Gegenwinde von Olivier Adam, 2011, Klett-CottaGegenwinde.
Roman von
Olivier Adam, (2011, Klett-Cotta - Übertragung Andrea Springler).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 5.7.2011:

Zu viel von Allem
Zwischen Aggression und Larmoyanz: Olivier Adams Roman „Gegenwinde“ ist ganz von Pathos erfüllt. Aber die durchaus reizvolle Konstellation wird endgültig durch eine vollkommen unnötige Krimi-Auflösung zerstört.

Sarah ist verschwunden. Der klassische Fall von „Ich geh mal eben Zigaretten holen“, könnte man meinen. Ihr Auto hat man am Ufer der Seine gefunden, ihre Handtasche darin. Mord, Selbstmord oder gar der radikale Versuch, ein neues Leben zu beginnen? Das ist etwas mehr als ein Jahr her. Sarahs Familie muss seitdem versuchen, damit zurecht zu kommen. Die Kinder hoffen täglich immer noch darauf, dass die Mutter wiederkommt. Paul Anderen, der Ehemann und Ich-Erzähler von Olivier Adams Roman, hat innerlich bereits aufgegeben. Im Grunde genommen hat er auch sich selbst aufgegeben: An Gewicht trägt er deutlich zu viel mit sich herum; dafür fehlen ihm einige Zähne. Dem Alkohol spricht er über die Maßen zu; seinen Beruf als Schriftsteller übt er nicht mehr aus, kann er nicht mehr ausüben.

„Gegenwinde“ kreist um eine Leerstelle, und wie stets in einem solchen Fall, muss diese mit irgend etwas gefüllt werden. Im Fall von „Gegenwinde“ sind es die Trauer, der Schmerz und die Verzweiflung, die sich im Leben der übrig gebliebenen Drei eingenistet haben. Paul kündigt die Wohnung in einem Pariser Vorort und zieht mit seinen Kindern an die bretonische Küste, in jenen Ort, in dem er selbst groß geworden ist und in dem sein Bruder noch eine Fahrschule betreibt. Die Küste ist rau, aufgepeitscht und wild. Olivier Adam stellt permanent Analogien her zwischen der äußeren Landschaft, der bewegten Natur und dem Innenleben seines Erzählers. Das ist eine von vielen schlechten oder missglückten Ideen in „Gegenwinde“. Denn wenn die Bücher des Schriftstellers Paul von einem ebensolchen Pathos, schiefen Bildern und verunglückten Formulierungen getragen sind wie der Roman selbst, kann man sich deren mäßigen Erfolg erklären.

Da ist ein Schrei „so tief und schwarz wie die Nacht“; da breitet sich die Nacht wie „ein großes weißes Tuch über die Stadt, morgens kam alles gedämpft darunter hervor, Geräusche Gefühle Gerüche, jedes unserer Glieder, unsere Herzschläge.“ Gedämpfte Geräusche vermag man sich noch vorzustellen, aber gedämpfte Glieder? Über und am Wasser flirrt und glitzert stets etwas, am besten noch silbern; der Nebel darf nicht einfach nur Nebel, sondern muss noch dazu milchig sein; der Himmel pulsiert unablässig, und erloschene Augen sehen aus wie „zwei matte, gehärtete Tonkugeln“. Das ist zu viel, zu viel von allem. Paul Anderen, der Ich-Erzähler, ist ein Schmerzensmann mit Tendenz zu kindischem Zorn und – zur Larmoyanz. Seine Kinder kommen am neuen Wohnort nicht so recht klar; in der Schule gibt es Schwierigkeiten; insgesamt breitet sich eine Atmosphäre der stummen Resignation aus, die alles und jeden erfasst hat.

Die Familie als zerrüttetes Prinzip steht im Zentrum des Romans, und dieser Gedanke wird anhand etlicher Beispiele durchgespielt: Der Hilfsarbeiter, der Pauls Umzug organisiert, entführt aus Verzweiflung seinen eigenen Sohn. Der in dieser Sache ermittelnde, melancholische Kommissar hat eine Tochter, der er sich nie zu erkennen gegeben hat. Eine alte Dame liegt im Sterben; ihre Kinder sind entweder im Urlaub oder beruflich zu überlastet, um sich darum zu kümmern. Nadine, Pauls Schwägerin, hat vermutlich einen Liebhaber (wenn auch, wie sich spät herausstellt, aus möglicherweise edlen Motiven). Ein Mädchen, dem Paul Fahrstunden gibt, leidet unter ihrem unappetitlichen Stiefvater und verschwindet eines Tages. Alles ist düster, gefährdet, zerbrechlich oder bereits zerbrochen, aus dem Gleichgewicht geraten durch die äußeren Umstände.

Die im Prinzip durchaus reizvolle Konstellation, das Schwanken zwischen Hoffnung und Einsicht in das Unvermeidbare, wird von Olivier Adam am Ende endgültig zerstört, indem er seinem Roman eine so platte wie unwahrscheinliche und auch vollkommen unnötige Krimi-Auflösung zukommen lässt. Auch in diesem speziellen Fall gilt: Zu viele Worte um nichts.

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