Geh mit mir.
Roman von Michael Köhlmeier (2001, Piper).
Besprechung von Rüdiger Wartusch aus der Frankfurter Rundschau, 22.11.2001:

Schnarchspießer im 68er-Gewand
Michael Köhlmeiers Familiengeschichte "Geh mit mir"

"Das ist nichts Besonderes, das weiß ich selber", lässt Michael Köhlmeier seinen Erzähler konstatieren. Und tatsächlich lässt sich der Roman schwerlich zu den ereignisreicheren rechnen. Hauptdarsteller Wise berichtet von seinem Vater, dem alten Fink, seiner gehbehinderten Mutter und der etwas weltläufigeren Schwester Johanna, aber auch von der eigenen Freundin Franka, mit deren Kindern Merle und Simon das erste Kapitel endet. Und wie er die beiden Kleinen ins Bettchen bringt - wahrhaftig nichts Besonderes.

Wise ist, wie offenbar alle Finks, im alltäglichen (Arbeits-)Leben nicht eben ein Senkrechtstarter, doch er ist ein Optimist, ähnlich naiv wie einst Kafkas Amerikareisender. Die Familie versteht er nicht, wieviel weniger die Gesellschaft. "Wir sind anders als die anderen", weiß er, muss aber auch konstatieren: "Die Welt war immer dort, wo ich nicht war." Der einzige Mensch, dem ein Blick über den Tellerrand gelingt, ist die Schwester Johanna, die die Männer in Teddybären und Faschisten teilt: "Wenn es meine Schwester nicht gäbe, wäre ich wie Tarzan, der im Dschungel lebt und von überhaupt nichts weiß." Ist er natürlich trotzdem. Die Mutter ist an den Rollstuhl gefesselt und hört unentwegt dieselben Songs, der langhaarige, jointrauchende Vater hat vor Äonen einmal versucht zu arbeiten, als Schriftsteller auf Kreta. Sein Herzinfarkt (nur ein "Streifer") führt die Familie noch einmal zusammen und ist Ausgangspunkt für die vorliegenden Erinnerungen an den heimatlichen Bodenseeraum.

Man soll den Tag, sagt man, noch vor dem Abend leben. Und so gerät dem Vater er gelebte Widerstand zu einer neuen kleinbürgerlichen Welt. Er ist ein echter Schnarchspießer im 68er Gewand. "Ein Gummipfropfen hat mehr Selbstvertrauen" als der alte Fink. Im kleinen, bescheidenen Kreis hat man Ordnung geschaffen, Kontakt zur spießigen Außenwelt gibt es kaum (ja, früher, als sie noch zu Konzerten fuhren!). Außerdem zählt zur Familie Wises ein Toyota Corolla, der mit einem leisen Anflug von Rassismus gelb lackiert ist und gleich mehrmals kaputt geht. Das ist nicht unmöglich, aber gehört längst ebenso tempi passati an wie die Schreibweise "Telephon". Beides aber ist stimmig, handelt es sich doch weitgehend um eine Erinnerungsperspektive auf verschiedene Episoden und Epochen eines mäßigen Lebens: "Heute weiß ich das. Damals wusste ich es nicht."

Bald nüchtern, bald naiv und stets fast teilnahmslos schildert Michael Köhlmeier in dem Nachfolger von Bleib über Nacht seine Familie, die hoffentlich nicht zu viel von seiner eigenen hat. Mal ist hier etwas langweilig wie "ein Fußballfeld aus der Perspektive eines Käfers", mal rührend "wie Geburten in amerikanischen Ärztefilmen". Nur selten schwingt er sich zu der gewohnten sprachlichen Pointiertheit auf, etwa wenn er von einem "Haufen verlöteter Speisen" spricht oder jemanden als "chemisch reine Niedertracht" kennzeichnet. Neben wenigen Regionalismen ist die Sprache, die er seinem Erzähler beigibt, brav. Warum aber nimmt man das dem Dichter nicht krumm?

Zum einen liegt das wohl daran, dass die Sprache in diese Platitüden Widerhaken einbaut, dass sich Falltüren öffnen und Untiefen andeuten. An zwei Stellen wird dies explizit, wenn Unverständliches und auch nicht weiter Reflektiertes zur Sprache kommt. So am Anfang, wo es heißt: "Meine Gedanken flattern durch eine Horde Gespenster hindurch", und gegen Ende, wo jemand sagt: "Ich entdeckte, dass ich im Zimmer stand, ohne mich daran erinnern zu können, durch die Tür gegangen zu sein." Zum anderen sind die eingestreuten banalen Einblicke in Abläufe und Seinsweisen des Lebens der Ausdruck einer Spezies von gesellschaftlichen Irrläufern: Man hasst nichts so sehr wie die Idylle namens Rotwein und Sex vorm TV. Dass wir uns nur die schlechten Nachrichten merken, dass, wer nur die Wahrheit sagt, nicht mehr gefragt wird, und dass, wer Mango isst, nicht die Zahnseide vergessen sollte - nichts als Spießweltweisheiten.

Man ist gut im Hause Fink. Der Ich-Erzähler Wise will "lieber ganz sachlich bleiben", und auch die anderen Familienmitglieder wollen einander ausreden lassen. Selbst bei übelsten Beschimpfungen wird so "Böses in Ordnung" gehalten. Gemeinsame Nenner gibt es kaum. Der Vater befasst sich mit letzten Fragen über Gott und das Sterben, die Mutter nur noch mit Möglichkeiten statt Wahrheiten: "Wenn es einen Gott gibt, dann spielt er jetzt mit Elvis und Jim Morrison in einer Band." Da müsste es, zumal wenn in Beziehungen "Verständnis ohne wesentliche Ironie" vorausgesetzt wird, irgendwann zum großen Knall kommen. Doch hier herrscht wieder nur "nichts Besonderes, und das ist die traurigste Herrschaft, die es gibt".

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