Gegenreden von Uwe Kolbe, 2015, S. FuischerGegenreden.
Gedichte von Uwe Kolbe,
(2015, S. Fischer).
Besprechung von Roman Bucheli in der Neue Zürcher Zeitung vom 29.07.2015:

Die Dichter kommen
Lyrik steht derzeit hoch im Kurs beim Publikum. Sogar Jan Wagners Gedichtband stand jüngst wochenlang auf der Bestsellerliste. Es gibt Gründe für den Erfolg.

Jüngst ereignete sich Aussergewöhnliches im Münchner Literaturhaus. Es trat Pep Guardiola auf, Trainer des FC Bayern München, der allerdings auch in seiner zweiten Münchner Saison das Triple verpasst hat. Das Publikum kam trotzdem in Scharen und prominent ins Literaturhaus. Nein, nicht Fussballer und ihre Fans, aber Leute wie Michael Krüger, der Dichter und ehemalige Hanser-Verleger, oder Albert Ostermaier, Romancier und Dramatiker. Guardiola erklärte den Zuhörern weder seine Philosophie des Fussballs, noch führte er ein in die Geheimnisse und Praxis des Kurzpassspiels. Er las. Und zwar Gedichte. Nein, nicht eigene (vielleicht hätte er ja tatsächlich welche in der Schublade). Aber er trug Gedichte seines Freundes vor, des 2003 verstorbenen katalanischen Lyrikers Miquel Martí i Pol. Guardiola soll, so berichtet Tobias Burghardt, der deutsche Verleger und Übersetzer der Werke von Martí i Pol, als Trainer des FC Barcelona seinen Spielern mitunter Gedichte des Katalanen zur Anfeuerung vorgelesen haben.

Eine Lyrik-Welle

Gedichte sind gross im Kommen. Nicht erst mit Guardiola. Er reitet gleichsam mit auf der Lyrik-Welle. Im letzten Frühjahr wurde mit Jan Wagners «Regentonnenvariationen» erstmals ein Lyrikband mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Das Buch stand danach viele Wochen auf der Bestsellerliste (und erregte allein darum Argwohn in Lyriker-Kreisen). Oder jüngst gewann Nora Gomringer den Ingeborg-Bachmann-Preis und zeigte als gestandene Lyrikerin den versammelten gestandenen Romanautorinnen und -autoren, dass die Poesie auch eine hervorragende Vorschule sein kann für rhythmisch hochpräzise, dynamische und bildstarke Prosa. Kleinverlage von Luxbooks über Kookbooks bis Poetenladen veröffentlichen Gedichtbände ebenso wie die alten grossen Verlage von Hanser bis Suhrkamp.

Und lesen berühmte oder unbekannte Dichterinnen und Dichter aus ihren Werken, gleichgültig, in welcher Sprache, kommt das Publikum zuverlässig: Veranstaltungen an den Lyrikfestivals in Basel, Frankfurt oder Berlin sind mitunter bereits im Vorfeld ausverkauft. Trotzdem: «Wir alle, die wir Gedichte schreiben, hocken um einen ziemlich kleinen Topf herum», sagte unlängst Uwe Kolbe in einem Interview mit der Wochenzeitung «Die Zeit». «Das ist nichts, womit man Geld verdient.»

Lyriker und ihre Leser wie Leserinnen sind Triebtäter. Sie begeistern sich nicht (oder nicht nur) für packende Romane und fesselnde Liebesgeschichten, sie lassen sich verzaubern von Sprache, von der Melodie der Worte und dem Rhythmen der Verse. Und mit den grafischen Gestaltungsmöglichkeiten eines Lyrikbandes wird das Spektrum der Ausdrucksformen um eine zusätzliche sinnliche Dimension erweitert. Felix Philipp Ingold hat dies in seinem neusten Gedichtband vorgeführt: Seine Verse stehen bald senkrecht, bald horizontal auf der Seite, einmal stehen sie ganz unten und dann wieder ganz oben. Sie bilden insgesamt ein Gitter, in dem sich fängt, was die Verse gerade noch andeuten: «Der Schmerz tut bloss, was er muss; und nie stimmt er.»

Lyriker seien Menschen, so soll Pep Guardiola im Münchner Literaturhaus auch noch gesagt haben, die in wenigen Worten sehr viel über Dinge sagen können. Das käme freilich unserer Zeit der Beschleunigung und Entschleunigung in doppelter Weise und also passgenau entgegen. Gedichte sind verdichtetes Wissen und komprimierte Erfahrung. Auf kleinstem Raum und in der kürzesten Zeiteinheit kommt hier einiges an gedanklicher und sprachlicher Komplexität zusammen. Gedichte waren schon immer so etwas wie die Twitter-Nachrichten der Literatur. Kurz und präzis. Aber Verse verlangen – ungeachtet ihrer Prägnanz, besser: gerade deswegen, und auch das ist eine Binsenwahrheit – vertiefte Reflexion und Aufmerksamkeit. Sie sind das Remedium par excellence gegen Zerstreuung, weil die darin gestundete Zeit in der Langsamkeit der Lektüre ihr Gegenrecht einfordert.

Im Gedicht hat sich das Bildungsbürgertum – da und dort auch gegen den Strich gebürstet – eine letzte Enklave bewahrt. Selbst die Lyrikbände der jungen Wilden haben heute die Anmutung gelehrter Kleinst-Enzyklopädien. Sie versammeln mit systematischer Anarchie das Wissen aus den nächsten und entlegensten Gebieten – und kommen damit dem Wissensdurst einer Zeit entgegen, der die Zeit zur Vertiefung des Wissens fehlt, die aber immerhin in der poetischen Sprache eine letzte magische Erfahrung verlorener Fülle erlebt. Für interessierte Leser erkundet Nora Gomringer in ihrem Band «Morbus» alle denkbaren Krankheitsfälle von Malaria bis Typhus und prüft gar die Herz-Lungen-Maschine auf ihre poetische Tauglichkeit.

Exkursionen ins Körperliche unternimmt auch Carolin Callies in ihrem Debüt und erweitert nicht nur das lyrische Vokabular im Umgang mit dem Körper, sondern diesen selbst, indem sie ihn sprachlich neu formt: «du schaffst neues körpermaterial, eine mischung aus schuppen / & haar, aus knete & lehm, aus sprotten & stippen.» Das weitet sich zu einer doppelten Schöpfungsgeschichte, indem hier die Kreatur ebenso wie die Sprache erforscht werden. Gedichte sind darum Instrumente der Erkenntnis und Wissensspeicher in einem. Man blickt durch sie hindurch auf die Welt, wie Durs Grünbein in seinem jüngsten Gedichtband, «Cyrano oder Die Rückkehr vom Mond», die Erde mit den Augen des Mondfahrers betrachtet und sie noch einmal neu kartografiert. Sein gelehrtes Kompendium von Pythagoras bis Kant und Novalis schliesst altes Weltwissen mit den Brüchen der Moderne kurz. Für die hüpfenden Mondbesucher allerdings kennt der Dichter nur milde Ironie: «Und nun im Ernst: Was hast du gesehn / Auf den wenigen Sprüngen – du, suspendiert / Von der Erdenschwere, weisses Känguruh Mensch?»

Als ein Kundschafter des urbanen Lebens wandert derweil Marcus Roloff mit dem Band «reinzeichnung» durch eine Gegenwart, die ihre präzisen Konturen längst eingebüsst hat. Mit einer Verlustanzeige beginnt Roloff: «im leeren raum / versagt mir das licht.» Die Inventur im Lebensraum des Alltags gelingt nurmehr bruchstückhaft. Was die Gänge in das «dickicht der strassen & plätze» an Eindrücken zusammentragen, fügt sich nicht mehr zum Bild, hinter jedem Phänomen droht vielmehr die Sinnlosigkeit – als grosse Verlockung, die in den Schlussversen anklingt: «fixierte wie lenz als er der welt zu füssen lag / eine sprachlose neigung».

Heraus aus der Deckung

Das Enzyklopädische des Dichtens haben Angela Krauss und Christian Lehnert ihrerseits auf je eigene Weise neu interpretiert. Während der 1969 in Dresden geborene Lehnert in seinem Stundenbuch der biblischen Reflexion mit Engeln «auf Geisterfahrt» geht oder noch einmal den Dornbusch brennen lässt, wendet sich die Leipzigerin Angela Krauss ganz in den Innenraum der privaten Erinnerung: Sie blättert das Familienalbum auf, zeigt Fotografien aus früher Kindheit, begleitet sie mit Versen («Ich bin ein Kind, / aber nicht dieses. / Ich bin das andere, / das mich bewohnt.») – und schreibt überdies ein berührendes Epitaph auf ihren Vater: «Mein Vater ist jung, / jünger als ich, unsterblich. / Er durchstreift die Wälder des Stechlin / in seinen gelbbraunen Slippern mit der Budapester Steppung. / Sein Leben hat er einst hier zurückgelassen, / wie ein Kleiderbündel am Ufer samt Schuhen.»

Aber noch immer kennt das Gedicht auch den vehementen Protest, den poetischen Einspruch gegen die vorherrschenden Verhältnisse, wie ihn einst Miquel Martí i Pol in Verse fasste. An diesen Gestus erinnert Uwe Kolbes «Herbstlied» in dem Band «Gegenreden». Darin heisst es: «Gedichte lauern im Morgengrauen und heulen mit dem Wind / sie fetzen die Blätter von den Bäumen, sie tun ihren Job.» Das «Herbstlied» endet mit den Worten: «Gedichte verlassen die Lauerstellung und schlagen.» Heraus aus der Deckung der schönen Verse!, so lautet die Devise der Dichter und poetischen Enzyklopädisten in diesem Frühjahr und Sommer.

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