Gegen Ende der Zeit von John Updike, 2000, RowohltGegen Ende der Zeit.
Roman von John Updike (2000, Rowohlt - Übertragung Maria Carlsson) .
Besprechung von
Dorothea Dieckmann in Die Zeit:

Ein echter Updike
Der Tagebuch-Roman "Gegen Ende der Zeit"

Das Thema Endzeit hatte hierzulande in den Achtzigern Konjunktur, im Zeichen von atomarer Bedrohung und moralischem Subjektivismus. Private Todesangst und historische Katastrophenstimmung gingen eine beklemmend-verklemmte Beziehung ein. Allerlei Abgesänge auf die strahlend untergehende Erde wurden angestimmt, allen voran die Rättin von Günter Grass. Sein gleichaltriger Kollege jenseits des Teichs, John Updike, ließ das Thema liegen, bis er 70 wurde, und dachte dann, während der Deutsche das großväterliche Millenniums-Potpourri Mein Jahrhundert zusammentrug, über den (eigenen) Tod nach: Toward the End of Time.

Großen Schriftstellern sind große Gesten eigen. Das toward zielt, über die Biografie, ja über den Weltuntergang hinaus, auf das Ende aller Zeiten in den galaktischen Dimensionen, die uns betäuben, denn "wäre es anders, würden wir ununterbrochen schreien". Die eigene Sterblichkeit nicht ohne den Kollaps des Makrokosmos zu denken - wem wären dieser allzu menschliche Größenwahn, diese köstliche Unbescheidenheit angemessener als dem Chronisten des amerikanischen Mittelklasse-Mikrokosmos, dem Meisterbeobachter der mental-genitalen Niederungen?

Und doch ist dieser Roman Gegen Ende der Zeit, der einmal mehr zeigt, welches Erzähluniversum einmal mit John Updikes Schreiben zu Ende gehen wird, zugleich sein bescheidenster. Keine komplexe Erzählsituation wie zum Beispiel in den Erinnerungen an die Zeit unter Ford, keine Generationen umfassenden Perspektiven wie in Gott und die Wilmots, sondern ein schlichtes Tagebuch: Ben Turnbull, Rentner in einer dünn besiedelten Küstengegend Neuenglands, notiert Gedanken zu seinen kargen Erlebnissen - den Alarmsignalen der sich "nach dem Ruhestand sehnenden Prostata", den eisigen Kanten einer eingefrorenen Ehe und den prekären Vergnügungen sporadischer Golf- und Bridgepartien. Warum? Um eine Spur zu hinterlassen? "Was verliert sich nicht im Nichts? ... Ein Beschmutzen von Papier - nicht schlechter und nicht besser, als einen Bridgeblock vollzukritzeln."

Altmännerprosa also, Updikesches Understatement - wäre da nicht eben ein genialer Kunstgriff. Updike lokalisiert das eine Jahr des Tagebuch-Romans an der Wende 2019/2020: eine Verschiebung um eine knappe Generation in die nahe Zukunft (in der etwa ein Bridgeblock von John Updike Auktionswert bekommen könnte), eine winzige Drehung des Erzählwinkels, mehr als eine vorauseilende Aktualisierung, weniger als Science-Fiction. Des Autors leichte Hand nutzt die Hebelwirkung dieser Maßnahme ohne jede Anstrengung, und so geschieht es, dass der Leser die katastrophalen Ereignisse der Zwischenzeit genauso beiläufig registriert wie etwa die Soziologie der Einkaufszentren ("ein Lebensraum von schlampigster Intimität") oder eines Independence Day in der Provinz ("weiße Jungen in schlabberigen Hemden und Shorts ... und Mädchen in besser sitzenden, schickeren Klamotten ließen den Feiertag versickern wie ausgekipptes Sprudelwasser auf heißem Zement").

Um das Jahr 2010 hat ein mit Atomwaffen ausgetragener Krieg zwischen Amerika und China die Weltbevölkerung halbiert, Amerika ist in den Commonwealth eingegliedert worden und im Begriff, zum Hinterhof Mexikos zu werden, das die Südweststaaten zurückeroberrn will. Boston gleicht dem Los Angeles in Blade Runner, Kalifornien ist von der Ostküste abgeschnitten, der Mittlere Westen radioaktiv verseucht, die politische Verwaltung ein bloßer Behördenschatten hinter marodierenden Jugendbanden und Mafiagangstern, der Präsident mit dem sprechenden Namen Smith ein "anonymer, verlachter Mann" - kurz, Ben Turnbulls Sonnenuntergangsjahre zergehen in einem verwandten "Nachkriegsdämmer", einem "Zwielicht jenseits von Recht und Ordnung", das den sich nur langsam assimilierenden Augen des Lesers das Ausmaß der Zerstörung nur zögerlich, unmerklich enthüllt.

In diesem Halbdunkel schwebt neben dem ersten ein zweiter, künstlicher Mond - eine von der in die technische Vorzeit zurückgebombten Erde aufgegebene Raumkolonie, ein wabenförmiges Totenschiff. Dahinter jedoch erscheint denen, die es sehen, also glauben und nicht mit bloßen Lichterscheinungen verwechseln wollen, ein weiteres, riesiges Himmelsobjekt, "blaß wie ein Wasserzeichen in teurem blauen Briefpapier" - ein Raumschiff, erfunden von einem Geist, der die Materie genauso überwunden hat wie die Tragödie der Zeit, ein physikalischer Gott, in dessen Magnetfeld eine "allumfassende Versöhnung" herrscht und die zeitgebundene Relativität des hinfälligen Erdlings aufhebt. Vor der Himmelsmacht dieses "Torus" ist das Ich mehr als nur eine zufällig zum Sein verurteilte Möglichkeit im Reich der Quanten, der verzweigten Paralleluniversen, deren virtuelle Existenz Updike-Turnbull zu ausschweifenden mathematischen Spekulationen hinreißt.

An drei Stellen kippt denn auch die erzählte Realität in eine dieser Nebenwelten ab; der Erzähler verwandelt sich erst in einen ägyptischen Grabräuber, dann in einen irischen Mönch kurz vor der Jahrtausendwende. Ob es dieser Ausflüge in die spirituell-physikalischen Möglichkeiten bedarf, ist fraglich, besonders angesichts der dritten, plausibleren Verwandlung, als sich Ben bei der Begegnung mit seinem jüdischen Arzt in der Umkleidekabine in der Rolle eines Nazischergen sieht. Beim Anblick des himmlischen Halo-Phänomens jedenfalls durchströmt den Protagonisten, der seine begrenzte Lebensmöglichkeit fast ausgeschöpft hat, ein "sahniges, schwereloses Gefühl unumstößlicher Bestätigung".

Das Bewusstsein, das den alten, neuen "gestirnten Himmel über uns" mal aufgeklärt, mal abgeklärt, mal verklärt betrachtet (das Alter Ego, um es umstandslos zu sagen, des seit je religiös reflektierenden John Updike) - dieser "winzige, bewußte Teil, der auf einem Urmeer von Hunger, Sexus und halbautomatischen Körperfunktionen treibt", ist der hilflos nachdenkende Kopf eines verfallenden Körpers, der zusehends die atavistischen Männerprivilegien einer männlich-amerikanischen Durchschnittsexistenz verliert - "die Macht, die Mobilität, den Penis".

Die Macht: Bei seinen gelegentlichen Auftritten in seinem früheren Büro in Boston wird der ehemalige Finanzmakler als freundlicher Trottel von vorgestern, bei den Besuchen von Kindern und Enkeln als ausgedienter Häuptling behandelt, als überflüssige Variable "in einer Gleichung, die ohne mich schon knifflig genug ist". Die Mobilität beschränkt sich auf gelegentliche Ausflüge in den Garten, das Reich der Hausherrin Gloria, oder ans Ende des Grundstücks, wo ein paar Jugendliche kampieren, die in die Fußstapfen der halbseidenen Schutzgeldeintreiber Stan und Phil treten wollen. Das Kapitel Penis ist spätestens nach der Prostataoperation beendet, die Inkontinenz und Impotenz hinterlässt. Die Quintessenz - "Wenn ich Gloria nie mehr mit steifem Schwanz einen Orgasmus bescheren kann, bin ich für sie nur noch als steifer Leichnam von Nutzen, der ihr liquide Mittel hinterläßt" - ist ein echter Updike, der das Gleichgewicht zwischen Nabelschau und Selbstironie, die wunderbare Mischung aus Weisheit und Albernheit, in sarkastischer Richtung überschreitet.

Wie verbringt ein amerikanischer Jedermann nach dem großen Weltbrand seine "armselige, aber köstliche Gnadenfrist vor dem unwiderruflichen Beginn der Zeitlosigkeit", die auf- und absteigende Bewegung eines Jahres, die sich so vollkommen im ersten Satz mitteilt: "Der erste Schnee: in diesem Jahr fiel er Ende November"? Er beobachtet die märchen- und mädchenhaften Rehe, die seine Frau als Schädlinge bekämpft, und betrachtet den Garten, den sie militärisch zurechtstutzt, im Wechsel der Jahreszeiten. Gloria mit den gepflegten Zähnen und der perfekt getönten Goldhaarhaube, schon namentlich das Gegenstück ihrer Vorgängerin, der friedfertigen Perdita, verkörpert das Prinzip eines gnadenlosen, auch sexuellen Utilitarismus. Ben identifiziert sich mit dessen Opfern. "Sie möchte, daß wir tot sind, ich und die Rehe" - "Für Gloria bin ich gewissermaßen ein Garten, in dem sie jäten, in Form schneiden, hochbinden und Blattläuse vergiften muß": Es ist diese Hybris, gegen die Updike - statt der archaischen Männermacht - seine Religion der Poesie, des Loslassens, der Kontemplation mobilisiert, sein "Zurück zur Natur", das heillos defensiv auf das Zurück zur Natur des Atomkriegs antwortet. Der Text ist, trotz der Zeichen von fast homerischer Erzählgestik, auf weiten Strecken ein klassisch-lyrisches Natur-und-Ich-Gewebe mit zarten rilkeschen Kettfäden.

