Gegen die Zeit von Sascha Reh, 2015, SchöfflingGegen die Zeit.
Roman von Sascha Reh (2015, Schöffling&Co.).
Besprechung von Jens Dirksen aus NRZ vom 12.8.2015:

Als sie noch träumten – Sascha Rehs Chile-Roman
Santiago de Chile, vor dem 11.9.1973: Sascha Rehs „Gegen die Zeit“ erzählt von großen Hoffnungen und der Begeisterung für eine friedliche Revolution.

Begeisterung für eine politische Idee? Gibt es so etwas noch? Die Vorstellung, dass Politik dazu da sein könnte, eine Gesellschaft nach Maßgaben von Ideen und Erkenntnissen zu formen, ist heute leider weitgehend abhanden gekommen. Zu sehr versteht sich der Betrieb in Berlin, in Brüssel und auch der rund um den Bürgermeister vor Ort als Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Die normative Kraft des Faktischen hat gesiegt. Der Staat hat auf Nachtwächter und Feuerwehrmann umgeschult und Idealisten scheint es nur noch in der gekränkten Variante zu geben – als Zyniker.

Einfaches Flugticket, frühe Rechner

Die Sehnsucht nach politischer Gestaltung ist allerdings nicht gänzlich eingeschlafen. Jedenfalls umkreist der neue Roman des 1974 in Duisburg geborenen, heute in Berlin lebenden Sascha Reh die Wochen und Monate vor dem Putsch gegen den chilenischen Präsidenten Salvador Allende am 11. September 1973. Jene Zeit also, in der Regierung und Staatsapparat des Landes versuchten, die Wirtschaft des Landes nach den Bedürfnissen der einfachen Chilenen zu organisieren statt nach denen der kleptokratischen Oberschicht und denen von US-Firmen.

Im Zentrum von Rehs Roman „Gegen die Zeit“ steht der etwas haltlose und phlegmatische Hans Everding. Er hat gerade in Ulm sein Design-Studium abgeschlossen, in einer Mischung aus Abenteuerlust und biografischer Ratlosigkeit folgt er einer Anforderung von Entwicklungshelfern. Mit einem Spanisch-Wörterbuch und dem Ticket für einen einfachen Flug bricht er auf nach Santiago de Chile.

Beraten von einer englischen Koryphäe für Steuerungstechnik versucht dort ein Team, sämtliche Wirtschaftsdaten des Landes tagesaktuell in einer Zentrale in der Hauptstadt zusammenfließen zu lassen, um die wirtschaftliche Produktion mit Hilfe dieser Daten und eines Rechnersystems zu regeln. Es entsteht ein allzu früher Vorläufer von heutigen Computernetzwerken. Fortschritt vor der Zeit, und dann auch noch am falschen Ort, jedenfalls wenn man die CIA fragt.

In Rückblicken und Sprüngen erzählt

Hans Everding, der anfangs nur dafür zuständig ist, die Ausstattung dieser Rechenzentrale effizient, komfortabel und ansehnlich zu gestalten, macht das Ganze immer mehr zu seinem Herzensprojekt, zumal er hier auch für eine Herz-Dame entflammt – am Ende hat dieser Mann das Herzstück der Rechenzentrale in seinem Rucksack.

Das eine wie das andere geht nicht gut aus. Und obwohl man es weiß oder ahnt, entwickelt der versiert in Rückblicken und Sprüngen erzählte Roman eine Spannung wie ein Polit-Thriller. Hans Everding wird am Ende diese Buches erwachsen sein, was ja nur zu oft heißt: der schönsten Illusionen beraubt. Aber dass es diesen Roman gibt, ist ein so bemerkens- wie lesenswertes Zeichen dafür, dass man sich nicht damit abfinden muss.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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