Geheimreport von Carl Zuckmayer, 2002, Wallstein1.) - 2.)

Geheimreport.
Berichte von Carl Zuckmayer (2002, Wallstein-Verlag, hrsg. Gunther Nickel und Johanna Schrön).
Besprechung von Sabine Dultz aus der Münchner Merkur, 16.4.2002:

Vorsicht vor den Humorlosen
Spannend, brisant, interessant: Carl Zuckmayers ''Geheimreport''

Zunächst mag jeder denken: ziemlich unsympathisch. Der Schriftsteller Carl Zuckmayer (1896-1977, u. a. "Der Hauptmann von Köpenick") hat dem amerikanischen Geheimdienst Dossiers geliefert über deutsche und österreichische Künstler und deren politische Einstellung. Das geschah während des Krieges, 1943/ 44. Zuckmayer, den Nazis ganz und gar nicht genehm, befand sich zu der Zeit im amerikanischen Exil. Zuckmayer also eine Art "IM" frühester Stunde?

Unter dem Titel "Geheimreport" sind jetzt die rund 150 schriftlich abgegebenen Beurteilungen aus dem bislang weitgehend unveröffentlichten Nachlass herausgegeben worden. Versehen mit einem etwa zwei Drittel des umfangreichen Bandes ausmachenden Anhang. Ihn zu lesen, ist mindestens genauso spannend, wie Zuckmayers Künstler-Klassifizierungen selbst. Überhaupt muss gesagt werden: Dieses Buch gehört zu den interessantesten, aufschlussreichsten Neuerscheinungen der letzten Monate.

Von Denunziation kann nicht die Rede sein. Nicht nur weil Zuckmayer in seinen Charakteristiken mehrheitlich zu wohlwollendem Ergebnis kommt, sondern weil der Auftrag positiv formuliert war. Es ging darum, "dass wir einige Vertrauensleute drüben haben, und solche sind ja in diesen Blättern fixiert, auf deren Urteile über die einzelnen Vertreter dieser neuen Künstlergeneration wir uns verlassen können". Und es ging darum, so schrieb der Schriftsteller nachträglich in der Münchner "Neuen Zeitung" vom 3. Oktober 1947, "die künftige Besatzungsmacht in Form von möglichst objektiven Charakterstudien über führende Persönlichkeiten des deutschen Kulturlebens zu informieren". Wer, so sollte herausgefunden werden, war geeignet, nach dem Krieg an dem Aufbau einer demokratischen Gesellschaft in Deutschland aktiv teilzunehmen?

Zuckmayer in dem im Exil entstandenen Entwurf eines Manifestes: "Die Errichtung einer freien Demokratie als Staats- und Lebensform des deutschen Volkes war immer unser Ziel. . . Es wird unser Wille und unser Ziel bleiben in der Stunde seiner Vernichtung, des Zusammenbruchs seiner Armeen, und der bedingungslosen Ergebung Deutschlands. Wir glauben, dass, durch Leiden gestählt, durch Erfahrung gehärtet, Männer in Deutschland aufstehen werden, die befähigt sind, die deutsche Demokratie zu errichten und zu erhalten."

Hochinteressant der historische Hintergrund der deutschen US-Exilanten. Sie konnten sich, da in den politischen Überzeugungen sehr unterschiedlich, von ganz links bis stramm konservativ, kaum einigen auf gemeinsame Resolutionen, geschweige denn auf die Gründung eines die zukünftige Demokratie unterstützenden Komitees.

Thomas Mann erteilte, zur Enttäuschung aller, eine Absage. Und auch Carl Zuckmayer zog für sich daraus die Konsequenz: "Ich will in keine, wie immer geartete, politische Gruppierung der Emigration hinein, ich halte es für wahrscheinlich, dass unsereiner allein und auf seine, unabhängige, Art vielmehr für die Zukunft tun kann. . . Außerdem will ich weder Kultusminister in Preußen noch Burgtheaterdirektor in Wien werden, sondern nur wieder mit meinem Wort und meiner Arbeit das deutsche Volk erreichen. . ."
"Gott bewahre uns vor den Humorlosen!!!" Oder: "Man zahle ihm eine Pension." So eine Warnung oder Empfehlung stößt Carl Zuckmayer schon mal aus, wenn er in Deutschland verbliebene Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur für den amerikanischen Geheimdienst beschreibt.

