Gegensprechstadt-ground zero von Gerhard Falkner, 2005, Kookbooks

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Gegensprechstadt - ground zero.
Gedichtzyklus von Gerhard Falkner (2005, Kookbooks).
Besprechung von Michael Braun in Tagesspiegel vom 6.5.2005:

Sing die Großstadt
An den Lagerfeuern von Berlin: Gerhard Falkner unternimmt eine dichterische Expedition

Nichts ist diesem Dichter verhasster als jener Kulturgehorsam, mit dem man sich in Deutschland für den Karrieresprung zum „Götterliebling“ ausstattet. Gerhard Falkners Schönheitsverlangen braucht die schroffe Abgrenzung gegenüber den jeweils dominanten Tonlagen des lyrischen Betriebs. Oder die kunstvolle Irreführung, wie er sie neulich in der Poetik-Anthologie „Die Hölderlin-Ameisen“ zelebriert hat. Dort jonglierte Falkner, 1951 in Schwabach geboren und heute im Fränkischen und in Berlin zu Hause, mit mythologischen Materialien als den vermeintlichen Ingredienzien seines Gedichts „Vielversprechend versprochene Kiesel“ – um dann preiszugeben, dass seine Interpretation nur eine Luftnummer war, ein Bluff zur „Aufpolsterung“ der poetischen Textur.

Trotz einer ausgeprägten Neigung zur ironischen Imprägnierung seiner Stoffe fühlt sich Falkner einer „Rehabilitation des Schönen“ verpflichtet. In seinen ersten drei Gedichtbänden hatte er die flau gewordene Subjektivitätspoesie der Alltagsrealisten und das „verausgabte“ experimentelle Gedicht im Visier.

Angeödet von einem gedichtblinden Literaturbetrieb, zog er sich nach seinem dritten Band „wemut“ (1989) an die Westküste der USA zurück. Sein Schweigegelübde vermochte er indes nur einige Jahre einzuhalten. Kurt Drawert hat Falkner einen „Minnesänger der Moderne“ genannt – weil dieser Dichter beharrlich die Anschlussfähigkeit der Dichtung an die Bewusstseinsherausforderungen einer medial präformierten Gegenwart herzustellen sucht. Zuletzt agierte Falkner als Mentor der ruppig diskutierten Anthologie „Lyrik von Jetzt“, in der die Generation der Dreißigjährigen ihr urbanes Lebensgefühl kundtat, dabei mitunter aber in den Bildbeständen eines schal gewordenen Realismus kramte.

In seinem jüngstem Gedichtband, den er in einer frühen Fassung bereits 2003 in der Berliner Literaturwerkstatt vorstellte, hat sich Falkner an eine neue Kühnheit gewagt: an die Rekonstruktion des modernen Großstadtpoems, das mit einem „starken, aufgestockten Deutsch“ neu belebt werden soll. Das Langgedicht „Gegensprechstadt – ground zero“ ist zugleich Großstadtgesang, politische Rhapsodik nach den Erschütterungen des 11. September und Requiem auf eine verlorene Liebe. Das lyrische Subjekt gleicht hier jenem schlaflosen Dauergast im „Hotel Insomnia“, das schon Charles Simic als Fabrikationsstätte moderner lyrischer Fantasie beschrieben hat. „Ich habe zu wenig geschlafen / in diesem Jahrhundert!“: Dieser Refrain bildet den Auftakt zu einem nervösen Spaziergang entlang der Bewusstseinsreize und Mode-Zeichen des zu Ende gegangenen „Jahrhunderts der Gegenwart“. Der 11. September wird ebenso herbeizitiert wie eine Unzahl kultureller Codes: Das „E-Mail-Konto von Yahoo“ , ein „gelb kariertes Van-Laack-Hemd“ oder „die Scheibe von Lou Reed“ werden mit derselben Aufmerksamkeit bedacht wie der Angriff auf die Twin Towers. Diese zerstreuten Inspektionen eines Großstadt-Subjekts werden auf der beigefügten CD flankiert von den stimmlichen und perkussiven Suggestionen des Avantgarde-Musikers David Moss.

