Gehwegschäden von Helmut Kuhn, 2012, FVAGehwegschäden.
Roman von Helmut Kuhn (2012, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 25.05.2012:

Helmut Kuhn schreibt über Berlin der sogenannten Kreativen
Der Roman „Gehwegschäden“ führt durch die Hauptstadt und zu ihren stolpernden Bewohnern: Möchtegernschauspielern, planlose Architekten und Zeitenschinder. Helmut Kuhn zeichnet sie in einem schonungslosen Gesellschaftsbild.
 
Berlin ist die Hauptstadt der Improvisation. Eine Metropole, die immer in Bewegung ist, auch wenn ihr nicht nur am neuen Flughafen das Abheben schwerfällt. Arm, aber sexy war einmal die Parole, deren zweites Attribut zu wanken beginnt. Vor allem in Mitte wächst ein fragwürdiger Chic, der die Szene in andere Bezirke treibt. Aufbruch ist ein doppeldeutiges Wort. Erasmusstudenten und Migranten versus orthodoxe Berliner, steigende Mietpreise versus Dauerparty. Laut und schrill werden die Reviere markiert und mittendrin rödeln die sogenannten Kreativen, von denen es hier einfach zu viele gibt: planlose Architekten, Möchtegernschauspieler, Zeilenschinder, ewige Praktikanten an der Kante ihrer Einjahresverträge, Blogger, Büronomaden und überhaupt die digitale Boheme, die in den Caféhäusern ihre Laptops streichelt. Weil ihre Lage prekär ist, bilden sie das Prekariat.

Thomas Frantz ist einer von ihnen. Mitte 40 ist er und hat schon bessere Zeiten gesehen. Da war er rumgekommen in der Welt und seine Reportagen wurden gedruckt. Da kannte er keinen Chef und keine Konferenzen. Da hieß Freier sein noch Freisein. Dann wurde der Journalist älter und irgendwie sind ihm die Dinge verrutscht. Der aus Überzeugung Kinderlose mutierte zum Schwerenöter in eigener Sache, zum permanenten Problemsucher, der täglich seine Zweifel nährt. Alkohol, Frauen und Auftragslosigkeit treiben den butterweichen Hünen um, der sich neben dem richtigen Leben ins World Wide Web eingeloggt hat. So zappelt er im Netz und netzwerkt am Rande des Dispos, den ihm die Bank inzwischen verweigert.

Alles läuft simultan ab im Leben dieses ratsuchenden Stadtdurchradlers, der mal schön ironisch die Dinge auf die Spitze treibt, mal weinerlich vor ihnen in die Knie geht und sie manchmal auch beflissen mit Schaum vor dem Mund plakativ kritisiert. Dann ist das lesenswerte Buch am schwächsten. Am stärksten ist es, wenn es möglichst nah an seinem Vorbild ist: Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Dann verweist nicht nur der Nachname dieses Antihelden auf Franz Biberkopf, dann funktioniert das gesamte Collageprinzip wie ein Update, mit dem der heutige Moloch Großstadt aus vielen Momentaufnahmen zusammengesetzt wird.

Hunde und alte Paare mit kleinen Kindern am Prenzlauer Berg

Man folgt diesem Stadtstreuner Thomas Frantz gern auf seinen Wegen und beobachtet, wie ihm die Dinge über den Kopf wachsen. S-Bahn-Fahrten und dabei aufgeschnapptes Sprachfetzenkaleidoskop, Kaufhauseröffnung am Alex und Kundenzentrum eines Stromkonzerns, ein ruinöses deutsches Haus der Geschichte als Spekulationsobjekt, Hunde und alte Paare mit kleinen Kindern am Prenzlauer Berg, Als Tresenersatz dienen die Stromverteilerkästen im Freien, wo die Bierflaschen stehen und in Griffweite die entsprechenden Typen.

Alles ist vorläufig im Berlin dieser Tage und die Seitenpfade sind von Ratten unterhöhlt, von denen auf jeden Bewohner drei bis vier kommen sollen. Das produziert Gehwegschäden, die nicht mehr beseitigt, sondern nur noch resigniert beschildert werden. Sie verhelfen diesem ausufernd die Situationsminiaturen addierenden Roman zu seinem schön doppeldeutigen Titel. Weggehen nämlich würde diesem Thomas Frantz nur schaden. „Wer jammert, hat noch vierzig Prozent“, heißt die Formel seines Schachboxtrainers, bei dem er lernen will, die Kluft zwischen Intelligenz und Kraft zu überwinden. Auch Sandra ist dort und es könnte sich etwas ergeben. Die gemeinsame Kunstaktion am Rosenthaler Platz ärgert vielleicht die Anlieger, freut aber die weltweite YouTube-Gemeinde. Das zählt, denn vielleicht findet das doppelbödige Leben ja längst bei den digitalen Kindern im Netz statt?

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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