Er klassifiziert die Personen, über die er berichtet, in vier Gruppen: Erstens "positiv (vom Nazi-Einfluss unberührt, widerstrebend, zuverlässig)", zweitens "negativ (Nazis, Anschmeißer, Nutznießer, Kreaturen)", drittens "Sonderfälle, teils positiv, teils negativ - nicht ohne weiteres einzuordnen" und viertens "Indifferente, Undurchsichtige, Verschwommene, Fragliche". Die Gruppe vier aber unterteilt er noch einmal in "negative" und "positive" Personen. Wer nun diese Charakteristiken Zuckmayers liest, zieht daraus mehrfachen Gewinn. Einmal sagen sie viel über den Schriftsteller selbst aus, über seinen Humor, sein großes Herz und tiefes Verständnis, aber auch seine intellektuelle Eitelkeit, vor allem Schriftsteller-Kollegen und Schauspielern gegenüber.

Zum anderen gewinnt der Leser dieses Buches Kenntnis davon, wie schwer es für die in Deutschland verbliebenen Nicht-Nazis war, Anstand und Würde zu bewahren. Denn größtenteils davon berichtet Zuckmayer, was ihm heute noch immer zur Ehre gereicht. Außerdem liefert er aber mit seinen Dossiers vielfach wunderbare Porträts - zum Beispiel von den Schauspielerinnen Käthe Dorsch, Paula Wessely und Brigitte Horney. Von den Schauspielern Rudolf Forster, der aus existenzieller Berufs-Not Hollywood wieder verließ und nach Deutschland zurückkehrte. Und u. a. auch von Paul Wegener. Als ihn der für Schauspieler zuständige Nazi-Obmann nötigte, an einer NS-Versammlung teilzunehmen und Stellung zu beziehen, soll Wegeners Antwort gewesen sein: "Lecken Sie mich mitsamt Ihrem Führer a.A., ich geh' ins Kloster."

Knapp und treffend, differenziert und liebevoll Zuckmayers Sicht auf Heinz Rühmann, Theo Lingen, Hans Albers; auch auf Gustaf Gründgens oder den Regisseur Veit Harlan. Der Schriftsteller hält sich aber mit seiner Meinung genauso wenig zurück bei den "negativ" Einzustufenden. Ob Reichsdramaturg Rainer Schlösser oder "Reichsgletscherspalte" Leni Riefenstahl, Schauspieler Heinrich George oder Schriftsteller Arnolt Bronnen: Sie erledigt Zuckmayer mit Hohn und Spott. Während der Dichter keine Tränen scheut, dem großen, von den Nazis vereinnahmten Schauspieler Emil Jannings in einem hinreißenden Porträt der Trauer nachzuweinen.

Übrigens: Der Vorwurf, Carl Zuckmayer könnte sich bereichert haben durch seine geheimdienstliche Tätigkeit, ist gegenstandslos. Die US-Organisation war knapp bei Kasse. Sie zahlte dem Schriftsteller dreimal 150 Dollar.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0402 LYRIKwelt © Münchner Merkur

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Geheimreport von Carl Zuckmayer, 2002, Wallstein2.)

