. Sein magischer Nihilismus, seine schwarze Fantastik sind süffig und grell wie eine Kreuzung aus Mariachi-Film und Italowestern, komisch und zugleich pathetisch, barock und vulgär - direkt aus der Hüfte: "Vielleicht sollte ich lieber runterkommen und meine nasse Muschi drüberhängen, bevor dein Ding noch ganz austrocknet." Mit dem gestischen Klamauk eines Trickzauberers verbreitet er die Weisheit eines Schamanen; Schafzüchter mit stahlblauen Augen, zahnlose Indianer oder sterbende Goldgräber lässt er Vanitas-Gedanken von Beckettscher Schärfe äußern. "Was sagen die Sterne?" Antwort: "Sie sagen, dass das Universum schweigt. Nur die Menschen sprechen. Obwohl es gar nichts zu sagen gibt". Oder: "Das Leben hier draußen ist Scheiße, mein Sohn. Es hat nicht mehr Bedeutung als das, was du mit deinem Schwanz in den Wüstensand schreibst, wenn der Wind weht."

Die geschliffenen Diagnosen zur sinn- und rastlosen, von Angstlust getriebenen Permanenz des amerikanischen Expansionsabenteuers sind in Bilder von endzeitlicher Schönheit gefasst - gefrorene Panoramen, in denen Edward Hopper und de Chirico zusammenfinden: "Es regt sich nicht einmal ein heißer Wind, der die Stricke am Galgen oder die Saloonschilder schaukeln ließe. Still und leer liegt die Straße da, und dennoch erscheint im schattenlosen Licht der Mittagssonne alles so überscharf konturiert, so angespannt, als lägen in jedem Gebäude ein paar Stangen Dynamit". Darüber "schweben die Geier wie glatzköpfige, schwarz gekleidete Croupiers ... und warten darauf, die Gewinne einzustreichen". Kein Zweifel - Geisterstadt ist mehr als eine Westernparodie. Wie ein kompaktes, schillerndes Juwel fängt der kleine Roman amerikanische Existenzialien ein, Sex und Gewalt, Todesangst, Staub und Leere, gebündelt durch die Liebe eines Kenners und Ketzers zu seinem wasteland. Gleich seinem naiven Helden birgt er hinter dem bösen Blick jene "zarteren Empfindungen, die ihn wie vom Himmel gefallene Familienmitglieder von allen Seiten umarmen".

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