Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck, 2015, KnausGehen, ging, gegangen.
Roman von Jenny Erpenbeck (2015, Knaus).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ, vom 02.10.2015:

Wir guten, gastfreundlichen Germanen
Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“ über Flüchtlinge und Helfer gilt als Favorit für den Deutschen Buchpreis.

Sechs Bücher stehen in der engsten Auswahl zum Deutschen Buchpreis, Jenny Erpenbecks Flüchtlingsroman „Gehen, ging, gegangen“ gilt als Favorit. Tatsächlich ist das Buch jenes der Stunde, trotzdem liegt hier womöglich ein Missverständnis vor: Das ist gar kein Roman über Flüchtlinge. Sondern einer über uns.

Ab Oktober 2012 campierten Flüchtlinge am Berliner Oranienplatz, anderthalb Jahre lang, sie kamen aus Burkina Faso, Ghana, Sierra Leone und forderten ein Recht auf Aufenthalt, Arbeit, ein Leben. Die Autorin Jenny Erpenbeck, 1967 in Ost-Berlin geboren, hat an ihrem Schicksal Anteil genommen – ihre Eindrücke aber nun gefiltert. Denn ihr eigentlicher Protagonist ist Richard, Professor im sehr frischen Ruhestand, Experte für Tacitus und Seneca.

Richard lebt allein in einem Haus am See, abends schaute er Nachrichten und isst dazu ein Brot mit Schinken und eines mit Käse. Die Lebensmittel hat er eingekauft in einem Supermarkt, der früher „Kaufhalle“ hieß: Richard hält sich für jemanden, der schon aufgrund der eigenen Geschichte interessiert ist am Lauf und Wandel der Welt. Als er aber eines Tages am Alexanderplatz archäologische Grabungen besichtigt, geht er an den demonstrierenden Flüchtlingen vor dem Roten Rathaus vorbei, ohne sie wahrzunehmen. Erst in den Abendnachrichten erfährt er von ihnen. Ein Schock. Denn: „Warum hat Richard die Männer am Alexanderplatz nicht gesehen?“ Von hier aus nimmt Erpenbeck ihre Leser mit: gutbürgerliche, empathische Zeitgenossen, die in diesen Tagen von der Wirklichkeit der Flüchtlinge ebenso unvermittelt getroffen werden wie Richard. An seiner Hand nähern wir uns Ithemba und Zair, Raschid und Osarobo, lassen uns ihre Geschichten erzählen, erfahren viel über Europas Asylpolitik und ihre Fallstricke – etwa von einem Anwalt, der aussieht wie ein Uhu und Tacitus’ „Germania“ zitiert: „Es gilt bei den Germanen als Sünde, einem Menschen sein Haus zu verschließen...“Spätestens hier beginnt die Fiktion. Wenn Richard dem einen Flüchtling Klavierunterricht erteilt, dem anderen ein Grundstück in Ghana kauft und schließlich eine ganze Gruppe bei sich daheim aufnimmt – dann bewegen wir uns längst im Bereich literarischer Symbolik. Die schon auf den ersten Seiten begann, mit einem Toten im See vor Richards Haus, einem Ertrunken, der den See still bleiben ließ den ganzen Sommer lang – wie können wir heute noch im Mittelmeer baden?

Erpenbecks Roman ist ein melodiöses, anspielungsreiches Sprachkunstwerk, vor allem aber ein Spiegel: Er zeigt, wie wir selbst uns gern sähen. Als geläuterte, nun aufmerksame und gute Germanen, geradezu märchenhaft gastfreundlich. Dies ist der Roman der Stunde, ja: unserer Stunde. Und auf seiner letzten Seite steht, kein Scherz, das Spendenkonto des Kirchenkreises Berlin Stadtmitte.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1015 LYRIKwelt © Westdeutsche Allgemeine