Geheimreport.
Berichte von Carl Zuckmayer (2002, Wallstein-Verlag, hrsg. Gunther Nickel und Johanna Schrön).
Besprechung von Peter Michael Braunwarth aus Rezensionen-online *LuK*:

Mit der Lizenz zum Durchschauen
Carl Zuckmayer als Geheimagent

Elisabeth Bergner hat ihn einen "begabten Hund" genannt. Dennoch sind heute die Stücke des neben Brecht erfolgreichsten deutschen Dramatikers des 20. Jahrhunderts fast völlig aus den Spielplänen verschwunden. Eine fragwürdige Frank Castorf-Inszenierung von "Des Teufels General" an der Berliner Volksbühne mit Corinna Harfouch in der Titelrolle ist auch schon wieder sieben Jahre her. Aber nun ist aus dem Nachlaß, der vom Deutschen Literatur-Archiv in Marbach am Neckar aufbewahrt wird, eine aufregende Carl Zuckmayer-Neuerscheinung auf dem Buchmarkt aufgetaucht: der "Geheimreport". Vorabdrucke einzelner Abschnitte im heurigen Jänner in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hatten auf das Buch bereits sehr neugierig gemacht. Jetzt ist es da, vorzüglich ediert und kommentiert von Gunter Nickel und Johanna Schrön. Zuckmayer hatte 1943/44 im Auftrag des amerikanischen OSS (Office of Strategic Services), einer Vorgänger-Organisation der CIA, Charakter-Porträts von Künstlern geliefert, die in Nazi-Deutschland geblieben waren und dort als Schriftsteller, Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner, Musiker, Verleger Karriere gemacht hatten. Die Miniaturen sollten der amerikanischen Besatzungsbehörde nach Ende des Krieges als Orientierungshilfe dienen, was sich dann jedoch im Zuge der umfassenden Reedukations- und Entnazifizierungsmaßnahmen als unnötig erwies.

In diesen knapp gehaltenen Beschreibungen von ungefähr 150 Persönlichkeiten, die Zuckmayer aus seiner persönlichen Bekanntschaft liefert, erweist sich einmal mehr seine "Theaterpratz"n". Was da oft, mit wenigen Strichen, gezeichnet wird, sind vitale Charaktere mit allen menschlichen Widersprüchlichkeiten und Individualismen. Obwohl der Autor als Vertriebener und Bestohlener allen Grund hätte, Bitterkeit und Groll walten zu lassen, und obwohl er von seiner direkten Auftraggeberin, Emmy Rado, sogar eigens aufgefordert wird, "Gerüchte, Geschichten, ›dirt‹ etc." hineinzupacken und sich nicht zurückzuhalten, ist er im Gegenteil um äußerste Gerechtigkeit bemüht, betont stets, wenn manche Einzelheiten nicht aus eigener Kenntnis stammen und beweist insgesamt ein großes Maß an Versöhnlichkeit. Als es innerhalb der Emigranten zu Auseinandersetzungen und parteipolitischen Querelen kommt, zieht sich Zuckmayer sehr dezidiert von jeder Gruppierung zurück und betont seinen Status als Einzelgänger: "Außerdem will ich weder Kultusminister in Preußen noch Burgtheaterdirektor in Wien werden." Energisch wendet er sich - so zum Beispiel in der Auseinandersetzung mit Erika Mann - gegen eine kollektive Schuldzuweisung. "Völker sind aus Menschen zusammengesetzt, und Menschen sind Geschöpfe, die beide Wesenspole, den des Guten, den des Bösen in sich tragen."

Zuckmayers Porträt-Sammlung gliedert sich in vier Kategorien: die Guten, die Schlechten, die Indifferenten und die komplizierten Sonderfälle. Neben geläufigen Namen wie Benn, Kästner, Gründgens, Furtwängler, Rühmann sind auch weniger bekannte wie Kasimir Edschmid, Hans Carossa, Arnolt Bronnen behandelt, besonderen Platz nehmen naturgemäß die Protagonisten der Berliner und Wiener Theater ein, mit denen Zuckmayer in den knapp zwanzig Jahren vor seiner Emigration in engstem Kontakt stand. (Die Charakteristik Paula Wesselys innerhalb der 1. Gruppe, der "Positiven", sei allen Liebhabern von Elfriede Jelineks "Burgtheater" aufs wärmste ans Herz gelegt.)

Von den vielen Beispielen für des Autors luzide Analysen und klar formulierte Resümees - nicht ohne leicht ironischen Unterton - soll hier die Passage über Willi Forst angeführt werden: "Forst war der Typus des eleganten ›Schliefferl‹ (Mischung aus Zahlkellner, Eintänzer und Erzherzog) […] der etwas gigolohafte Forst hat sich in der Nazizeit als ein außergewöhnlich anständiger und trotz ›Karriere‹ von Naziansteckung ganz freigebliebener Charakter erwiesen […] Forst ist kein bedeutender Kopf und kein grosser Künstler, aber er hat eine natürliche, fast biologische Schauspielerbegabung und einen brillanten Sinn für künstlerische Wirkung. Wenn er großes Material in die Hand bekommt - Paula Wessely zum Beispiel - wächst seine Arbeit über seine eigentlichen Grenzen - denen der flüssigen Unterhaltung und des leicht gepfefferten Gesellschaftspiels hinaus. Er kann Schauspieler führen und er hat echte Lustspielbegabung - viel mehr als guten Operettengeschmack. Sein Sinn fürs Gefällige und Populäre geht gewöhnlich haarscharf am Kitsch vorbei und wird nur selten ordinär. Das Österreichische zeigt sich bei ihm weniger in der wienerischen Elastizität und Wendigkeit oder im ›Charme‹ als in der menschlichen Aufgeschlossenheit und der Sicherheit seines Maassgefühls. Genau diese Qualitäten bewahrten ihn davor, für irgendwelche Naziphraseologie oder Demagogie zu fallen und sein wienerischer Skeptizismus bewahrte ihn vor dem Verlust der Urteilskraft. So lange Österreich bestand, hat Forst, der auf die Zulassung seiner Filme im Reich angewiesen war, sich vorzüglich gehalten und tapfer für seine ›nichtarischen‹ Mitarbeiter gekämpft, tapferer als mancher jüdische Filmproduzent, der noch nach Deutschland ›lieferte‹. […] Er war vertraglich zu sehr ins österreichisch-deutsche Filmnetz eingesponnen um ohne weiteres wegzukönnen, war sich auch über seine Möglichkeiten draussen nicht sicher, plante aber im Sommer 1939 Auswanderung nach Amerika, als der Krieg ausbrach und es vereitelte. Über seine Tätigkeit in den letzten Jahren ist mir nichts bekannt, man darf aber annehmen, daß sie sich auf der selben Linie hält."

Der Kommentar ist ausgezeichnet. Sorgfältig, detailliert und mit Bedacht werden Zuckmayers Wertungen erläutert und in den Kontext des Vorher und Nachher gestellt. Umfangreiche Literaturangaben weisen auf den neuesten Stand der Forschung hin. (Hier lediglich ein paar wenige Ergänzungen und Korrekturen: Gustl Mayer, die Dramaturgin bei Reinhardt und Gründgens, ist bereits 1898 geboren und hat sich im Februar 1983 von einem Haus in der Josefstädterstraße in Wien gestürzt; Mirjam Horwitz-Ziegels Lebensdaten lauten nicht 1887-1962, sondern 1882-1967; Déroute heißt nicht "Kursänderung", sondern Zusammenbruch; Maria Kramer starb 1980; Paula Wessely war nicht bis 1984, sondern - als Doyenne des Hauses - bis zu ihrem Tod 2000 am Burgtheater engagiert.)

Das Griechisch-Wörterbuch definiert "Charakter" mit: das Gepräge einer Münze. Die Assoziation zur Redensart von den zwei Seiten einer Medaille läge nahe. Aber die scharfsichtigen und scharfsinnigen Analysen Zuckmayers in diesem Dossier plädieren nachhaltig für altmodische Tugenden wie Anständigkeit, Treue, Loyalität, Freundschaft, humanitas. Man muß Winnetou Guttenbrunner, der Tochter des Dichters, dankbar sein für ihre Einwilligung, die diese Publikation ermöglicht hat.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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