Das lyrische Ich, das „zwanzig Jahre an den Lagerfeuern von Berlin“ verbracht hat, registriert die Gegenwarts-Versessenheit der Metropole, in der jeden Tag neue Utopien geboren werden und „die Gesterns – nichts als Späne (sind), / die vom Heute flogen“. Falkner verfährt fast durchweg erzählerisch, adaptiert von seinen Bezugsfiguren Walt Whitman, Charles Olson und Allen Ginsberg den offenen Vers. Die paradoxe Sprachfigur, die Verballhornung und die kühne Metapher sind ihm dabei genauso nah wie das kitschige Bild. Die Kollisionen zwischen Neo-Romantik und Banalität fallen mitunter heftig aus: „die unstillbare Liebe / das ist der poetische GAU / Hölderlin hat das nur anders ausgedrückt...“

Der Textteil und der Anmerkungsapparat stehen in diesem Buch in einem seltsamen Gegensatz-Verhältnis. Je verhaltener der Ton der lyrischen Rede, desto ausladender wird der Dechiffrierehrgeiz in eigener Sache, den Falkner in seinem zwanzigseitigen Kommentar an den Tag legt. In seinem universalpoetischen Kategorien-Furor kann Falkner sehr geistreich, aber auch sehr umständlich sein. In seinem Gedicht gibt es entzückende, aber auch sehr verquaste Partien. Aber wie sagte schon Walter Höllerer vom langen Gedicht: Es „gibt eher Banalitäten zu, macht Lust auf weiteren Atem. Ich spiele mit dem, was ich gelernt habe.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Tagesspiegel]

Leseprobe I Buchbestellung 1109 LYRIKwelt © Michael Braun

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Gegensprechstadt-ground zero von Gerhard Falkner, 2005, Kookbooks2.)

Gegensprechstadt - ground zero.
Gedichtzyklus von Gerhard Falkner (2005, Kookbooks).
Besprechung von Martin Droschke in den Nürnberger Nachrichten vom 11.01.2006:

Von der Spaßgesellschaft zur Konjunkturmaschine
Literarische Orientierungssuche: Gerhard Falkners Gedichtzyklus „Gegensprechstadt - ground zero“

Die deutschsprachige Belletristik steht derzeit vor einer ähnlich großen Umwälzung wie zuletzt vor gut 30 Jahren, als eine 68er-bewegte Szene die vordersten Plätze im Literaturbetrieb für sich reklamiert hatte. Die Autoren der Jahrgänge 1965 bis 1980 sind angetreten, dem Roman einen frischen Stempel aufzuprägen und die Generation ihrer Väter in Rente zu schicken. Die neuen Stars bevorzugen es nett, gefällig und angepasst, lassen Politik und Gesellschaftskritik außen vor, wagen keine formalen Experimente, ganz so, als wollten sie die mit den 68ern verknüpften erzählerischen Innovationen zurücknehmen.

Dieser Wandel ist nicht ohne Auswirkung auf die Lyrik, die sich vermehrt der Aufgabe annimmt, kritische Diskurse anzustoßen, und die sich mittlerweile zu einem Hauptschauplatz entwickelt hat, an dem die Verwachsungen der Gegenwart seziert werden. Statt sich in das Los der Rente zu fügen, meldet sich die Nachkriegsgeneration dort mit vor Energie, Subversion und Sprachgewalt nur so strotzenden Monumentalgedichten zu Wort, die vom Kalten Krieg einen Faden bis in das Heute spannen. Statt sich widerstandslos dem Lauf der Globalisierung zu fügen, suchen dort Altmeister nach den Sollbruchstellen, an denen sich die harte Nuss der neuen Weltunordnung knacken lässt.

