Geheimnisse von Joyce Carol Oates, 2010, S. FischerGeheimnisse.
Roman von Joyce Carol Oates (2010,
S. Fischer - Übertragung Silvia Morawetz).
Besprechung von Liliane Zuuring in der WAZ vom 8.5.2010:

Joyce Carol Oates erzählt „Geheimnisse“ kunstvoll

Erneut beweist Joyce Carol Oates ihr außergewöhnliches Erzähltalent in dem Roman „Geheimnisse“. Das Buch ist ihrer Großmutter gewidmet. Damit hat Oates ihr ein wundervolles Denkmal gesetzt, das aus den Bücherregalen nicht mehr wegzudenken sein wird.

Die Geschichte beginnt mit dem Tod und endet mit einer Familienzusammenführung in vertraulichen Briefen – dazwischen liegt eine Erzählung, die so viele Geheimnisse birgt, dass sie atemlos macht. „Geheimnisse“ heißt Joyce Carol Oates’ opulenter Roman über Rebecca, die Tochter eines Totengräbers, der in Deutschland Mathematikprofessor war, aber als Jude vor den Nazis in die USA fliehen musste. Von dem Tod dieses gewalttätigen Vaters zeugt der Prolog.

Zehn Jahre später, 1959, arbeitet seine Tochter Rebecca, geboren auf einem Schiff im New Yorker Hafen, in einer Fabrik, wartet auf ihren Gatten Niles Tignor, ihren „Helden“, bei dem sie ihre Herkunft, ihre Vergangenheit vergessen will. Ihm gebar sie einen Sohn. Mit ihrem Spross flüchtet sie, als sie den wahren Charakter ihres Ehemannes erkennt, und wird – inspiriert von einem mysteriösen Mann mit Panama-Hut – zu Hazel Jones.

Jede Figur hütet Abgründe

Rebecca-Hazel war und ist Meisterin der Verstellung, aber auch jemand, „dem man die Kindersprache genommen hatte, dabei spricht das Herz nur aus dieser Sprache“. Diese Sprachlosigkeit dominiert ihr Leben, obgleich sie wieder heiratet, versucht, ihr Leben zu gestalten.

Die weitere Geschichte zu skizzieren, verbietet sich. Zu eindringlich sind die Beschreibungen. Jede Figur hütet Abgründe, dunkle, erstaunliche, faszinierende und oft bedrohliche. Wie die 1938 geborene mehrfache Preisträgerin, die zu den bedeutendsten US-Autorinnen der Gegenwart zählt und schon als Literaturnobelpreisanwärterin gehandelt wurde, die Schicksale miteinander verbindet, wie sie Geheimnisse nach und nach genüsslich und mit Mut zur Gemächlichkeit lüftet, zeugt von einem außergewöhnlichen Erzähltalent, für das sie jede literarische Auszeichnung verdient hätte.

Der Roman ist ihrer Großmutter gewidmet, die ihren Namen von Morgenstern zu Morningstar änderte. Damit hat Oates ihr ein wundervolles Denkmal gesetzt, das Zeiten überdauern und aus den Bücherregalen nicht mehr wegzudenken sein wird.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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