Die junge Schlampe mit dem "Butternußhintern"

Dass ohne das "Prinzip Gloria" eine verlottert-hedonistische Anomie einkehrt, ergibt sich aus dem unwirklichen Intermezzo, in dem sie auf irgendeine Reise verschwunden ist und die Hure Deirdre die Restpotenz des 66-Jährigen teilt. Die junge Schlampe mit dem "Butternußhintern" aber entschwindet mit den Schutzgeldeintreibern, die Ehefrau kehrt zurück. Einmal noch schlägt sich Ben auf die Seite der gesetzlosen Jugend in Gestalt jener kleinen Bande, die er - belohnt durch ein letztes Schnuppern an einer appetitlich-abgebrühten Lolita - heimlich auf die Nachbarn hetzt; dann überfallen horrorartige, mit dem Krieg entstandene anorganische Lebewesen, aggressive Metalltiere mit Namen wie Schnicker, Öl- oder Funkenfresser, die Waldbewohner und hinterlassen zerfetzte Kadaver. Kurz darauf wird Ben operiert. "Wir sind jetzt zu dritt im Haus - Gloria, ich und mein bevorstehendes Ableben." Am Ende hat Gloria den in den Uniformen des privaten Postdienstes steckenden Mafiosi die Obhut übertragen und einen Rehtöter bestellt, der prompt eine tote Ricke präsentiert. "Ich konnte mich sehen, ein Splitter in Parka und Cordhose, der sich in dem runden, glanzlos werdenden Augapfel spiegelte."

Ist die filigrane Komposition dieses bescheidenen Tagebuchs mit seiner unbescheidenen Reichweite, dieser philosophisch-theologischen Äonenreflexion auf alltäglicher Augenhöhe schon staunenswert, so ist die Sprache selbst, wie immer, ein reines, helles Vergnügen, das an würdiger zweiter Stelle der großartigen Übersetzung der Updike-erfahrenen Maria Carlsson zu danken ist. Die altersweisen Spekulationen und schwärmerischen Lyrismen fließen nahtlos mit jungenhafter Lakonik, tollkühnen, jede Trivialität meidenden Bildern und Blitzen jenes intelligenten poetischen Irrwitzes zusammen, den der kokette Updike-Bewunderer Nicholson Baker feiert und kultiviert.

Wenn der Donner klingt "wie eine Erdbeerschachtel, die kaputtgeht, wenn man draufdrückt"; wenn Angst in den Hinterkopf rieselt gleich dem Wassertröpfeln, "das das ganze Haus mit seinem Gemurmel erfüllt, wenn im Spülkasten einer Toilette der Schwimmer nicht richtig angebracht ist"; wenn ein Golfball an eine im Kühlschrank vergessene Orange gemahnt, die "zu einer gräulich grünlichen Kugel zusammenschrumpft, die trübe Wölkchen auspufft wie ein Pollensack"; wenn schließlich ein feuchter Traum von seiner Bridgepartnerin Ben suggeriert, wie er seinen "Körper auf ihren legte (ihn trumpfte) und wie inbrünstig ich mein Becken gegen das rotbraunhaarige C“urass an der Nahtstelle ihrer Beine preßte" - dann sprüht der Updikesche Schalk in all seiner kunstfertigen Treffsicherheit, als ginge es nicht um Leben oder Tod, sondern um das Feuerwerk reiner Dichtung.

Das Leben geht weiter, schließlich. "Menschen sterben, die Menschheit aber ist so zäh und elastisch wie das lebendige Holz, das draußen vor meinem Fenster stöhnt." Das neue Enkelkind heißt Adam. "Er ist ziegelrot." Der November ist wieder angebrochen. Ein paar irrtümlich ausgeschlüpfte Falter leben ihr kurzes Parallelleben in der falschen Jahreszeit, kurz vor dem "tödlichen Herannahen des Winters". Da bricht das Tagebuch ab. Das Möglichkeitswesen Ben Turnbull aus dem Updike-Universum hat seine Zeit gehabt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0405 LYRIKwelt © D.D./Die Zeit