Mit „Gegensprechstadt - ground zero“, gesellt sich jetzt auch der 1951 in Schwabach geborene Gerhard Falkner zu jenem Kreis, die aus seiner im 20. Jahrhundert gesammelten Lebenserfahrung heraus zu erahnen versuchen, in welches Schlamassel das noch junge 21. Jahrhundert zu schlittern droht.

„eine Zeit, in der man bei Künstlern / wenn man sie auszieht / auf CK- oder Joop!-Unterwäsche stößt / (als letzte Schicht sozusagen / vor der eigentlichen Inspiration)“, zetert der Schiller-Preisträger 2004, der sich zum Schreiben gern aus seiner zweiten Heimat Berlin in die Provinzialität des Nürnberger Umlands zurückzieht, „ist reif für eine Revision (...) damit sie zurückfindet / (um im Bild der Sprache zu bleiben) / zum ehrlichen Baumwollripp mit Eingriff“.

Falkners 70 Seiten umspannendes Sprachnetz „Gegensprechstadt - ground zero“ erschreibt sich einen Bauplan für das kulturelle, soziale und politische Fundament, auf dem eine Gegenwart fußt, die sich nicht entscheiden kann, ob sie Spaßgesellschaft sein will oder lieber eine Konjunkturmaschine, die auf Rebellion und Individualität verzichtet. Dreh- und Angelpunkt der Exkursionen eines lyrischen Ichs in die Metaphysik der Vergangenheit sind jene zwei schweren Detonationen, die die Ordnung der deutsch-deutschen Polarität ausgelöscht haben, in der man sich vier Jahrzehnte lang wie ein Blinder hatte bewegen können. „Die DDR, die Grenze und das ganze Gestern: alles weg“ - „Der 11. September hat meine Zeilen eiskalt erwischt. Oder war es der 3. Oktober?“

Die langen Tauchgänge zurück in die eigene Biografie sind Versuche, neue Orientierung zu finden. Denn erst wenn das lyrische Ich wieder verwurzelt, geerdet ist, dann kann es sich auch wieder mit der Sicherheit durch den Strudel der Fortschrittlichkeit manövrieren, die ihm vor dem Fall des eisernen Vorhangs gegeben war. Nein, Falkners Beschwörungen der an die 68er gekoppelten linken Kosmen und deren Vorbilder und Helden aus Kunst und Kultur, die sich auf seinem riesigen Versteppich breit machen, generieren keinen nostalgischen Ballast.

Viele Zeitgenossen interpretieren die „Stimmen von Stammheim“ und „Mogadischu“ als von der Geschichte entwerteten Schrott, bei Falkner gehören sie den verlässlichen Koordinaten an, den Eckpunkten einer Identität, die Halt verleihen und es dem lyrischen Ich erst erlauben, sich in eine neue Relation zum Heute zu setzten, Autonomie und Selbstvertrauen zu zurückzugewinnen. „damals in der Zeit des kurzen Schlafs / war noch ziemlich viel wahr / die Zeit hatte Zeit / und man war nackt / wenn man die Geduld hatte / sich zu entkleiden“.

Die Literaturkritik hat den Band bereits als „Jahrhundertgedicht“ gefeiert. Doch es würde bereits genügen, wenn er die Aufmerksamkeit all jener, die die einfallsarmen Bauchnabelschauen der Nachwuchs-Romanciers schon jetzt nicht mehr lesen können, auf ein Genre umlenken würde, in dem es den Themen so richtig an die Substanz geht.

Auch wenn Zitat und Zusammenfassung leicht den Eindruck erwecken, Gerhard Falkners poetisches Programm wäre abstrakt, elitär und verstiegen, wird sich „Gegensprechstadt - ground zero“ beim Lesen schnell als erstaunlich griffiges Versgebilde entpuppen. Dank der beigefügten CD, die eine Hörbuch-Fassung enthält, ist das atemberaubende Langgedicht selbst für wenig Geübte verblüffend rasch decodierbar.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

Leseprobe I Buchbestellung 0106 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten